Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1877)
- Date
- 1877-03-27
- Page
- Seite 198 (sequence 4)
- Language
- German
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19$ schäften. Der Vorrath an Natur- und Geschichtswuudern konnte nicht für immer Vorhalten, und auf diesem Grunde war es einfach, daß man nunmehr zu allen möglichen wunderlichen Hypothesen griff, denen das Publikum nach der ihm bereiteten Vorbildung das willigste Ohr lieh und leiht. Man war aus der Sucht zum Schwindel gekommen; Schema und Hypothese wurden zu Factoren des Schwindels. Endlich kam hierzu der Gegensatz zwischen Morgen- und Abendland, der aus religiösem und politischem Boden erwachsen ist, und unsere Zeit gründlich beherrscht. Da nun die Arier gegenwärtig vorzugsweise im Abend-, die Semiten im Morgenlande leben, so übertrug sich jener Gegenstand leicht auf diese beiden Racen. Die europäischen Arier sind gegenwärtig die hauptsächlichen Träger der Civilisation und zugleich in ihnen die Schrifrstellerei besonders heimisch. WaS Wunder, daß die Arier sich alle mögliche Geistes- und Seelengröße zuschrieben, die Semiten so tief wie möglich hinunterdrückten — was Wunder, daß dies Verfahren allgemeinen Anklang fand? Diesem Schwindel, der also aus einer, der vorgeschichtlichen Zeit angehörenden Sprachverschiedenheit zu einer völligen Gegensätzlichkeit der beiden Racen in Geist und Seele, in geistigen Fähigkeiten und Charaktereigenthümlichkeiten hinauflletterte — wie denn die französischen Urheber den Pantheismus als die Anschauung der Arier, den Monotheismus als die der Semiten, die beide nicht aus sich entfernen könnten, ausgaben, gegenwärtig die deutschen Nachfolger ebenso den Pessimismus und den Optimismus vertheileu — diesem Schwindel fehlte alsbald auch nicht ein Philosophem als Krönung. Bei dem innigen Zusammenhänge, den Geist und Sprache haben, tritt man seit einiger Zeit mit der Behauptung auf, daß das Denken erst ein Product der Sprache sei, daß nicht der Geist die Sprache, sondern die Sprache den Geist schaffe, und die Anhänger des Monismus predigen diesen Satz als ein Fundament der jüngsten Philosophie. Es paßt dies ganz in Theorien, welche die Verdauung sich den Magen machen laffen. Aus diesem Grundsatz kann der Philosoph logisch erweisen, Laß die Verschiedenheiten der arischen und semitischen Sprachen uaturnothwendig verschieden geartete, vielfach sich entgegengesetzte Bölkerstämme Hervorbringen mußten. Wir haben von Beginn an diesen Racenschwindel bekämpft, dessen traurige Tragweite wir sofort erkannt hatten. Warum wir ihn als einen Racenschwindel bezeichnen? Weiler in den bedeutsamsten Momenten der Wahrheit in's Gesicht schlägt uuv zu psychologischen Schwindeleien veranlaßt, deren Phraseologie meist den Widerspruch schon in sich selbst trägt. Beginnen wir mit seinem Ursprung. Die echte Wissenschaft trennt jetzt die Sprachen in drei große Gruppen: die einsilbigen, die ursprünglich aus einsilbigen, getrennten, nicht flexibeln Wörtern bestehen; die agglutinirenven, die noch keine Flexion kennen und für das Bedürfniß des Gedankenausdruckes einen äußeren Zuwachs (Agglutination) des Wortes, zuweilen auch eine Einverleibung in seine Mitte vollbringen; endlich 3) die flectirenden Sprachen, in welchen den Worten durch innere Veränderung, durch Flexion eine wechselnde Bedeutung gegeben wird. Zu Len letzteren gehören die arischen und die semitischen Sprachen, die somit eine gleiche Culturbevingung erweisen, die nächste Verwandtchaft besitzen und zu einem derartigen Gegensätze, zu welchem man sie hinauffchrauben wollte, gar keine wirkliche Unterlage geben.— Ebenso wenig bietet die Naturbeschaffenheit Anhaltspunkte dar. Bon welchen Charakteristiken aus man auch in der neuesten Zeit die Menschenracen zu unterscheiden versucht hat, man findet keine heraus, um die Arier und Semiten als verschiedene Menschenracen von einander absondern zu können. Sie gehören immer zusammen zu den Kaukasiern, und alle Unterscheidungs- Momente finden sich bei ihnen gemeinsam, oder in so geringer Varietät, daß sie deshalb zu verschiedenen Racen nicht gestempelt werden können. Jede physikalische Betrachtung führt vielmehr auf das Gegentheil. — Wenn man die auch hierin geschehenen Uebertreibnngen abzieht, läßt es sich nicht verkenne», daß die physikalische und geographische Beschaffenheit des Landes auf die Entwickelung der Bölkerstämme einen großen Einfluß übt. Nuu sind aber Arier wie Semiten über so große und so völlig verschiedene Landschaften verbreitet, und dies findet bei den einzelnen Stämmen der Arier wie der Semiten in so großer Mannichfaltigkeit statt, daß weder für die arischen, noch für die semitischen eine gleichmäßige Einwirkung, folglich ein gleichmäßiges Resultat möglich war, folglich aus diesem Factor heraus weder den Arier noch den Semiten ein gemeinschaftlicher Charakter, folglich zwischen beiden ein verschiedener sich herausbilveu konnte. Neben dem physikalischen Moment ist es aber die Geschichte, welche auf das Wesen und das Leben eines Bolksstammes die stärkste Gestaltungskraft ausübt. Die Geschicke einer Nation, wie sie .theils von innen heraus erstehen und verlaufen, theils von außen her über sie gebracht werden, zugleich mit den Bildungseinflüssen, die auf sie eiuvriugen, sind entscheidend für die Entwickelung des ganzen Volkslebens, für die Gestaltung der Volksseele. Die Geschichte giebt uns sogar Beispiele, wie Völker durch ein außergewöhnliches Geschick aus ihren Sitzen gehoben und weit weggefchleudert, auch im weiteren Verlauf ihres Daseins eine völlige Veränderung erleiden und fast das Gegentheil bieten von dem, was sie waren. Wie wäre es nun möglich, große Massen von Völkern, die von ihrem Beginne au ganz verschiedene Sitze, Beschaffenheit und Geschichte hatten, blos aus einigen ursprünglich verwandtschaftlichen Sprachelemeuten heraus, zusammen zu werfen und ihnen die wesentlichsten Geisteseigenthümlichkeiten gleichmäßig zuzuschreiben? ES fehlen also alle Voraussetzungen, alle wirklichen Causalmomente, aus welchen die massenhaften Bölkerstämme mit arischen Sprachanfängen, und wiederum die mit semitischen zu je einer besonderen Menschenrace zusammengeschmolzen, einander gegenübergestellt und mit den entgegengesetztesten Geisteseigevschafteu ausgestattet werden müßten. Sehen wir uns nun aber noch in der Welt der Thatsachen um. _