Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-03-27 · Heft 13 (27.3.1877) · p. Seite 197

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 13 (27.3.1877)
Date
1877-03-27
Page
Seite 197 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227123-3227137--35232-3305174
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

197 Der Racenschwindel. I. Bor Kurzem hielt Herr Prof. Dr. Grätz aus Breslau zwei Vorträge in Hamburg zu einem wvhlthätigen Zwecke. Der eine war einer Besprechung über das h. Land gewidmet, das der Redner, wie bekannt, persönlich bereist hat. Der andere behandelte den Gegensatz des Optimismus und Pessimismus, ging aber wesentlich ans den „Racenschwindel" über, welchen die Philologie zu Tage gefördert hat und der dahin gelangt sei, daß die arische oder indogermanische Race als edel, hochbegabt, mit allen erdenklichen Vorzügen ausgestattet, wahrend die Semiten als untergeordnet und in abfälligster Weise beurtheilt werden. Der Redner bemüht sich nun, das gerade Gegentheil nachzuweisen, und indem er die Semiten in den Juden specialisirte, wollte er zeigen, daß die Juden theoretisch und factisch die Inhaber und Träger der optimistischen Weltanschauung, der wahren Civilisation seien, von den Ariern aber die pessimistische, auf den Nihilismus hinausgeheade, die Menschheit verderbende ausgegangen sei und gepflegt werte. Er führte dann aus der Geschichte der Juden glänzende Beispiele an, wie sie unter den schrecklichsten Verfolgungen und den persönlichsten Leiden sich ihre optimistische Freudigkeit und Thatkraft bewahrten. Der Vortrag hat, wie die verschiedenartigen Berichte, die uns vorliegen, zeigen, sehr entgegengesetzte Eindrücke gemacht, je nach der in den Individuen vorherrschenden Neigung und Richtung: die Einen waren entzückt, die Anderen entrüstet. Ungerecht wäre es nun, nach solchen Berichten, ohne den Wortlaut des Vortrages zu kennen, über die einzelnen Aussprüche und Behauptungen, sei es wie Optimismus und Pessimismus, sei es, wie Arier und Semiten charakterisirt wurden, urtheilen zu wollen. Nur im großen Ganzen geht doch sicher hervor, daß Prof. Grätz den „Racenschwindel", den er bekämpfen wollte, seinerseits erst recht gefördert hat; er ist in chn vollständig eingegangen und hat ihn auf die Spitze getrieben, nur daß er die Rollen gewechselt, die Arier heruntergerisien und die Semiten auf den Schild erhoben, unter den Semiten aber wiederum vorzugsweise die Juden verstanden hat. Auf dem Standpunkte, den wir in dieser Zeitung stets eingenommen und verfochten haben, sehen wir uns daher ihm gerade so gegenübergestellt, wie denen, die er bekämpft. Jndeß, da wir seinen Bortrag nur eben aus jenen mangelhaften Berichten kennen, ziehen wir ihn nicht weiter in Betracht und besprechen die Streitfrage nur aus den allgemeinen Gesichtspunkten. Wir haben den „Racenschwindel" vor unsren Augen entstehen und aufwachsen sehen. In unsre Jugend fallen die raschen Fortschritte in der Kenntniß des Sanskrit und in der Sprachvergleichung, welche die Sprachen zu gruppiren, und besonders die ursprüngliche Verwandtschaft der indischen, persischen, griechischen, lateinischen, germanischen, romanischen und slavischen Sprachen nachwies, und diesen gegenüber die Verwandtschaft der hebrätschen. arabischen, aramäischen, assyrischen und phönizischen Sprachen erkannte; jene faßte sie unter dem gemeinsamen Namen Arier, diese unter dem der Semiten zusammen. Wir übergehen hier die anderen Sprachfamilien, welche selbstverständlich bald neben diesen figurirten. Wohl kam auch bald die Richtung zu Tage, eine noch ursprünglichere Verwandtschaft zwischen den arischen und semitischen Sprachen nachzuweisen. Doch diese Tendenz schien den Meisten zu sehr in das Hypothetische zu reichen, wohin auch die Frage verwiesen ward, daß alle Sprachen auf eine einheitliche Wurzel zurückzuführen seien. Vielmehr utrirte man immer stärker die Spaltung zwischen den Ariern und Semiten. Man blieb nicht lange bei der philologischen Seite stehen; man verwandelte die Frage in eine ethnographische, man riß die arischen und die semitischen Völker vollständig auseinander, suchte — und fand natürlich — völlig verschiedene Geistesanlagen, Charaktereigenthümlichkeiten, Entwickelungsfähigkeiten in den beiden ungeheuren Bölkerfamilien; man ertheilte beiden verschiedene Aufgaben und Fähigkeiten sie zu lösen und raisonnirte so ad iuüuiium über die beiden Racen. Man ging so weit, die beiden Racen sich als durchaus feindselig gegenüber zu stellen, sie so in Wesen und Eigenschaften einander entgegengesetzt zu betrachten, als ob sie zu einem ewigen Kampfe wider einander bis zur Vernichtung bestimmt seien. Am schlimmsten kamen dabei die Juden weg. Da sie ihrer, fteilich seit zwei Jahrtrusenden als Volkssprache verlorenen Sprache nach zur semitischen Sprachgruppe gehörten, wurden sie nunmehr als „Semiten" bezeichnet, die ihrer ganzen Natur nach ein ftemdes, wenn nicht feindliches Element für die Arier seien, und bald wurde für sie diese Bezeichnung eine ganz allgemeine. — Man wird, erstaunt über diesen schnellen Anwachs des Racenschwindels, fragen: Wie war ries möglich? Zunächst begründet wurde er durch den Hang nach Schematismus, der in den Gelehrten stets thätig ist, gerade von den Denkern vermöge ihres Scharfsinns und zu dessen Befriedigung gepflegt, und von den Denkfaulen mit großer Genugthuung weiter gefördert wird. Hat man für die großen Probleme der Geschichte wie der Natur erst Rubriken gefunden, in die man die Erscheinungen hineinschachteln kann, so glaubt man mit ihnen fertig zu sein und schmeichelt sich der gefundenen Lösung. Hierzu kommt die aus der Schnelllebigkeit unsrer Zeit erwachsene Hypochesensucht, welche aus einzelnen Beobachtungen rasch ein System bilden will, das nun die ganze Geschichte oder Natur umfaßt und die bisherigen Resultate wissenschaftlicher Forschung auf den Kopf stellt. Wie der Schematismus bei den Gelehrten, so ist die Hypothesensucht bei dem großen Publikum ein dankbares Geschäft. Man erinnere sich, wie in den fünfziger Jahren in der Stagnation, die nach dem Bewegungsjahre 1848 und der eingetretenen Reaction in den Geistern ftatlfand, die ganze Welt in der Darstellung natürlicher und geschichtlicher Curiositaten und aussallenrer Erscheinungen ihre Erregung und Befriedigung fand. Man nannte dies damals Popularisirung der Natur- und Geschichtswifsen- 13*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.