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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-04-10 · Heft 15 (10.4.1877) · p. Seite 232

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 15 (10.4.1877)
Date
1877-04-10
Page
Seite 232 (sequence 4)
Language
German
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232 muffen, auf den dann der allmälige rabbinische Ausbau folgte. Alsdann ergiebt eS sich aus der Natur und dem Zwecke dieser Entwickelung weiter. Es galt stets, die wechselnden Verhältnisse, Lebensbedingungen und Sitten des Volkes mit den geschriebenen und überlieferten Vorschriften der Religion in Einklang zu bringen, wobei schließlich die ersteren, wenn auch nicht offen zugestanden, doch vorherrschend das treibende Motiv waren und sein mußten. Der Zweck war, die israelitische Religion in ihrer ganzen Wesenheit auch außerhalb Palästina's und mitten unter den Völkern der Erde zu erhalten und für die fernste Zukunft die monotheistische Lehre ungebrochen und unvermischt von Geschlecht auf Geschlecht zu übertragen. Dies war die Tendenz des Volkes bis in fernen äußersten Splittern, und diese verfolgten die Rabbinen, die sich stets aus dem Volke erneueten und mit ihm täglich in Berührung standen. Sie nahmen „das Joch des Gesetzes" ganz ebenso auf sich wie alle anderen Theile des Volkes unterschiedslos. Mag man also über das talmudisch-rabbinische Gesetz je nach dem Standpunkte urtheilen, auf welchen man sich stellt: seine Bedeutung für die Erhaltung des Judenthums, für die Erhaltung der einzigen rein monotheistischen Religion, ist entschieden und vom höchsten geschichtlichen Werthe, es selbst eine Schöpfung des Volkes. — — Um der Wahrheit die Steuer zu geben, nehmen wir von dem Gesagten offen die Chassidim und ihre Rebbe's aus. Dieser bösartige Auswuchs, den wir dem vorigen Jahrhundert verdanken, ist allerdings ein Machwerk des finstersten Aberglaubens, in dem einige listige Betrüger das Elend und die Glaubenssehnsucht des Volkes benutzten, um ihm den absurdesten Wunderglauben einzusenken und sich durch den Schweiß des Volkes zu bereichern. In Rußland selbst hat der Staat und zwar mit vollem Rechte diesen schädlichen Wahnwitz verpönt, mit vollem Rechte, sagen wir, da es des Staates ist, den offenbaren Betrug, der sich die Leichtgläubigkeit des naiven Volkes zu Nutze machen will, auf jedem Gebiete zu verhindern; in Galizien und Ungarn feiert er noch heute seine Orgien. Er ist aber ein Feind des rabbinischen Judenthums, und dies ist ein Zeugniß mehr für den sittlichen Charakter des letzteren. Dennoch bietet der Chassidismus ebenso wenig eine Handhabe für den Nihilismus wie der Rabbinismus. Wir können aus der Ferne nicht wissen, welche Ausbreitung der Nihilismus in Rußland genommen, und ob er dem Staate und der Gesellschaft bereits eine wirkliche Gefahr bereitet, oder in Zukunft bereiten werde. Möge aber die russische Staatsregierung wohl erwägen, daß sie gerade im Judenthume einen vollkräftigen Gegensatz, eine nachhaltige Abwehr gegen den Nihilismus besitzt, und sich endlich bemüssigt sehen, die Quelle des Elends für die jüdische Masse zu verstopfen, nämlich das Verbot der Freizügigkeit und die Ausnahmegesetze. Für die Juden giebt es kein besseres Mittel, um sie und ihre Jugend zu Gegnern der Nihilisten zu stempeln. Aus Jerusalem. III. Herr vr. Neumann bezeugt also die traurige Thatsache, daß von den 13,000 Juden, die gegenwärtig in Jerusalem ansässig änd, über 6000 theils ganz auf auswärtige Hülfe angewiesen sind, theils derselben in gewöhnlichen Zeiten nicht völlig, bei den häufigen Norhständen gar nicht entbehren können. Es ist bekannt, daß man sehr häufig diesen unseligen Zustand dem Hang zum Müßiggänge zuschreibt, welchem die Juden in der h. Stadt fröhnen sollen. Diese und andere öbele Nachreden gingen, wie vr. N. nachweist, ganz besonders von de» christlichen Missionären, die in Jerusalem stationiren, aus, deren Absichten hierbei sehr durchsichtig find. Sie möchten den dortigen Juden den Zufluß von Spenden ihrer auswärtigen Glaubensgenossen abschneiden, das Elend vermehren, um dadurch einige Seelen mehr und leichter zu fangen, was ihnen bis jetzt in so außerordentlich geringem Maße gelingt. Cr behauptet, daß die Juden in Jerusalem so zur Arbeit und Erwerbsthätigkeit geneigt seien, wie ihre Glaubensgenossen überall, sobald es ihnen an Gelegenheit nicht fehlt. Dies ist aber das Unglück für Jerusalem, daß es durch seine Lage und den Mangel an Communicationsmitteln von allem Handels- und gewerblichen Verkehre abgeschlossen ist, wozu noch die Genügsamkeit der Bewohner und die Unsicherheit des Landes kommen. Zu dieser wesentlichen Ursache der Armuth fügten wir den darum ganz unverhältnißmaßigen Zufluß armer Israeliten hinzu, durch welchen die Lage nur immer trauriger werden muß. Ein Lichtblick hierbei ist nur die strenge Sittlichkeit, durch welche nach der Schilderung des vr. N. die jüdische Bevölkerung zu Jerusalem sich auszeichnet, und die Mildthätigkeit, mit welcher sie sich untereinander beisteht. Forschen wir nun nach den Mitteln, durch welche diesen jämmerlichen Zuständen abgeholfen werden könnte. Es liegt auf der Hand, daß jene Gewerblosigkeit der Stadt überhaupt vielleicht erst durch die Anlegung der schon mehrere Male projectirten Eisenbahn von Jaffa nach Jerusalem in etwas gemindert werden könnte, sonst aber außerhalb aller Aussichten auf Besserung liegt. Auch den Zufluß armer Juden zu hemmen, ist kaum möglich, da viele derer, die da kommen, zu Hause so wenig zu verlieren haben, daß selbst die Bekanntschaft mit den übelen Verhältnissen der h. Stadt sie nicht zurückhalten wird. Unser nächster Blick wendet sich daher der Frage zu: wie steht es mit dem Volksunterrichte, mit der Schulbildung? Und hiermit ist es gar schlimm bestellt. Dr. N. schildert uns das religiöse Leben der dortigen Juden, wie es mit der äußersten Gewissenhaftigkeit nach allen traditionellen Gesetzen und Bräuchen von samunlichen jüdischen Bewohnern geübt wird. Jedermann wird davon sich erbaut fühlen. Allein es ist auch nicht zu verkennen, daß hiermit in der Masse der Gelehrten wie der Ungelehrten der Geist des Zelotismus und Fanatismus verbunden ist, welcher allen profanen

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