Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1877)
- Date
- 1877-03-27
- Page
- Seite 205 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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205 war, in welchem er Großes und Herrliches gewirkt hatte. Einen Schlüssel und eine Feder legten die Freunde ihm aus das Grab, den einen als Zeichen, daß er der Letzte seines Hauses, mit ihm sein Geschlecht abschließe, die andere als Sinnbild seiner Habe, die nur aus geistigen Besitzthümern bestanden, als Sinnbild der Waffe, mit der gekämpft, gestritten und Siege des Geistes erfochten. Und mit einem anderen Worte wüßte auch ich nicht an die ernste Aufgabe heranzutreten, die mir diese Stunde auserlegt: den Gefühlen Ausdruck zu geben, die heute in unserem Herzen und in dem Herzen zahlloser Tausende außerhalb dieser Versammlung leben. „Ein Weiser ist gestorben und hat seinen ganzen Schatz mit sich genommen" — so tönte es in uns bei der Schmerzenskunde, daß Johann Iacoby nicht mehr unter den Lebenden weile, daß eine höhere Macht, vor der wir Alle uns in Ehrfurcht beugen, seiner irdischen Laufbahn ein Ziel gesetzt habe. Wird doch immer das erste Gefühl, das die Todeskunde eines bedeutenden Mannes in uns wachruft, ein Gefühl der Betäubung, der Verarmung und der Vereinsamung sein, ein trostloser Blick in das Leere, der Gedanke, daß wir ein Unersetzliches verloren, ein Unvergeßliches zu betrauern haben, uns erfaffen, erfüllen und erschüttern. Als der Talmudlehrer R. Zacob b. Acha starb, so wird erzählt, da wurden die Sterne am hellen Mittage sichtbar. Was soll das heißen? Die Sterne werden sichtbar, wenn die Sonne untergegangen ist, und spricht dieses Bild nur den Gedanken aus, daß mit dem Heimgauge jenes Mannes auch für seine Zeitgenoffen eine Geistessonne untergegangen war, die ihnen bis dahin geleuchtet, Nacht sich über ihre Herzen ausbreitete. Das gilt auch von uns, gilt gewiß von jedem Einzelnen, der dieses Lebens reichen Inhalt verstanden und zu dem die Kunde dieses Todes dringt. Denn das ist ja die Herrlichkeit wahrer Größe, daß sie die sonst gespaltenen und auseinandergehendeu Gefühle der Menschen in einem Mittelpunkte vereinigt, in der gemeinsamen Bewunderung einer reichen geistigen Begabung, in der Anerkennung einer tiefen sittlichen Ueberzeugung. Auch bas »erbittertste Gemüth, das, mit jenem alten biblischen Ausspruche „das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens" für „böse von Jugend auf" erklärt, muß sich aussöhnen mit dem Menschengeschlechte und zu einer gerechteren und freundlicheren Beurtheilung der menschlichen Natur gelangen, wenn sich zeigt, daß das Wort jenes alten Weltweisen: „Nichts Menschliches ist mir fremd", im Grunde von jeder einzelnen Menschenseele gilt, daß uns mitten im heißesten leidenschaftlichen Kampfe nicht verloren geht das Berständniß und die Würdigung des wahrhaft Edlen und Guten, wann und wo es vor uns tritt, daß wir die Liebe und Verehrung nicht vergessen, die wir dem Genius schulden, wenn wir ihm auch aus seinem Fluge zur Sonnenhöhe nicht schluß des Magistrats haben wir hier nicht zu beurtheilen. Die Rede des vr. Bamberger erhielt die allgemeinste Zustimmung und geben wir ste deshalb als ein ehrendes Denkzeichen für den Verewigten hier wieder. Redaction. immer zu folgen vermögen — ein Zeugniß des gemeinsamen Gottesfunkens in der Menschenbrust. Und so kann und wird das ganze Vaterland heute Eines sein in der Trauer um das Hinscheiden dieses Mannes, Eines sein in der Bewunderung seiner Große, Eines sein in dem Gedanken, daß Deutschland einen seiner besten Söhne, die Menschheit einen ihrer leuchtendsten Geister, einen ihrer reinsten Charaktere verloren hat — habe ich an dieser Stätte des Friedens nicht zu reden von dem, worin über diesen Mann — wie über jeden Sterblichen hienieden, der die Menge überragt, die Meinungen und Urtheile auseinandergehe v, vielmehr nur von dem, worin wir Alle übereinstimmen, und das ist ein so Großes und Reichhaltiges, daß auch das machtloseste Wort genügt, um dem in dem Herzen dieser Versammlung lebenden Ausdruck der Anerkennung in die allgemeine Empfindung mit einstimmen zu laffen. G. B.! Wir stehen an dem Grabe Johann Iacoby's, stehen, das kann man ohne prophetische Gabe sagen, an einer Wallfahrtsstätte für Gegenwart und Zukunft, wo gar Viele die Weihe großer Erinnerung für ihr eigenes Leben einst suchen werden. Aber was ist es, was uns Alle, Alle ohne Unterschied der Bekenntnisse wie der Verhältnisse sprechen läßt aus einem Munde, aus einem Herzen: „Ein Fürst und Großer ist an diesem Tage gestorben in Israel?" Bei dem ersten Blicke aus das Leben I. I. weiß mau in der That nicht, ob man in ihm mehr den hohen Charakter ehren, oder den tiefen Denker bewundern, oder den Menschen in ihm lieben soll; aber bei näherer Würdigung des Mannewird man bald erkennen, daß es gerade das Zusammentreffen dieser einzelnen Geistes- und Herzenszüge gewesen, was seine Größe ausmacht. Es giebt auch charakterlose Denker, giebt auch herzlose Charaktere, aber in ihm begegnete sich jene wunderbare Verschmelzung geistiger Klarheit und Freiheit sittlicher Höhe und Reinheit gemüthvoller Milde und Innigkeit, die uns überall wie mit dem Zauber antiker Größe anmuthet. Der Klarheit seines Denkens, der Fülle feines Wiffens, der Unerschrockenheit seines Muthes, der Festigkeit seiner Ueberzeugung stand eine Hoheit und Reinheit der Gesinnung zur Seite, die auch die erbittertsten Gegner niemals anzutasten gewagt haben, aber sie entfloß einem Herzen voll Liebe und Güte, voll Milde und Versöhnung. Der Mann, dessen Rede tief und gedankenreich wie die Sprüche der Weisen, kurz und schneidig wie ein Schwert, „dem Hammer glich, der dröhnend herniederfallend Felsen zertrümmert" — wie floß sein Mund über, hier im Kreise der Freunde von munterem Scherze, dort am Bette des Leidenden von Worten des Trostes und der Beruhigung, wie von den sanftesten Tönen inniger Liebe im Verkehr mit den Seinen. Der Mann, dessen bloßer Name eine Zeitlang die Gegner erschreckte, — wie wenig vermochten sie es, bei näherer Berührung sich der stillen, sanften Gewalt zu entziehen, die er in herzgewinnender Weise über die Gemüther übte. 13*