Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1877)
- Date
- 1877-04-10
- Page
- Seite 230 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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230 auf^ciöfteu, zerbröckelten, zerstoßenen Gesellschaft zn setzen, unv so phantastisch jene auch waren, es gab doch immer einen Gedanken und eine Form, etwas Sicht- und Greifbares. Wer vermag stch aber Etwas dabei zu denken, wenn die Nihilisten auch in dem vor uns liegenden Aufruf sagen: Unser Programm ist: „Gemeinsame Arbeit, gemeinsamer Besitz, freier Bund aller Arbeiter, freie Conföberation aller Völker der Erde, Vernichtung aller Gewalt und Vernichtung alles dessen, waS das Werk hindern will"? Die „freie Conföderation aller Völker der Erde"! Wenn nun einige dieser Völker, sei es in Europa, Asien oder Afrika nicht dazu gehören wollen? wenn sie fortfahren, ihre Nachbaren beherrschen und ausplündern zu wollen? Die Conföderation ist ja frei? Die Gewalt ist ja vernichtet. Ebenso: „Der freie Bund aller Arbeiter" — wenn nun einige Arbeiter nicht wollen? Wenn viele gar nicht, wenig oder schlecht arbeiten? Der Bund ist roch frei, die Gewalt ist vernichtet, was thun? Da liegt eben der volle krasie Widerspruch; das Eine hebt das Andere auf; es ist ras Nichts. Entweder die Freiheit ist da, Jeder kann thun und lasten was er will, und dann ist jede Organisation unmöglich. Alles ist aufgelöst. Nichts wird gethan und geschafft — oder, und dies sagt der außerrussische Socialismus offen. Alle werden gezwungen, Alle nach einem Maßstabe casernirt und gefüttert, zur Arbeit geführt und zurückgebracht, die Freiheit ist vor dem Despotismus verschwunden, dem Despotismus der vielköpfigen Gesellschaft statt des der Einzelnen. Gemeinsamer Besitz; aber dieser muß doch organisirt und verwaltet werden. Der Austausch der Produkte unter den Völkern kann doch nicht aushören; so werden die einzelnen Völker reich oder arm werden; unv woher nun die Verwalter, die redlichen und uneigennützigen? Es sind dies ja auch freie Arbeiter, wer darf sie kontroliren wollen? .. . Kurz Widerspruch, Unsinn, ja Blödsinn in allen Punkten. Es ist, wie wenn Jemand verkündete: Jedermann soll ein freier Mensch sein, aber Niemand darf ein Mensch sein; Jedermann soll frei esten und trinken, aber Niemand darf esten und trinken. .. Man würde nicht glauben, daß solche Dinge außer den verstandlosen Ausheckeru nur einige Anhänger fanden, wenn wir nicht Aehnliches vor unsren Augen sähen, wenn wir nicht noch in unsrer Zeit täglich die Herrschaft des krastesten Aberglaubens über die Volksmaste gewahren müßten. Jugendliche Unerfahrenheit und Schwärmerei, das Elend manches Theiles des Volkes und die Maste der heruntergekommenen und verlorenen Subjekte bieten den „Betrügern" und „betrogenen Betrügern", den nach Herrschaft und dem Schweiße des Volkes Lüsternen Stoff genug zu ihrem verbrecherischen Werke, welches durch das Geheimnißvolle noch einen besonderen Reiz erhält. Das Iudenlhum ist der strikteste Gegensatz gegen den Nihilismus, und kein wirklicher Jude kann ein Nihilist sein. Das Judenthum ist nur Religion, und in ihm Alles Religion, (d. h. Alles zu Gott in Beziehung und auf Ihn als Quelle zurückgeführt, so auch das Recht und Gesetz;) der Staat als Gemeinsamkeit Aller religiös geheiligt, (gerade weil in dem mosaischen Staat die Gleichheit Aller vor dem Gesetze und die persönliche Freiheit fundamental sind;) die Gesellschaft auf die Familie und deren heilige Bande aufgebaut, (Verehrung der Eltern, die Ehe eine von Gott eingesetzte Institution, Verbot und Bestrafung des Ehebruchs, doch Gestattung der Ehescheidung;) die Grundlage der Gesellschaft das Eigenthum, (die Heilighaltung deffelben bis durch die Vorschrift: „Du sollst nicht begehren daS Haus, den Knecht, den Ochs rc. Deines Nächsten" in die Herzen eingelegt, doch das Streben, in gesetzlichem Wege jedes llebermaß von Reichthum und Verarmung zu verhindern, und jedem doch sich einstellenden Mangel durch die werkthätigfie Liebe, auch durch daS Mittel gesetzlicher Vorschriften abzuhelfen;) die Arbeit frei von jeder Beschränkung (doch das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer in der rücksichtsvollsten, mildesten Weise gesetzlich geregelt.) Dies sind die Fundamentalzüge des Juventhums, wie wir sie schon oft nachgewiesen und wie sie jedem Sachkundigen zu Tage liegen. Jeder einzelne dieser Zuge ist ein voller Gegensatz zum Nihilismus, und jeder Jude, der sich dem Nihilismus anschlöffe, hätte in Bekenntniß, Wort und Thal aufgehört ein Jude zu sein; er selbst Härte das Judenthum verleugnet und seine Glaubensgenoffen wären für ihn und seine Vergehen nicht verantwortlich. Hiernach ist es erklärlich, daß der Nihilismus unter den Juden keinen Anklang gefunden, wie der Aufruf selbst bezeugt, mag immerhin dann und wann eine überspannte Jüdin oder ein paar Individuen darunter auftauchen, wie z. B. bei der jüngsten Demonstration vor der Kasankirche. Die Juden in Rußland gehören ihrer Maste nach zu dem ärmsten und gedrücktesten Theile des russischen Volkes. Die durch Jahrhunderte und noch jetzt vermittelst versagter Freizügigkeit erzwungene Zusammenhäufung in kleinen, vom Welwerkehr abgelegener polnischen und russischen Städten und Städtchen, wo sie meist die Hauptbevklkerung bilden, das Verbot des Landbesitzes und die anderen Ausnahmegesetze haben sie zur äußersten Armuth, zu Verachtung und Hintenansetzung jeder Art gebracht. Wahrlich, das wäre ein fruchtbarer, wohlgedüngter Boden für den Nihilismus, der darin wuchern müßte in üppigster Weise! Aber die Masten der russischen Juden sind vor Allem gläubige Juden — und so spricht in ihnen jedes Gefühl, jeder Gedanke, jede Kenntniß ihrer Religion, jedes geübte Gebot derselben gegen alle Locklöne der Verführer, ist eine Schranke gegen jeden Satz, jeden Ausspruch des Nihilismus, und sie werden besten stärkste Widersacher sein trotz Armuth, trotz Verachtung, trotz des starken Druckes, der auf ihnen lastet!! Gehen wir nun noch auf den Inhalt jenes Ausrufs einen Augenblick ein. Nach einigen vehementen Auslastungen über die Unhaltbarkeit der jetzigen Ordnung der Dinge heißt es: „Aber die Völker beginnen die Wahrheit dieser Sachlage zu erkennen, und über ein Kurzes wird auch Israel sie begreifen." Und nun geht es auf „die Führer und Gelehrten Israels" los, indem