Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1877)
- Date
- 1877-04-03
- Page
- Seite 219 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227123-3227138--35255-3305198- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
219 Bonn, 25. Marz. (Notizen.) Man schreibt uns aus Friedberg in Hessen: Am 16. d. M. fand die öffentliche Prüfung in der großh. Taubstummen-Anstalt unter Anwesenheit des großh. Schulraths Greim statt. Mit Vergnügen theilen wir mit, daß auch die israelitischen Zöglinge genannter Anstalt zum erstenmale in der Religionslehre und im Hebräischen von ihrem hierzu bestellten Lehrer I. Heß dahier geprüft wurden. Die Prüfung machte bei allen Anwesenden den besten Eindruck, und ist es anzuerkennen, daß sich Herr Heß so rasch mit der eigenthümlichen Art des Taubstummenunterrichts vertraut gemacht hat. — Aus Altona theilt man uns unterm 23. b. mit: Der Vorsitzende des vor 16 Jahren Hierselbst gegründeten Ettlinger- Vereins erstattete am 10. d. M. den Rechenschaftsbericht. Der Verein hatte im Jahre 1876 eine Einnahme von 1453,09 M. Die segensreiche Thätigkeit des Vereins ist am besten ersichtlich, wenn wir bemerken, daß er im verflossenen Jahre an 100 Kinder Anzüge, resp. Schuhe vertheille, und außerdem auch eine frühere beanlagte Schülerin der hiesigen israel. Mädchenschule in ihrer weiteren musikalischen Ausbildung durch Gewährung der nöthigen Geldmittel kräftig unterstützte. Der Reservefonds wuchs in diesem Jahre um 627,55 Mk. und beträgt jetzt 4491,95 Mk. 0. I e u i i Alte Sitze. Es ist eigenthümlich, daß im langen Laufe unsrer Geschichte sich die Erscheinung wiederholt, wie gerade an den Sitzen, an welchen sich zu Zeiten die Juden in größeren Massen angesammelt und eine hohe Stufe der geistigen und materiellen Cultur erreicht hatten, so daß jene als Centren des jüdischen Lebens betrachtet werden konnten, sie sich verloren haben und nur eine geringe Anzahl ihrer daselbst übrig geblieben ist. Sehen wir hier vom h. Lande selbst ab, wo unsre Väter eine Bevölkerung von 5—6 Millionen ausmachten, jetzt aber nur in Jerusalem ca. .7000 Seelen zählen, in Hebron, Liberias und Safet kleine Gemeinden bilden. In Egypten erschienen sie zwei Male als ein nicht unbedeutender Theil der Bevölkerung. Daß sie unter Mose's und Aron's Führung es gänzlich verließen und spater nur in einzelnen Fällen in eine Verbindung mit ihm traten, ist selbstverständlich. Aber Alexander der Große versetzte nach Äosephus mit einem Male 100,000 Juden nach dem von ihm gegründeten Alexandrien, und zwar mit vollen bürgerlichen Rechten. Unter den Ptolomäern ward die jüdische Einwanderung immer stärker und verbreitete sich über den größten Theil Egyptens. Bemerkenswerth ist, daß sie sich, so weit die wenigen historischen Notizen reichen, viel weniger mit den Egyptern selbst amalgamirten, als mit den Griechen, welche damals allerdings den Ton in Egypten angaben. Sie erlangten, besonders als Handwerker, die in freien Gilden zufammenstanden, materiellen Wohlstand; sie entfalteten, beginnend mit der griechischen Uebersetzunz der h. Schrift, eine eigene poetische und religionsphilosophische Literatur; sie dienten in allen Staatsämtern in Civil und Militär; ja sie bauten einen eigenen Tempel zu On mit mosaischem Cultus, den die Palästinenser zwar nicht anerkannten, jedoch passiv duldeten, ein schöner Beweis der Toleranz, welche man so gern, doch nur aus Unwissenheit, unsren Vorvätern abspricht. Selbst im Mittelalter, zur Zeit des Maimonides, des Leibarztes Saladin's, blühten noch die egyptischen Gemeinden. Was finden wir jetzt? Nur l e t o n. in Kairo eine Gemeinde eingeborener Juden, deren Zahl nirgends angegeben ist, nur daß sie 10 kleine Synagogen besitzen. Wir werden an einer anderen Stelle Einiges über sie berichten. Sie sind in ihrem Gewerbe angesehen, und besitzen allgemeines Vertrauen. In Alexandrien besteht die wenig zahlreiche Gemeinde, die sich erst vor wenigen Jahren als solche conftituirt hat, zumeist aus fremden Israeliten. Nächst Palästina war die eigentliche Wohnstätte der jüdischen Geistesarbeit in den babylonischen Ländern, wo die Entfaltung und Durcharbeitung des traditionellen Gesetzes üppig aufblühte, selbst als sie noch in den palästinensischen Schulen die erste Autorität beanspruchte. Hier war es, wo der Talmud Babli verfaßt wurde, wo durch Jahrhunderte die großen Lehrhäuser von Tausenden von Schülern besucht wurden. Die jüdische Bevölkerung war sehr zahlreich im Lande und bei manchen politischen Ereignissen mußte man mit ihr rechnen; besonders lag sie dem Landbau ob. Sie hatte ein politisches Oberhaupt, den Resch- Glutha, der mit fürstlichen Ehren umgeben war. All' dies ist verschwunden, nicht bloß die talmudische Gelehrsamkeit, die nur noch in sehr geringem Maße dort gefunden wird, sondern auch die Bevölkerung und bei ihren Resten der Wohlstand. Nahardea, Pumpeditr und alle anderen vielgerühmten Sitze der Juden und ihrer Geistesheroen sind gänzlich von der Erde geschwunden. In Hilleh, nahe bei dem ehemaligen Babylon, wohnen etwa 3000 Juden; in Bagdad etwa 10,000; in dem ganzen heutigen Persien wird, wahrscheinlich zu gering, die Zahl der Juden auf 10,000 Seelen angegeben. Dies ist Alles, was von Millionen übrig geblieben. Während sie ehemals im ganzen Borderasien so zahlreich waren, daß in allen größeren Städten sie lange Zeit in Aufständen und Verfolgungen gegen sie tapfern Widerstand leisten konnten, sind sie jetzt auf einige Plätze beschränkt. Freilich sind diese mächtigen und glänzenden Städte der macedonischen, syrischen und römischen Herrschaft in Trümmer gesunken und ihre ehemalige Bevölkerung gleich der jüdischen vor dem grausigen Völkersturme, der über diese Länder hinweggegangen, zerstoben. Sie