Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1877)
- Date
- 1877-04-03
- Page
- Seite 218 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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218 sterium des Innern unter Jules Simon. Einer seiner Schwiegersöhne, Herr Henble, Präfect des Departements Säone-Loire. Wir brauchen nicht hinzuzufügen, vaß das Hinscheiden des Herrn Albert Cohn die allgemeinste Theilnahme erweckt hat. Mit ihm ist wieder eine Lücke in die bereits so sehr gelichtete Reihe der für das Judenthum selbst wirksamen Juden gerissen: wer füllt sie aus? Paritz, 15. März. (Nach den Arch. isr.) Nach der letzten Volkszählung ist die Stadt Algier von 52,702 Seelen bewohnt, worunter 7098 Israeliten, die durch das Decret von 1870 neutralisirt sind. In der Stadt Oran leben 49,368 Seelen, worunter 4945 naturalisirte und 3200 marokkanische öder ausländische Israeliten. In beiden Städten kommt also ungefähr auf 7 Einwohner ein Israelit. — In Befanden hat Herr Adolphe Veil-Picard, der hochherzige Wohlthäter der Stadt, Israelit, neuerdings 200,000 Frcs. zur Errichtung eines Quais, eines sehr nützlichen und wichtigen Werkes gespendet. Magistrat und Gemeineerath machten Herrn Beil-Picard in Corporale ihre Aufwartung, um ihm den Dank der Gemeinde auszusprechen. Großbritannien. London, 20. März. In der gestrigen Sitzung des Unterhauses iuterpellirte Herr Simon den Unterstaatssecretär Bourke über die Judenausweisungen in Serbien. Bourke erwiderte, daß die Regierung über diesen Gegenstand noch keine Information erhalten, England und Oesterreich bei der rumänischen Regierung wegen der Vertreibungen der Juden remonstrirt hatten. Rußland. Petersburg, im März. (Privatmitth.) Ich übersende Ihnen anbei ein sehr merkwürdiges Schriftstück, das Ihre Aufmerksamkeit auf sich ziehen wird. Es ist ein Placat, das aus der Geheimdruckerei der Nihilisten hervorgegangen ist, und in correcter, fast biblischer Sprache hebräisch abgefaßt, einen Aufruf der Nihilisten an die jüdische Jugend enthält. Was auch seitens der russischen Staatsregierung seit Jahrzehenteu zur Unterdrückung des Nihilismus geschehen ist, die Ausrottung desselben ist ihr nicht gelungen. Er lebt im Geheimen fort und dehnt seine Wühlereien immer mehr aus. Daß er jetzt auch fein Augenmerk auf die 3 Millionen russischer Juden richtet, ist sehr erklärlich. Da er aber wohl weiß, daß er in der jüdischen Maffe, obschon diese noch immer unter Ausnahmegesetzen leidet und durch sie in maßloses Elend versetzt worden, keinen Anklang finden kann, weil sie zu sehr von religiösen und sittlichen Gesetzen durchdrungen ist, um den nihilistischen Grundsätzen irgend ein Gehör schenken zu sollen: so wendet er sich an die Jugend, an die studirende und der Bildung zugewendete Jugend Israels. Es ist dies ein mittelbares Zeugniß, daß diese studirende israelitische Jugend Rußlands bereits eine gewisse Bedeutung erlangt hat. Ich gestalte mir daher, diesen Aufruf hier zu analysiren. Zuerst erklärt er das Bestreben der jüdischen Jünglinge, durch erlangtes Wissen und hinreichende Befähigung dereinst für das Wohl des Ganzen wirken zu können, für eine Täuschung. Vielmehr müsse man pessimistisch die Drangsale des Volkes nur wachsen machen, um zu einem völligen Umsturz der socialen Ordnung zu gelangen. Auf dem bisherigen Wege könnten sie also nur die Zahl der Bolksbedrücker vermehren. Zweierlei erllärt der Aufruf unumwunden als die Ursachen alles Uebels: das Privateigenthum unv die Religion. Er wendet sich daher zuerst gegen die Gelehrten und Führer des jüdischen Volkes. Hier ist es, wo sich der Aufruf aus seiner leidenschaftlichen Uebertteibung heraus einer völligen Unkenntniß der Wirklichkeit schuldig macht. Die Rabbiner sollen nach ihm in Reichthum und Ueberfluß schwelgen, und diesen aus den Gesetzen ziehen, mit welchen sie das Volk gefesselt, aus den Borurtheilen, mit welchen sie eS durchttänkt haben. Wer die finanzielle Lage der russisch-polnischen Rabbiner kennt, ihre Armuth und Dürftigkeit, muß diese Behauptungen geradezu lächerlich finden. Sie seien es auch, welche den Juden den Haß der Völker und die daraus entsprungene Verfolgung zugezogen hätten. Nach diesen langen Tiraden kann es auffallen, daß nur einige wenige Worte „den Aufgeklärten, Sllaven des Goldes und der Herrschsucht, den Kaufleuten und Mättern gewidmet werben: im Bertilgungskrieg wird die Maffe der Unterdrückten über sie hersallen." „Euch aber, Jünglinge, deren Gedanken noch lauter, in deren Herzen noch Gerechtigkeit ist, die Ihr in Wahrheit das Wohl des Volkes sucht, die Ihr Euch noch nicht verunreinigt habt durch Handel und Wandel, Euch rufen wir auf, in unsren Verein zu treten. Euch anzuschließen dem Heer der Krieger für das Wohl des Volkes, für das Wohl des ganzen Menschengeschlechts." Der Aufruf verheißt danu, daß sehr bald „die Proletarier aus allen Erdwinkeln Zusammenwirken werden," um Alles zu vernichten, was sich entgegensetzt: „Gemeinsame Arbeit, gemeinsamer Besitz, freier Bund aller Arbeiter" u. f. w. u. s. w. Der Aufruf schließt, indem er die jüdischen Jünglinge auffordert, unter das Volk zu treten, ihren Geist in die Maffe zu bringen, damit „die Morgenröche der Freiheit" bald ausgehe. Was das für eine Freiheit sein würde, kann man sich ohne Prophetengabe ausmalen. Ich glaube nicht, daß dieser Aufruf irgend welchen erheblichen Anklang finden werde. Ware es aber nicht schon schlimm genug, wenn er nur einige überspannte Geister zu den Jrrthümern und verdammungswerthen Verirrungen Hinriffe, welche diese unterirdischen Wühler predigen! (Wir werden über diesen Gegenstand, der durchaus nicht zu unterschätzen ist, in nächster Nummer ausführlich uns aussprechen. Redaction.)