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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-04-10 · Heft 15 (10.4.1877) · p. Seite 231

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 15 (10.4.1877)
Date
1877-04-10
Page
Seite 231 (sequence 3)
Language
German
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231 der Aufruf dem erzürnten Israel gegen dieselben Folgendes in den Mund legt: „Eure Verbrechen sind wie ein Buch vor unseren Augen aufgerollt. Das Glück, mit dem Ihr großthut, ist das Losegeld unserer mühevollen Arbeit, das Lösegeld unserer Thränen. Der hohe Sitz, von dem aus Ihr auf uns herabschaut, ist errichtet aus dem Beinhaufen unserer Brüder, die durch Eure Niederträchtigkeit, Geschlecht für Geschlecht, in Noch und Jammer zugrunde gegangen sind. „Vom Schweiße des Volkes sättigt Ihr Euch, aus dem Marke unserer Knochen saugt Ihr Euch die Lebensgenüsie und uns laßt Ihr das Darben, die Armuth, die schwere Arbeit, allzu viel, um ertragen zu werden. „Euch aber war es zu wenig. Ihr habt Sünde auf Sünde gehäuft. Denn mit aller Kraft seid Ihr durch finstere Künste bemüht, den Geist der Thorheit unter uns zu erhalten und statt uns auf nützliche Dinge hinzulenken, führt Ihr uns in die pfadlose Oede. Ihr zwingt uns, .den Staub Eurer Füße zu lecken und Euch mit den Attributen der Hoheit zu krönen, und je mehr Ihr krumme Wege wandelt, desto mehr Weihrauch verlangt Ihr für Eure Nase. „Und nachdem Ihr Euer Gut gehäuft hattet, nachdem Ihr dick und fett geworden wäret und nachdem Ihr sähet, daß wir schweigend und ruhig unsere Schulten neigten, um Eure Last zu tragen, da verlegtet Ihr Euch auch auf die Völker ringsumher und Ihr wäret wahnsinnig im Rausche der Gewalt. „Da nagten Eure Sünden an unseren Knochen und Euere Verbrechen wurden uns zum Aussatze. Ihr habt auf unser Haupt den Sturm heraufbeschworen, durch Eure Schuld entbrannte gegen uns der Zorn des Pöbels und die Eifersucht der Gesetze und brannte fort bis zu dem Punkt, uns gänzlich zu vernichten. Die Schmach der Verfolgung legte sich dicht auf unser Angesicht, die Leiber von Tausenden unserer Brüder sanken in die Gruft. Söhne unseres Volkes! Ihr habt die Kraft unseres Volkes in den Staub getreten und durch Euere Ruchlosigkeit wurde unser Volk zur Lästerung. Dieses gedrückte und gegen die Gewalt aufschreiende Volk hat durch Euch mehr gelitten, als durch alle Geschlechter des Erdbodens." Man könnte sich mit einigem Erstaunen fragen: für wen eigentlich diese hohlen Phrasen, diese maßlosen gesuchten Ausdrücke geschrieben wären? Denn die Juden selbst wisien doch, daß Alles in diesen Redensarten unwahr und falsch ist. Die polnischen Rabbiner mit einem Glück, auf das sie großthun, mit einem hohen Sitz, von dem sie heruntersehen, mit Reichthum und Lebensgenüsien, während sie das Volk darben lasten, mit den Attributen der Hoheit, mit aufgehäuftem Gute u. s. w.!!! Jndeß die Abfaster solcher Manifeste wollen ja nur den Mangel an Sinn und Verstand, an Wahrheit und vernünftigen Gründen durch Worte decken, welche Schrecken und Angst verbreiten, Haß und Wuth athmen sollen. Nicht um dieser willen, sondern um jeder Verdächtigung entgegenzutreten, welchen jüdische Angelegenheiten so leicht begegnen, mögen wir einige Worte über die hingeschleuderten Vorwürfe hinzufügen. Es giebt keine andere Religion, deren Lehrer und Diener in so uneigennütziger, selbstloser Weise durch viele Jahrhunderte hindurch ihren Beruf erfüllten, ihres Amtes pflegten, wie die Rabbiner. Sie haben niemals, La sie weder Priester noch Pastoren im Sinne jedweder anderen Religion waren, sondern nur die Gelehrten und Lehrer, irgend erhebliche Vorrechte besessen; alle ihre Functionen konnten ebenso gut von nichtangestellten Gelehrten vollzogen werden; Jeder in der Gemeinde konnte ihnen widersprechen und sie zur Discussion nöthigen; sie bildeten keinen eigenttichen, noch weniger einen organisirten Stand, und der Zusammenhang unter ihnen selbst war stets ein freier; sie hatten das kärglichste, oft sehr precäre Einkommen und ihre Wittwen und Waisen fielen häufig der größten Armuth anheim; was sie an Ansehen besaßen, verdankten sie stets nur dem Vertrauen ihrer Gemeindemitglieder auf ihre Sachkenntniß und Frömmigkeit; Macht besaßen sie gar keine, denn eifersüchtig wachten hiergegen die Vorsteher der Gemeinde; sie brachten ihr Leben in ihrem Stuvirzimmer zu, und all' ihr Lebensgenuß concentrirte sich auf das Studium der Thora und des Talmuds; Gewissenhaftigkeit in ihrer Auslegung des Gesetzes, und Gerechtigkeit in den von ihnen verlangten Urtheilen zeichneten sie zu aller Zeit aus. Dies ist ein vollkommen wahrhaftes Bild, das auf die Rabbiner aller Jahrhunderte paßt, und wir fordern Jedermann auf, uns nur in einem Theile dieser Sätze den Jrrthum oder die Unwahrheit nachzuweisen. Wir wisien sehr wohl, daß es unter ihnen auch zank- und streitsüchtige, zelotische, jähzornige und hartnäckige Geister gab. Wie sollte dies auch anders möglich sein? Allein dies war immer nur vereinzelt, und kam so nur in langen Zwischenräumen einmal zu öffentlicher Kundgebung. Die Geschichte'der Rabbiner zeigt trotz anderthalb Jahrtausende und der zahllosen Glieder dieses Standes doch nur äußerst wenige Verketzerungen und Absetzungen, vielleicht eben weil ras Band, das die Gemeinden an sie knüpfte, nur ein geistiges, äußerlich kaum durch einen Contract gebundenes war. Die Vorwürfe des nihilistischen Aufrufes sind daher nach dieser Seite hin völlig lügnerisch. — Ganz ebenso zeigt sich aber die wahre Sachlage, wenn wir sie von einer innerlichen Seite auffasten. Das talmudischrabbinische Gesetz, wie es sich auf der Grundlage des mosaischen seit der Mitte des Bestandes des zweiten Tempels entwickelte, ist ein Werk des Volkes und seines Geistes selbst. Es ist durchaus kein gemachtes System einer Kaste, ras durch irgend eine Gewalt und Macht dem betreffenden Volke aufgebürdet worden. Es hat in der Volksseele gekeimt, in ihr seine Sprossen getrieben, aus ihr seinen Stamm in die Höhe gebracht und sie hat sein steies Wachsthum gepflegt. Dies wird schon durch die Länge rer Zeit erwiesen, die seine Entwickelung in Anspruch nahm, so daß bis zum Abschluß des Talmuds selbst acht Jahrhunderte gezahlt werden 13*

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