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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-04-10 · Heft 15 (10.4.1877) · p. Seite 233

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 15 (10.4.1877)
Date
1877-04-10
Page
Seite 233 (sequence 5)
Language
German
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233 Unterricht theils aus Mißachtung desselben, theils aus Furcht vor ihm ausschließen will und ausgeschlossen hält. Wir können Herrn vr. N. nicht beistimmen, wenn er sagt (S. 397): „Das Elementarschulwesen der Juden in Jerusalem war früher mangelhaft beschaffen. Erst in der neuern Zeit haben die von auswärtigen Wohlthatern Jerusalems gegründeten Schulen diesen Mangel größtentheils abgeholfen." Sehen wir zu, was er selbst berichtet. Da ist zuerst die Herz-Lamel'sche Schule, 1856 gestiftet, in welcher 40 Kinder außer im Hebräischen in Elementargegenständen unterrichtet werden. Neben ihr die Blumenthal'sche Schule, 1868 gegründet, welche 60 Kindern gedachten Unterricht gewährt. Ein gleiches Ziel verfolgt die Rothschild'sche Mädchenschule für etwa 10O Mädchen. Dies ist Alles. Nach der gewöhnlichen statistischen Annahme müssen sich in Jerusalem jetzt stets fast 2000 Kinder im schulpflichtigen Alter befinden. Die gedachten drei Schulen zählen zusammen 2O0 Zöglinge. Was geschieht für die übrigen 1800? vr. N. berichtet: „Die Sephardim besitzen neben den großen Synagogen eine Talmud-Thora- Schule, in welcher etwa 300 Knaben in den hebräischen Elementargegenständen unterrichtet werden. In einer höheren Abtheilung wird Unterricht in der heiligen Schrift und im Talmud ertheilt. Die Afchkenasim haben eine ähnliche Schule in einem eigenen Gebäude in der Churba. Außer diesen öffentlichen Lehranstalten giebt es noch viele kleine Privatschulen, jede mit 5 bis 20 Kindern." Es geht also hieraus hervor, daß die übrigen etwa 9OO Knaben in allen Elementargegenständen nicht und die übrigen 900 Mädchen überhaupt nicht unterrichtet werden. Biele Leser werden erstaunt fragen, warum die Alliance israölite universelle, die doch an so vielen und weit entlegeneren Orten des Orients Schulen angelegt hat und unterhält, dies in Jerusalem noch nicht einmal versucht hat? Die Antwortliegt eben darin, daß sie es nicht vermochte, daß der Zelotismus ihr keinen Raum dazu gewährte, vr. ')l. verräth dies selbst, da er uns die Antwort der Leute, die er deshalb befragt, mittheilt: sie fürchteten sich nicht vor der Lehre, sondern vor den Lehrern! — Daß hiermit der Besserung der socialen Verhältnisse unserer Glaubensgenossen in Jerusalem der erste und nothwendigste Weg abgeschnitten ist, brauchen wir dem Einsichtsvollen nicht zu sagen. Weiter muß man fragen: wie ist dem gewerblichen Leben der dortigen Juden aufzuhelfen? Zunächst war es Sir Moses Montefiore, der darauf sann, den Gewerblofen Beschäftigung zu geben. Er errichtete eine Leinweberei in größerem Maßstabe; ein deutscher Meister gab 40 Lehrlingen Unterricht in diesem Fache; in einer Mädchenschule wurden Mädchen unterrichtet, die Leinewand zu Wasche zu verarbeiten. Eine große Mühle wurde hergestellt, die einzige in der Stadt. Zwanzig Häuser wurden zu Armenwohnungen erbaut u. s. w. Von allen diesen Einrichtungen bestehen nur noch — die Armenwohnungen; alle anderen sind eingegangen. Unter den Rothschilv'schen Stiftungen ist auch eine „Gewerbeschule". Es werden nämlich in verschiedenen Werkstätten 60 Zöglinge untergebracht, wie Tischler, Schlosser, Klempner, Schneider, Schuhmacher u. s. w. Dr. N. sagt: „Zahlreiche Kinder armer Ellern und Waisen erwarben sich nach beendigter Lehrzeit als Gehülfen bei Meistern einen ehrenhaften Lebensunterhalt, und gründeten sich später als selbstständige Meister eine unabhängige Existenz." Wir hatten gewünscht, daß vr. N. dies mit statistischen Angaben aussührllich dargethan hatte, wie er es mit der Wirksamkeit des Rothschilv'schen Krankenhauses erschöpfend gethan. Dahingegen ist eine Handwerkerschule für jüdische Knaben, welche die Missionäre mit großen Kosten angelegt, von ihnen völlig wieder aufgegeben worden. Herr vr. N. meint nun, daß der Ackerbau für die Juden in Jerusalem sich durchaus nicht eignet, da ihn außer anderen Gründen die Unsicherheit vor den räuberischen Arabern äußerst precär macht. Für ihn kann eine Verbesserung nur durch industrielle Einrichtungen erreicht werden, und zwar besonders durch den Seidenbau, ein mechanisches Institut, wenn ihm ein europäischer Mechaniker vorgesetzt würde, die Wiederaufnahme der Leinweberei. Wir gestehen, daß wir ohne eine umfassende Veränderung des Schulunterrichtes von allen derartigen Einrichtungen keine wesentliche Verbesserung erhoffen. Es können theilweise mehr oder weniger dauernde Erleichterungen in der Armuth der Bevölkerung geschaffen werden, und auch dies wäre schon von bedeutendem Werthe; aber eine umgestaltende Wirkung ohne bessere Volksbildung können sie nicht haben. Unter diesen Umständen bleiben die auswärtigen Spenden noch immer die wesentliche Quelle für die Hülse Jerusalems. Gut angelegte und administrirte Wohlthätigkeitsanstalten sind es bis jetzt allein, die in Jerusalem floriren. Ueber die Geldspenden und ihre Vertheilung verweisen wir auf das Werk des Herrn vr. 'Reumann selbst. Auch über diese Vertheilung, und wie dieselbe zur Knechtung der Masse diene, ist häufig geklagt worden, vr. N. bestätigt dies nicht, wenigstens übergeht er es mit Stillschweigen. Auch würde wohl eine Veränderung des Modus schwerlich erreicht werden können. — Interessante Ausschlüsse giebt uns der Vers, auch über das Missionswesen in Jerusalem. Wir wollen ihm durch Wiedergabe umsoweniger vor greifen, als die Erfolge der Missionäre äußerst geringe sind und dem Geldaufwande auch nicht im Entferntesten entsprechen. Man kann sich denken, daß die Herren Missionare deshalb auch nur schlecht auf die dortigen Juden zu sprechen sind. Wir freuen uns, in dem Buche des vr. Neumann ein grundlegendes Werk signalisiren zu können, auf welches die weiteren Beobachtungen und Bestrebungen für die h. Stadt sich stützen können. Möge es deshalb bei unseren Glaubensgenossen eine recht weite Verbreitung finden, und namentlich jede Gemeinde durch Anschaffung eines Exemplares ihrer Pietät nach dieser Seite hin genügen.

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