Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1877)
- Date
- 1877-03-27
- Page
- Seite 206 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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206 Der Mann, deffen Geist avscheinenv in den großen Angelegenheiten des Vaterlandes und der Gesammtmenschheit ausging, deffen Seele nur der Kampf für Freiheit, Wahrheit und Recht anzufüllen schien — wie war er ein Meister in seinem engeren Berufe, ein Muster von Berufsliebe und Pflichttreue, wie umfaßte er mit dem ganzen Reichthume seines Herzens die Seinen, die Freunde, die Kranken, die Leidenden, die Schwachen und Hilfslosen, wie war er überall zu finden, wo es galt, menschliches Leid zu lindern, zu helfen. Unbeweglich, unbeugsam und fest und doch mild und weich, voll Hoheit und unnahbarer Würde und doch schmucklos, einfach, strenge gegen stch und schonend gegen Andere — tritt uns bei der Betrachtung seines Lebens unwillkürlich das Bild des Mannes vor Augen, zu deffen gründlichen Kennern und wärmsten Verehrern er gehört, zu dem er allerzeit wie der Jünger zu dem Meister aufgeblickt, deffen Schriften ersichtlichen Einfluß auf seine Geistes- und Lebensrichtung geübt: — sein Stamm- und Glaubensgenoffe Benedict Spinoza. Der Amsterdamer Jude und der Königsberger Jude, die sind sich in mannigfacher Beziehung ähnlich. Hier wie dort stehen wir vor derselben Reinheit des Charakters und der Grundsätze, vor derselben Uneigennützigkeit und Bedürsnißlosigkeit, vor demselben Freimuthe und Unabhangigkeitssinne, vor demselben ernsten Streben nach Erkenntniß der Wahrheit und Verwirklichung des Rechtes. Hier wie dort ist es aber auch ein Jude, ein Glied der ihrer Zeit nnrerdrücktesten uud rechtlosesten, aber deshalb gegen jedes Unrecht und jede Ausschließung feinfühligsten Claffe von Staatsbürgern, der die ewigen Gesetze der Freiheit und der Menschenrechte in seiner Zeit zuerst erfaßte und für sie seine Stimme erhebt. Aber was ein Spinoza in stiller Abgeschloffenheit als höchste Wahrheit erkennt und wobei er in dem Bewußtsein, aufrichtig und treu nach dem Wahren geforscht zu haben, sein Genüge findet, das sucht Jacoby, in andere Kreise gestellt, einer anderen fortgeschritteneren Zeit angehörend, zu verwirklichen, mit einer Umsicht und Thatkraft, Hingebung und Ausdauer, mit einer Unerschrockenheit und Todesverachtung, die einer spateren Zeit als Legende erscheinen wird, und die nur der tief inneren Ueberzeugung von der Wahrheit deffen, wofür wir eintreten, erwachsen kann. Wollt Ihr ein Bild des Mannes? Seht den Entdecker der neuen Welt, wie er, umtobt von dem Aufruhr der Elemente, bedroht von dem Aufruhr der Schiffsleute, daß er umkehre, zurückweiche von der ziellosen Fahrt — wie er unentwegt das Fahrzeug weiter steuert, dem Lande entgegen, das für die Anderen noch in Nebel gehüllt, er geistigen Auges erschaut — so stand Jacoby fest in dem Glauben an die Wahrheit und das Recht und den Sieg seines StrebenS. Bon dem großen Gottesmanne Mose heißt es in der Thora: „Du wirst das Land aus der Ferne sehen, aber nicht in daffelbe gelangen." Auch Jacoby war es nicht vergönnt, sein Kanaan zu betreten, das, was ihn erfüllte, in seinem Sinne verwirklicht zu sehen. Wer will sagen, ob überhaupt eine solche Verwirklichung in dem Bereiche der Möglichkeit liegt! Aber daß er demjenigen, was in seinem Geiste als Ideal lebte, treu blieb in allen Stürmen des Geschickes, durch alle Wandlungen der Zeit, daß er den Glauben an daffelbe unwandelbar festgehalten, als Greis mit dem Feuer eines Jünglings, wie er als Jüngling mit der Weisheit eines Greises es erfaßt hatte, das ist seine Thal, seine Größe, sein Verdienst. Auch die Welt der Ideale bedarf der Pflege, damit wir zu ihr flüchten, wenn die Wirklichkeit trüb und hoffuungsleer geworden, und der Dank des Menschengeschlechts gebührt den Männern, die sie uns bewahren und treu hüten, bis die Stunde ihrer Verwirklichung naht, und wir an ihnen auferbauen die Trümmer des zerstörten Lebens. Zu Liesen Männern gehört Johann Jacoby. Tiefgebeugt und doch hocherhoben stehen wir an seinem Grabe. In den Schmerz der Seinen, der hochbetagteu Schwester, mit der ihn das Band treuster fürsorglicher Liebe verbunden, so vieler wackerer Männer, die ihm Freundschaft bis über das Grab hinaus bewahrt, seiner Berufs- und Gesinnungsgenossen, seiner Glaubensbrüüer und Mitbürger mischt sich der Schmerz des ganzen Volkes, das da weiß, wie kein Herz treuer und wärmer für daffelbe geschlagen als das seine, keines es mit innigerer Liebe umfaßte — aber wir stehen hier auch hocherhobeu. „Ein Weiser ist gestorben und hat seinen Schatz mit sich genommen!" Das ist die Sprache des ersten ungebändigten Schmerzes bei dem Gedanken an das Ende dieses thateureichen Lebens, aber bei dem Blicke auf den reichen Inhalt desselben wissen wir, daß er uns ein Erbe hinterlaffeu gleich einem „Könige und Reichen". Die Nachwelt wird lange ernten von den Früchten seiner Saaten, die er ausgestreut in Wort und That, vor Allem aber durch sein eigenes Beispiel, das er uns gegeben. Auch sein Leben stand stets auf der Höhe seiner Erkenntniß und ist auch deshalb von bleibender Bedeutung, weil er selbst der freie Mensch war, den er als Urbild erkannte. Die Freiheit, die er für Andere erstrebte, für sich hat er sie allezeit besessen, hat uns gezeigt, daß, wer äußere Freiheit anstrebt, sich vorher zum innern freien Menschen in der höchsten Bedeutung des Wortes emporgeläutert haben muß. In dieser inneren Freiheit fand er den Schwerpunkt und Mittelpunkt seines Lebens, jenen Gleichmuth, der, wie sein ganzes Leben, auch seinen Tod verklärte. Er wußte zu leben wie ein Weiser alter Tage, ist gestorben mit dem Muche eines Helden. Nicht Weib, nicht Kind folgt seinem Sarge, aber ein ganzes Volk geleitet weinend ihn zu Grabe. So wandelte er in unserer Mitte, so lebt er in unserem Geiste, so steht er vor dem Angesichte Gottes. Wir können nur beten für ihn, daß Gott der Herr ihm ein gnädiger Richter fein möge für das, worin er nach Menschenloos geirrt und gefehlt, — für uns, daß sein Angedenken uns zum Segen werde, und das wir den Schmerz, ihn verloren zu haben, überwinden in dem Bewußtsein, daß die edelsten Kräfte seines Geistes ewig und unsterblich fonleben in dem Geistesleben seines Volkes — der Gesammtmenschheit.