Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-04-03 · Heft 14 (3.4.1877) · p. Seite 214

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 14 (3.4.1877)
Date
1877-04-03
Page
Seite 214 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227123-3227138--35250-3305193
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

214 zu zeichnen, die Niemand als volle Wahrheit ableugnen wird, der die Geschichte, die Literatur und die Monumente kennt? Wenn wir die Charakteristiken durchmustern, welche von den französischen Vätern des Racenschwindels bis zum jüngsten deutschen sg. Culturhistoriker von den Ariern und Semiten entworfen worden, so tritt uns ein unlösbares Wirrsal psychologischer Züge entgegen, das durch sich selbst seine Unhaltbarkeit erweist. Als Grundzug aber wird den Semiten der Monotheismus, den Ariern der Pantheismus zugeschrieben. Wir haben schon mehrere Male auf das Geschichlswidrige dieser Behauptung aufmerksam gemacht. Alle semitischen Völker außer den Israeliten waren Polytheisten, und ebenso die Araber, die erst im siebenten Jahrhundert nach der gew. Zeitr. den Monotheismus aus dem Judenthume annahmen, was dann auch von großen arischen Massen im Oriente geschah. Diesem Factum gegenüber kann von einem ursprünglichen Eigenthum der semitischen Race am Monotheismus nicht die Rede sein. Wollten wir nun auch zugeben, daß der Polytheismus der alten arischen Völker eine pantheistische Gedankeuwurzel gehabt — obschon dies nur aus zweifelhaften Combinationen nachweisbar ist — so würde dies einerseits auch vom Polytheismus der semitischen Völker zugegeben werden müssen, was z. B. vom Sabaismus nicht zu schwierig wäre, andrerseits ist dieser Polytheismus so sehr zu göttlichen Persönlichkeiten und Individualitäten ausgeartet, z. B. in der hellenischen Mythologie, daß von einer pantheistischen Anschauung innerhalb der Bolksmassen nicht mehr die Rede sein kann. Weiterhin ist doch wohl das Christenlhum seinem Ursprünge und seiner Entwickelung nach vom Pantheismus so weit entfernt, wie ein Pol vom anderen, und wenn nun der gesammte europäische Theil der Arier das Christenchum angenommen und seit anderthalb Jahrtausend entwickelt und erhalten hat, so ist es geradezu eine Geschichtsfälschung, den Ariern den Pantheismus als innerste geistige Natur zuzuschreibeu. Der Pantheismus, wie er in einigen griechischen und modernen Philosophemen gelehrt worden, kann hieran, wo es auf eine naturnothwendige Anschauung in großen Bölkermassen abgesehen ist, nichts ändern, und dabei war der eigentliche Begründer desselben in der neueren Philosophie — ein Jude, Baruch Spinoza! — Jüngst, da man mit dieser Unterscheidung doch nicht mehr auszukommen einsah, verfiel man auf den Optimismus und Pessimismus, und ersterer wurde zum Eigenthum der Semiten, dieser der Arier designirt. Es ist dies jedoch nur ein abermaliger Sprung in die Luft. Der Pessimismus ist nichts, als eine Stimmung sei es in Personen, fei es einer Zeitperiode. Als solche finden wir ihn bei allen Nationen. Wir finden ihn auch bei den Israeliten, wo das Buch Hiob und Koheleth bestimmt waren, ihn auszusprechen und zu bekämpfen. Wie viele schwärmten schon für den Optimismus der Hellenen, deren Heiterkeit und Lebensfteudigkeit als Ideal hingestellt wurde! Ein Volk, das sich dem Pessimismus hingeben würde, von ihm durchdringen ließe, ginge rasch seinem völligen Verfall zu, oder es erstarrte in düsterer Knechtschaft. Dies beweist die Geschichte durch Beispiele, und selbst die Inder retteten sich aus dem eigentlichen Buddhismus, als einem wirklichen Pessimismus, bald wieder in den, viele heilere Seiten bietenden Brahmanismus zu einer Durchquickung Beider. Allerdings ist es wahr, daß das Judenthum den Optimismus zu seinem Wesen hat, und dies hat sicherlich zu seiner Erhaltung mitten in so vielen Mißgeschicken und Widerwärtigkeiten wesentlich beigetragen. Darum jedoch diesen anderen Nationen und Religionen abzusprechen, kann nur einer leidenschaftlichen Erregung einfalle». Wie wir schon bemerkt, ist die Spitze dieses Racenschwindels besonders gegen die Juden gerichtet. Für alte Borurtheile einen neuern, scheinbar der Wissenschaft entlehnten, mit der Maske unparteiischer Forschung verhüllten Vorwand zu erhalten, schien nichts bequemer, als sie in der Gestalt der semitischen Racx möglichst niedrig zu stellen, ihnen von der Natur eingesenkte Eigenthümlichkeiten des Geistes und des Charakters zu insinuiren, und besonders den Ariern als ein ftemdarüges Element, unvereinbar mit dem Leben jener gegenüberzustellen. Aber gerade auch die Juden liefern die schlagendsten und vielfachsten Beweise gegen das ganze Machwerk dieser einseitigen Theorie. Wir haben bereits hervorgehoben, wie sehr sich schon das alte Israel von allen anderen semitische Stämmen unterschied und einen ebenso großen Gegensatz gegen sie bildete, wie gegen die Arier des Alterthums. Aber ist denn dieser Stamm geblieben, was er war? Wie er frühzeitig seine Sprache, also das vermeintliche Fundament seiner Geisteseigenchümlichkeit ausgab, und nacheinander mit dem Aramäischen, Griechischen, Römischen, Arabischen und allen anderen Sprachen der Völker, unter die er kam, vertauschte: so verwandelte er sich durch die geschichtlichen Verhältnisse vollständig. Ein abgeschlossenes, ackerbauendes Völkchen 15 Jahrhunderte hindurch, wurde es nun ein überall hin wandernder und verbreiteter Stamm, der dem Handel allein sich widmen mußte — ein vollkommener Gegensatz zu seiner Vergangenheit. Obschon in den Grenzen der Abstammung bleibend und seine religiöse Anschauung bewahrend, hatte doch der mittelalterliche Jude mit seinem Vorfahren in Palästina nur wenige Züge gemein. Wie sich der Talmud von der Thora unterschied, der Rabbiner vom Propheten, der Piutist vom Psalmist, — diese alle in Geistesthätigkeit, Richtung, Ansicht, Sitte und Sprache, in der ganzen Denk- und Gefühlsweise, trotz der ununterbrochenen Ueberlieferung, trotz daß die einen immerfort die Quellen für die anderen, aus denen sie schöpften, waren, unterschieden: so überhaupt der Jude des Mittelalters vom alten Israeliten. Aber nicht minder zeigt der Jude in der Gegenwart nach den verschiedenen Nationen, denen er sich eingelebt hat, eine große Mannichfaltigkeit, ja sogar Gegensätzlichkeit. Wir behaupten z. B., daß kaum zwischen dem Engländer und dem Russen in der ganzen geistigen Eigenthümlichkeit eine so große Verschiedenheit stattfiudet, wie zwischen dem englischen und polnisch-russischen Juden. Ja, selbst dem deutschen Juden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.