Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1877)
- Date
- 1877-04-03
- Page
- Seite 220 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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22V verloren sich unter der Herrschaft des Islam und der wilden innerasiatifchen Horden, während Huden und Judenthum sich nach Westen zu retten vermochten. Der nächste Hauptsitz der Juden wurde unstreitig Spanien. Ihre Blüthe in Fez war zu kurz, um hier in Betracht zu kommen. Wir brauchen die glänzende Epoche unsres Stammes in der pyrenäischen Halbinsel unter der maurischen Herrschaft und selbst in den dortigen christlichen Staaten nicht zu schildern. Ging doch das geistige Leben von dort nach Frankreich und Deutschland über; knüpft doch das moderne Judenthum au die Erzeugnisse der spanischen Juden seine Fortentwickelung an. Als Ferdinand der Katholische und Jsabella das Berbannuugsdecret vom 14. Marz 1492 unterschrieben, sollen die Juden auf ver Halbinsel 800,000 Seelen gezählt haben, von denen über 300,000 den Wanderstab ergriffen. Die Inquisition that ihr Schergenwerk, um die letzten Spuren des JudenthumS in Spanien und Portugal zu verwischen; die unteren Schichten gingen in die katholische Bolksmasse auf, die begüterten starben im Kerker und auf dem Scheiterhaufen oder erreichten fliehend die schützenden Grenzen von Frankreich, Holland und England. In der Gegenwart befinden sich auf spanischem Boden wieder einige Dutzend Juden ohne ihren Cultus anders als im Privathause ausübeu zu können; nach San Sebastian haben sich einige Familien aus Frankreich herübergezogen, die noch nicht wieder verdrängt worden. In Portugal trat die Duldung früher wieder auf und in Lissabon ist jetzt eine beträchtliche Gemeinde, größtentheilS aus dem nordwestlichen Afrika, ansässig; auch in Oporto hat sich eine kleine Gemeinde angesammelt. Dies ist Alles, was von der zahlreichen und glänzenden Judenheit diesseits der Pyrenäen übrig geblieben. Die eben geschilderte geschichtliche Erscheinung zeugt lebhaft für das proviventielle Geschick und die Lebenskraft des jüdischen Stammes. An den Sitzen, von welchen es geschwunden, ist er nicht etwa verdorrt und wie ein Baum ausgegangen, nachdem er den Boden ausgesogen, sondern wir können die geschichtlichen Ereignisse Nachweisen, durch welche er in jenen Gegenden theils vernichtet, theils vertrieben wurde. Die Geschichte seiner Entwurzelung in Palästina, die 6 Jahrhunderte bis zu ihrer Vollendung in Anspruch nahm, liegt in allen Momenten klar vor. Die Herrschaft der Saracenen und besonders die blutige Verwüstung durch die Mamelukken verödete Egypten und machte es zu einer Trümmerstätte einer riesigen uralten Vergangenheit. Die Bölkerfluth, die über Mittel- und Borderasien viele Jahrhunderte hinwegbrauste und alle Stätten der Cultur vernichtete: die Araber, die Seldschukken, die Mongolen, Tartaren und Türken ließen unter den Hufen ihrer Rosse nur Trümmer zurück, und waS jetzt besteht, hat nur dem ewigen Bedürfniß und dem immer wieder erwachenden Bautriebe des Menscheu seinen kümmerliche» Erhalt oder sein Neuentstehen zu danken. Ueber Spanien brauchen wir nicht zu spreche». Geben wir allerdings zu, daß jede menschliche Blüthe an einem bestimmten Platze wieder zum Verwelken kommt, daß jedes Volk, jeder Stamm oder jeder Theil eines solchen, der eine Höhe erreicht, von derselben wieder heruntersteigen muß, so daß also an sich die Juden, die an einem solchen Sitze eine bedeutende Entwickelung erlangt hatten, mit der Zeit rückwärts gehen mußten; so trat doch für sie in allen angeführten Landschaften das Geschick selbst erdrückend und vertreibend ein. Was können wir daraus anders folgern, als daß einerseits die Zerstreuung des jüdischen Stammes nach Ost und Süd und West, die vor dem Falle Jerusalems begonnen, und nach ihm vollendet ward, die wesentliche Ursache seiner Erhaltung geworden, weil sie eben nur einen örtlichen Untergang ermöglichte, so daß alsbald in einer anderen Weltgegend neues Streben auch neues Emporkommen zu erwirken vermochte; und daß andererseits in diesem Stamme eine unerschöpfliche Triebkraft und die Fähigkeit, sich in allen Theilen der Erde geistig und körperlich zu acclimatisiren, vorhanden war und ist. Dies ist der Schluß, den nicht die Apologetik, sondern die Geschichte selbst einfach aus der von uns besprochenen Erscheinung zieht. Ein Jrrthum war es daher und eine Narrheit ist es gegenwärtig, wenn von gewisser Seite die Ansiedelung der Juden auf der ganzen Oberfläche der Erde und ihre Wanderung mit der Cultur und Civilisation von einem Lande zum anderen als ein „Fluch" der Vorsehung verschrieen wurde und wird, während sie doch der eigentliche Segen derselben für diesen Stamm war. Die Länder, aus denen sie geschwunden, sind solche, welche ihre alte Cultur verloren und der Halbcultur anheimfielen. Die Länder, in welchen sie jetzt angesiedelt sind, sind Culturländer oder doch solche, welche auf dem Wege der Civilisation vorwärts streben. Daraus kann doch wahrlich den Juden kein Vorwurf, sondern nur ein Lob gemacht werden. Ihr geistiges und materielles Dasein ist auf Cultur gegründet; wo diese untergeht, können sie nicht existiren, wo sie aufgeht, finden sie ein neues Leben. Ebenso falsch ist es daher auf geschichtlichem Grunde sie als „Fremde" zu betrachten; sie gehören ihrer Natur nach sehr bald dem Boden an, auf welchem sie sich niederlaffen; sie theilen das Geschick, das sich auf ihm vollzieht; sie gehen daselbst unter, wenn der Untergang über die Nation gekommen, in die sie sich eingelebt — nur baß, da sie an jedem Orte nur zu einem kleinen Theile ihres Stammes seßhaft sind, dieser nur in diesem Theile untergeht. Sind doch selbst von der jüdischen Bevölkerung Spaniens verhältnißmäßig nur geringe Schaaren an gastlichen Küsten gelandet. Samarien nach dessen Eroberung. Je geringfügiger die Notizen sind, die wir über das Schicksal der Zehnstämme, ihres Reiches und ihrer Hauptstadt nach dem Falle der letzteren im Jahre 721 v. d. gew. Zeitr. durch den assyrischen König Salmanaffar besitzen, weil die spateren Bücher