Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1877)
- Date
- 1877-04-03
- Page
- Seite 213 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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213 Der kaceuschwm-el. n. Die Welt der Thatsachen, die Ergebnisse der Geschichte, wie widerstreben sie diesem Racenschwindel! Freilich das gegenwärtige Geschlecht, welchem seit drei Jahrzehnten mit der stolzesten Miene der Sicherheit von der Spaltung der Arier und ver Semiten, von den Gegensätzen ihrer geistigen Fähigkeiten und ihrer totalen Anschauungsweise durch alle Jahrtausende hindurch vorgepredigt wird, muß es schwer fallen, sich darüber hinwegzusetzen und einen objectiven Standpunkt einzunehmen, von welchem die Dinge, wie sie wirklich sind, noch einmal anzusehen und zu durchmustern wären. Doch versuchen wir einige der frappantesten dieser Thalsachen aufzuführen. Zu der europäischen Völkerfamilie gehören gegenwärtig drei Nationen, welche ihrer Sprache nach weder zu den Ariern noch zu den Semiten, sondern zn einer Race zählen, welche den ersteren weit fremder ist als die Semiten, wir meinen: die Magyaren, die Finnen und die Türken. Wer möchte nun behaupten wollen, daß zwischen den Ungarn und den europäischen Ariern ein wirklicher Gegensatz in Charakter, geistiger Anlage und Richtung, sowie in der Culturentwickelung bestehe, eine größere Verschiedenheit als zwischen den einzelnen Nationalitäten in Europa, eine größere Verschiedenheit als etwa zwischen den Spaniern und Russen, zwischen den Britten und den Sicilianern? Alle Reisenden von unparteiischer Beobachtung geben uns ein anziehendes Bild von der Tüchtigkeit, Liebenswürdigkeit, geistiger Befähigung und tiefem Sinne der Finnen, Eigenschaften, durch welche sie die slavische Masse, der sie jetzt staatlich angehören, überragen, ohne daß es einem einzigen eingefallen wäre, in ihnen einen Gegensatz zu den Ariern nach irgend einer Seite hin zu erkennen. Wie die Ungarn und Finnen dem arischen Europa angehören, so die Türken der semitischen Welt, so verschieden aucb der Sprache nach ihre Race von den Semiten ist. Was die Türken an geistiger Cultur und Richtung besitzen, haben sie von den Arabern erhalten, wozu dann neuerdings der europäische Einfluß gekommen. Noch hat aber Niemand in den Türken einen solchen Gegensatz zu den Semiten entdeckt, daß sich darin die Verschiedenheit der Race abspiegele. Vielmehr verschmilzt der Unkundige die Türken stets mit den Semiten. Es erscheinen also Glieder der mongolischen Race einerseits unter den Ariern, andererseits unter den Semiten als völlig gleich, wenn man die nationalen Eigenthümlichkeiten abzieht, und schon vor dieser Thatsache fällt die auf die Linguistik gebaute Racentheorie zusammen. Eine zweite Thatsache besteht darin, daß die einzelnen Partien der großen arischen Bölkerfamilie in Cultur, Wesen, Geistesrichtung, Anschauung und Sitte einen so evidenten Gegensatz zeigen, daß eine Gemeinsamkeit zwischen ihnen nachzuweisen, stets mißlingt, und auf offenbare Täuschung hinführt. Nehmen wir die Inder und die Perser, die der Sprache nach zu den Ariern gehören und neben den Europäern auch an Bolkszahl eine bedeutende Masse bilden. Außer den Sprachelementen wird man keine wirklichen Aehnlichkeiten finden. Selbst ihre ursprüngliche Religion oder Mythologie hat dogmatisch und praktisch mit der griechischen und altgermanischen nichts Uebereinslimmendes; die altparsische Religion mit ihrem Dualismus und der Anbetung des Lichts und des Feuers stand in schroffem Gegensatz zu den Hellenen und den Skandinaviern. Daß einige neuere Hyperphilosophen zu dem Nihilismus Buddah's, zu der Sehnsucht und der Richtung nach dem Nichts gekommen sind und als Mode einige Schwärme Narren nach sich zogen, wird doch nicht geltend gemacht werden können, um die christlich-europäische Welt mit den Ändern zu amalgamiren? Die Perser sind jetzt zelotische Mohammedaner, und auch auf die Inder übt ver Islam einen immer stärker werdenden Einfluß, so daß jetzt schon ein Drittel der indischen Völkerschaften ihm angehören, während die Europäer trotz der Herrschaft, die sie nun bereits seit fast vier Jahrhunderten üben, eine höchst geringe Wirksamkeit auf diese ihnen doch verwandten Völker erlangt haben. Der große arische Körper ist also längst in Stücke gebrochen, die miteinander außer den ursprünglichen Sprachelementen nichts Gemeinsames mehr besitzen, und durch dieses Factum wird das Dogma von dem Racenwesen der Arier als Täuschung genügend gekennzeichnet. Noch mehr aber als in der Gegenwart, welche durch ihre vielfachen Verkehrsmittel, durch den immerfort wachsenden Zusammenhang der entlegensten Winkel der Erde einen nivellirenden Einfluß übt, verschwindet innerhalb der geschichtlichen Zustände jede Gleichheit unter den sprachlich doch auS einer Wurzel entsprossenen Völkerstämmen. Was hatten die in einem Binnenlande ackerbauenden Israeliten mit den Beduinenhorden Arabiens von der einen, mit den handeltreibenden, die Meere beschiffenden Phöniziern, und von der dritten Seite mit den bluttriefenden Assyrern gemein, welche, jemehr ihre Keilinschriften entziffert werden, an grausamster Wildheit vor uns gewinnen. Wir geben ja zu, daß auch die alten Israeliten von ihren heidnischen Nachbarn oft genug dem Götzendienste Eingang und Raum und immer wieder gewährt haben. Aber die monotheistische Idee und die aus dieser fließende Lehre vom Recht und der Liebe, der Gleichheit und Freiheit der Menschen ist doch uralt in ihm, bestand den Kampf mit dem Heidenthume und überwand dieses vollständig mehr als ein Jahrtausend, bevor das Christenthum den Polytheismus besiegle. Wie sehr wären die Hellenen erschrocken, wenn man ihnen gesagt hätte, daß sie mit den Skythen die innigste Verwandtschaft, die gleiche Geistesanlage, denselben Charakter hätten'. Und die Römer hätten gewiß Den grimmig angesehen, welcher ihnen die Blutsverwandtschaft mit den Galliern, Jberiern, Britten und Germanen hätte predigen wollen! Zeigt das wirkliche Mittelalter auch nur eine Spur von Aehnlichkeit mit dem Alterthume, sei es dem egyptischen, hellenischen, oder römischen? Sind ihre Gegensätze nicht mit dem sichersten Griffel 14*