Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1877)
- Date
- 1877-03-27
- Page
- Seite 202 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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202 Frankreich. Pariö, im Marz. (Privatmitth.) Aus Ihrem Blatte ersehe ich, daß man in Deutschland noch immer fonfährt, die große unglückliche Krise in Finanz unv Industrie, welche über alle Länder der civilisirten Welt hereingebrochen, vorzugsweise aber in Deutschland gewüthet hat, den Juden zuzuschreiben und diese dafür verantwortlich zu machen. Wenn nur von Ultramontanen, Pietisten und ausgesprochenen Reactionären solche lügenhaften Behauptungen ausgehen, so kennt man Ursache und Zweck und setzt sich schließlich darüber hinweg. Wenn aber auch sonst vernünftige Schriftsteller und in volkswirthschaftlichen Dingen nicht unerfahrene Männer sich solchen groben Täuschungen überlaffen, ras etwa Thalsachliche hochgradig übertreiben und sich von Borurtheileu verblenden laffen, dann steht eS schlimm um die ganze Nation und ihre Wohlfahrt und mit Recht hoben Sie wiederholt hervor, daß auf diesem Wege die Erkenntniß des Unheils und der Heilmittel erschwert, ja unmöglich gemacht wird. Hier in Frankreich sieht man die Dinge doch anders an. Mag in diesem oder jenem ultramontanen oder ultraradicalen Blatte auch einmal solcher Plunder gegen die Juden aufgefrischt werden: es bleibt unbeachtet und ganz erfolglos; Niemand nimmt ernstlich Nottz davon, Niemand wiederholt es. Ich halte es daher für eine Pflicht, Sie auf eine Abhandlung in der kevue des deux Mondes aufmerksam zu machen, iu welcher über den gedachten Gegenstand ganz andere Ansichten zu Tage treten, und die der deutschen Literatur zum Muster dienen könnte. Ich glaubte, die Deutschen würden doch Einsicht genug besitzen, um bald von diesen kindischen Anschuldigungen der Juden zurückzukommen. Da dies aber nicht der Fall ist, so komme ich jetzt auf diese Abhandlung zurück, welche bereits in der Lieferung vom 15. November 1876 enthalten war. Sie führt die Überschrift: „Die wirthschaftliche Krise in Deutschland", uud ist von Herrn Ernest Lavisse verfaßt. Sie stützt sich auf eine Reihe deutscher Quellen und ist in völlig objectivem Geiste geschrieben. Hiermit will ich nicht gesagt haben, daß eS hier und da an ironischen Seitenhieben fehle; aber diese bestimmen in der Thal die Ideen des Berfaffers nicht, und er laßt den Deutschen volle Gerechtigkeit widerfahren. Nichts ist anschaulicher als die Uebersicht, welche er von den wirklichen Ursachen der großen Calamität entwirft, das Bild, das er von den Vorgängen zeichnet. Die echt ftanzösische Kunst der Darstellung, welche die schwierigsten Gegenstände faßlich und anziehend auszusprechen versteht und die zutreffendsten Gedanken dem Leser ganz nahe bringt, macht sich auch hier geltend. Auch er findet die erste und breiteste Ursache in der aus der glücklichen Entwickelung der Industrie hervorgegangenen ungeheuren Ueberproduction und der Speculation, welche schwindelhaft sich daraus entfaltete; daun erst trat das Uebermaß der Finanz, die abentheuerliche Leichtigkeit des Credits hinzu, die Ueberschwemmung des Geldmarktes; hierzu gesellte sich die bald erwachte Spielwuth des ganzen Volkes in allen seinen Schichten, die aus der übermäßigen Nachfrage entstandene Vertheuerung aller Materialien und die Steigerung der Arbeitslöhne, der schnell verbreitete Luxus und die Vergeudung der Löhne durch die Arbeiter, unv endlich das Wühlen der socialistischen Partei sammt dem derKathedersocialisten. Daß die fünf Milliarden Kriegscontribution nur eine sehr gelegenttiche Rolle spielten, weist der Verfasser Nar nach, und kann sich nicht genug wundern, daß bei den Deutschen wirklich die Ansicht allgemein werden konnte, diese fünf Milliarden seien die Ursache des ganzen Unglücks, während doch die deutsche Regierung von vornherein die bestimmtesten Zwecke für jene bekundet hat, wenn auch die Art, wie sie diese Geldmasse auf den Markt brachte, nicht ohne Verschuldung sei. Ebenso bekämpft er das Borurtheil gegen die Juden, das in der Art, wie deutsche Schriftsteller es bei dieser Gelegenheit ausbeuten, nicht mehr bloß einfältig, wie jene Milliardenfurcht, sondern auch boshaft ist. Er sagt hierüber unter Anderem S. 395: „Man hat in der Thal sehr schlechte Sachen über die Krise geschrieben. Neben einem Buche wie das des Herrn Oechselhauser, wo das Uebel wohlfiudirt ist und der Patriotismus der Wahrheit nicht schadet, wie viele Pamphlete, in denen der Haß sich durch die Denunciation befriedigt! Man beschreibt in ihnen nur die Exceffe, die begangen worden, und verschweigt den ganzen Rest. Man säet in den Geistern die falschesten Idee» über die Ursache» der Krise aus. Ihnen zufolge müßte man den modernen Fortschritt verfluchen, zum Mittelalter zurückkehren, zu den Zünften, zu den Accisen, Alles vorhersehen. Alles reglementiren, Alles verhindern!" Unter diesen Pamphleten erwähnt er auch des von Glagau, und fährt fort: „Auch er endlich regt zum Haffe gegen den Reichchum auf; er spricht von den Juden, wie es ein Fanatiker der alten Zeit gethan hätte, von ihrer Fruchtbarkeit und geringeren Sterblichkeit: man könnte glauben, daß er eine Tödtung der Erstgeborenen verlange. Er zählt und bezeichnet die Häuser der Juden Unter den Linden, im Thiergarten: man könnte glauben, daß er sie mit dem weißen Kreuze für eine St. Bartholomäus-Nacht bezeichnen wolle. Er erzählt das Witzwort eines Christen, der von einem Israeliten geftagt: „Können Sie mir sagen, wo die Jerusalemer Straße ist?" seufzend geantwortet habe: „Sagen Sie mir vielmehr, wo sie nicht ist." Will denn der Autor, daß man das Ghetto wieder herstelle? Endlich wirft er den Juden vor, Kaufleute, Banquiers, Industrielle, Schriftsteller, Advocaten, Journalisten zu sein unv so vom Lande Besitz zu nehmen. Es ist sonderbar, daß dieser an die Juden gerichtete Borwurf gerade das Compliment ist, welches die Deutschen sich selbst machen, sobald sie von ihren Colonien in den Nachbarländern sprechen. Was sagen sie, um Böhmen und die baltischen Provinzen als deutsche sich zuzusprechen, wenn nicht daß der Slave die untergeordneten und leichten Berufsarten dort inne hat, während der Deutsche daselbst Kaufmann, Banquier, Industrieller, Manu der Wissenschaft und Rechtskunde ist? Was für den Deutschen ein Beweis