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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-03-20 · Heft 12 (20.3.1877) · p. Seite 187

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 12 (20.3.1877)
Date
1877-03-20
Page
Seite 187 (sequence 9)
Language
German
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187 „Mit dem geplanten Putsch mag es übrigens seine Richtigkeit gehabt haben; denn nachträglich erfährt man noch, daß ein gewisser Murat an der Spitze von 200 gut bezahlten Tumultanten eine Straßenrevolution hätte insceniren sollen." Bukarest, 28. Februar. (Privatmitth.) Heute gebe ich Ihnen einen Bericht über die fortgesetzten Judenverfolgungen auch in einem anderen Bezirke, nicht aus unmittelbarer jüdischer Quelle, sondern aus einer rumänischen Zeitschrift selbst. Das Unheil drückt übrigens nicht allein die Juden dieses Landes, sondern auch das gesammte Landvolk. Es liegt in der unumschränkten Despotie der Präfecten und Unterpräfecten, zu welchen Aemtern sittenlose und verarmte Menschen gewählt werden, welche an die Spitze der Dorobanzen gestellt, beschuldigen, verurtheilen, bestrafen, plündern, schänden und allen Lösten frohnen. Daß sich dies also verhalte, daß das gesammte Landvolk darunter auf's Schmählichste leidet, kann man aus dem, an den „Romanul" gerichteten Schreiben eines Engländers, Herrn Steffan Lakeman, ersehen, der seit 20 Jahren in Rumänien ansässig ist, große Liegenschaften besitzt und zu deren Verwaltung stets auf dem Lande wohnt. Es ist ein grausiges Bild, das dieser gewiß unparteiische Mann entwirft. Wir können uns um so mehr darauf berufen, als er die Juden und ihre Behandlung mit keinem Worte erwähnt. Hieraus wird das folgende Schreiben aus Fokschani im „Präsentul" vom l l. d. um so verständlicher. Es lautet in wörtlicher Uebersetzung: „Herr Redacteur des Präsentul'. Ich bitte Sie, folgende Zeilen in den Spalten Ihres Blattes Gastfreundschaft gewähren zu wollen. Im Monat September v. I. wurde für die Plasia Verlad im Districte Tecuciu ein Herr Teodorescu, welcher bis dahin Schreiber in der Generalcasse zu Fokschan war, zum Subpräfecten ernannt. Dieser Herr Subprafect ist unaufhörlich bestrebt, alle Juden aus seiner Plassa zu verjagen, er durchstreift öfters die Ruralgemeinden seiner Plassa und sucht die Bürgermeister dieser Communen für die Realisirung seines Planes (die Berjagung der Juden) zu gewinnen. Er begab sich in die Häuser der Juden, um Recherchen wegen Spirituosen vorzunehmen, und fand er bei denselben je eine Litra oder je eine halbe Oka Branntwein vor, so hatte er nichts Eiligeres zu thun, als sofort gegen dieselben ein Protocoll aufzunehmen, und indem er sie in Anklagezustanb wegen Gesetzesübertretung versetzte, ertheilte er gleichzeitig den Befehl, sie (die Juden) aus ihren Häusern zu verjagen. Die Herren Primäre (Bürgermeister) diese Orcre pünktlich vollziehend, warfen die Frauen und Kinder dieser Juden in der stärksten Winterkälte mit Gewalt aus den Häusern auf die offene Straße, und wurden diese unglücklichen Wesen gezwungen, sich dem Zufall zu überlassen, nach allen Seiten fliehend. Einer dieser verjagten Juden, der gegenwärtig im Städtchen Jvesti wohnt, schildert mir in einem Briefe alle seine erlittenen Leiden, welchen Brief ich Ihnen anbei übergebe, auf daß Sie sich von dem Loose der Unglücklichen überzeugen, welches ihnen von der schrankenlosen Willkürlichkeit eines administrativen Beamten verursacht worden ist. Herr Redacteur! Die Juden, welche in jenen Dörfern gewohnt, haben nie als Schankwirthe figurirt und nie Spirituosen verkauft, das ganze Verbrechen ist, daß einer dieser Juden des Tags vorher ein freudiges Familienfest gefeiert, in Folge dessen ungefähr eine halbe Oka Branntwein gefunden wurde, und diese halbe Oka Branntwein gab Herrn Teodorescu Gelegenheit, seinen Plan realisiren zu können. Ich bitte Sie, Herr Redacteur, im Namen der von allen Mitteln entblößten Unglücklichen, um die Aufnahme dieser Thatsachen in Ihrem geschätzten Blatte, um den eigenmächtigen Beamten auf gerichtlichem Wege verfolgen zu können. Diese Vorgänge erfährt vielleicht auf diesem Wege auch der Vorgesetzte Präfect dieses Beamten und nimmt entsprechende Maßregeln. — Empfangen Sie u. s. w. Gezeichnet: David Alpern." Rußland. Minsk, 20. Februar. (Privatmitth.) Wenn es für den wahrhaften Menschenfreund ein ihn befriedigender Anblick ist, zu gewahren, wie echte Nächstenliebe und Humanität jeden Unterschied, welchen die Menschen unter sich aufgerichtet, übersieht und beseitigt, hingegen aber auch es dann erlebt, daß die Dankbarkeit selbst wiederum diese Schranken als nicht vorhanden betrachtet: so haben wir in diesen Tagen die Gelegenheit gehabt, die Wahrheit dessen zu beobachten. Nach kurzer Krankheit verstarb am 18. Februar hier der practische Arzt und Geburtshelfer Staatsrath Wilhelm Paul von Hintenburg (lutherischer Confession) im achtundsiebzigsten Lebensjahre nach 55-jähriger Praxis. Er hat in einem Umfange und mit einer Selbstaufopferung für die zahlreichen Armen unsrer Stadt gewirkt, und bis zu seinen letzten Tagen, ohne sich zu schonen, Tausenden und Abertausenden ohne Unterschied der Nationalität und Religion Hülfe geleistet, daß sein Tod als ein allgemeines Unglück für die Stadt empfunden wurde. Dies äußerte sich auch seitens der Juden in einer vielleicht nie dagewesenen Weife. Wie ein Blitz verbreitete sich die Trauerkunde durch die Stadt, und ein allgemeines Bedauern griff Platz. Nicht endenwollende Menschenmassen wogten ab und zu nach dem Trauerhause, um die Leiche des von Allen Geliebten und Verehrten noch einmal zu schauen, und die vor demselben zur Aufrechterhaltung der Ordnung postirten Polizeimannschaften vermochten nicht, dem Anprall der Eindringenden Stand zu halten. Im Todtenzimmer hörte man lautes Wehklagen und eine Gruppe frommer Hebräer murmelte die üblichen hebräischen Todtengebete und Psalmen her. So geschah es auch am nächsten Tage, an welchem noch zur solennen Todtenfeier der Kronsrabbiner, der jüdische, orthodoxe Prediger (Magid) nebst dem jüd. Borbeter mit dem Chore im Trauerhause erschienen. Nach Beendigung des üblichen TodtengesangeS wandte sich der greise 12

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