Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1877)
- Date
- 1877-03-20
- Page
- Seite 188 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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188 Magiv vom offenen Fenster aus an vie dichte, vie ganze Straße einnehmende Menschenmenge in prunklofer, im jüdischen Jargon gehaltenen Rede, die sich in den Worten zusammenfaffen läßt: „Trauere Israel, einen Freund hast du verloren!" Der Eindruck war geradezu ein überwältigender, und der wehmüthig klagende Ton des Redners ließ Alle in Thränen zerfließen, selbst die, welche seine Worte nicht verstanden. Darauf hielt noch der Kronsrabbiner eine gehaltvolle Gedenkrede in russischer Sprache. Dies ist ein hier noch nicht vorgekommener Fall, daß die Israeliten das Andenken eines christlichen Mitbürgers in solcher nur dem Frömmsten und Verdienstlichsten unter ihnen gebührenden Weise ehrt. Bei dem feierlichen Leichenconduct lag auf dem Sargdeckel ein prächtiger Blumenkranz auf einem Querstreifen die deutschen Worte enthaltend: „Die jüdische Bevölkerung ihrem unvergeßlichen Arzt und Wohlthäter." In die Last des Sarges selbst theilten sich abwechselnd die ersten Persönlichkeiten der Stadt. Eine ähnliche Leichenfeier hat Minsk noch nicht begehen sehen, an der sich wie bei dieser die Anhänger der verschiedenen Glaubensbekenntnisse in wahrem aufrichtigem Beileid betheiligten! Bonn, 9. März. (Notizen.) Es ist uns nach dem Raummaße dieser Zeitung nicht möglich, die uns über einzelne Vorgänge zukommenden ausführlichen Correspondenzen wiederzugeben, und müssen wir uns darauf beschränken, daraus, soweit es angeht, Kenntniß zu geben. — Am 23. Februar verschied zu Wien der vielverdiente Leiter des dortigen Synagogenchores, Herr Carl Fränkel, im 67. Lebensjahre, nachdem er 38 Jahre das angegebene Amt getreulich geführt und für die musikalische Reform des Gottesdienstes eifrigst gewirkt hat. — Der eben ausgegebene „Jahresbericht der höheren Handels-Frch-Schule zu Erfurt", unter der Direction des Dr. M. C. Wahl, bezeugt den rüstigen Fortgang dieser Anstalt, welche unter der Leitung eines jüdischen Directors nur christliche Lehrer und zumeist christliche Schüler hat. Das Berzeichniß der Lehrgegenstände und das Resultat der Prüfungen stellen ein sehr günstiges Urtheil fest. Der Bericht enthält zugleich zwei verdienstvolle Abhandlungen über mathematischen Unterricht und „Das Sprichwort innerhalb der Phraseologie der neueren Sprachen". Letztere vom Director in Anlehnung an dessen frühere Arbeiten auf dem Gebiete des Sprichwortes. — Aus Wrescheu berichtet man uns über den blühenden Zustand des dortigen „Israelitischen Armenvereins"; der im vergossenen Jahre 1988 Mark Einnahme und 1823 Mark Ausgabe hatte. Da er diesmal sein zehntes Jahr beschlossen, wurden von den vorhandenen Mitteln, nämlich 985 Mark 180 Mark zu sofortiger Vertheilung an verschämte Arme bestimmt. — In Jutrocin (Provinz Posen) verstarb am 25. Februar zu allgemeinem Bedauern der Kaufmann A. S. Silbermann, welcher mehrfache Ehrenämter in Stadt und Gemeinde bekleidete. Bei seinem Leichenbegängnisse betheiligten sich auch der Magistrat, die Stadtverordneten und der Landwehrverein, dessen Ehrenmitglied der Verstorbene war. — Man schreibt uns aus Bayreuth: Allgemeine Trauer verbreitete am Morgen des 12. v. M. die Kunde von dem plötzlich im kräftigsten Lebensalters und inmitten seines segensreichen Wirkens am Herzschlage erfolgten Ableben eines als Mensch, wie als Arzt ausgezeichneten Mannes, des Stabsarztes im königl. 7. Infanterie-Regimentes, Herrn Dr. Karpeles. Sein rastloses, segensreiches Wirken war allgemein anerkannt. Er war auch durch den Militär-Verdienstorden II. Cl. ausgezeichnet worden. Sein Lebensziel war ihm schon mit den: 43sten Jahre gesteckt. Die allgemeine Theilnahme zeigte sich bei seiner Bestattung. Eine unabsehbare Menge hatte sich vor dem Ster behause und auf dem Friedhofe versammelt. Dem mit köstlichsten Blumen und Kränzen dicht behängten Todtenwagen, gezogen von vier Militärpferden und begleitet von acht Unterofficieren, folgten sämmtliche Mitglieder der hiesigen Gemeinde, das ganze Officiercorps des 7. Infanterie-Regiments mit dem General an der Spitze, alle Aerzte der Stadt und sehr viele christliche Notablen und Verehrer des Verblichenen. Unter ergreifender Grabmusik, von der Militärkapelle ansgeführt, wurde der Sarg zu Grabe getragen und in dasselbe gesenkt. Herr Rabbiner Wittelshöfer aus Floß hielt die Leichenrede und schilderte in warmen, zu Herzen gehenden Worten die vielen Verdienste des Verlebten. Alles verließ, von tiefer Wehmuth und Trauer bewegt, den Ort der Ruhe und des Friedens. D.r. euikteton. Johann Jacody. Am Grabe bedeutender Juden, die sich in einer allgemeinen Wirksamkeit ausgezeichnet, fühlen wir uns stets in einer gewissen Befangenheit. Wir sind Parteimann, aber nicht verblendet genug, um nicht zu wissen, daß bas Urtheil eines solchen vor dem Forum der öffentlichen Meinung und dem der Geschichte kein volles Vertrauen besitzt. Worauf es uns nun. da wir noch immer auf der Bertheidigungslinie festgehalten werden, am meisten ankommt, ist der Charakter solcher Männer. Ihre Wirksamkeit selbst, die Richtung und Erfolge ihrer Thätigkeit gehören eben der Allgemeinheit an. Aber was die Gegner des jüdischen Stammes und Glaubens, freilich nicht mit Beweisen, sondern mit hergebrachten und immer wiederholten Behauptungen am meisten bestreiten, ist der Charakterwerth des jüdischen Stammes. Nun, wir haben bereits in der kurzen Zeitspanne, in welcher es Juden gestattet war, in das öffentlche Leben einzutreten, auf eine stattliche Reihe unantastbarer Charaktere von dem strengsten sittlichen