Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1877)
- Date
- 1877-03-20
- Page
- Seite 185 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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1S5 wie bei den Wahlen sind die Voten der Juden überhaupt von gar keiner Bedeutung wegen der verschwindenden Minderheit, die sie hierbei auSmachen. So ist es rein aus der Luft gegriffen, daß die Juden die hauptsächlichsten „Gegner der Kirche in erster Linie" sein sollen. Was l)r. Martin nun ferner über die Reform- und orthodoxen Juden sagt, ist so ohne alle Kenntniß und Berständniß des Judenthums, daß es kaum lohnt, darüber sich ouSzulaffen. Wir können nur lächeln, wenn der fromme Mann allen denen, welche er Reformjuden zu nennen beliebt, alle Religion abspricht. Es liegt dies einmal in dieser Art. Er wirft uns auch Undankbarkeit vor, weil doch die Papste die Juden in Rom geduldet, er meint geschützt hatten. Allerdings fordert das Einschließen einer dichtgedrängten Maffe in das vom Tiber jährlich überschwemmte Ghetto, und daß sich die Aeltesten der Juden Jahr für Jahr auf dem Capitol eine Ohrfeige knieend holen mußten, eine besondere Dankbarkeit! Uebrigens ist es erst nachzuweisen, was die Juden bei und nach der Einnahme Roms durch die italienische Armee gegen den Papst gethan hätten. Selbst l)r. Martin spricht nur von einem „soll". Sollten sie sich elwa dem Einmarsch jener Armee widersetzen, oder die Erlösung von dem mittelalterlichen Druck, den sie selbst unter Pius IX. auf ihrem Nacken trugen, und die Ertheilung der Gleichstellung zurückweisen? Hat Dr. M. niemals von Mortara gehört? . . . Am wunderlichsten nimmt es sich aus, wenn er schreibt: „Vielleicht sind aber den orthodoxen Juden die Katholiken deshalb ein so besonderer Dorn im Auge, weil der Katholicismus es ist, worin sich ihr Abfall vom wahren Judenthume, die Jnconsequenz, das Widerspruchsvolle und Ungereimte ihres Systems mit allzu grausamer Deutlichkeit abspiegelt." Wie doch ein Mann so befangen sein kann! Wenden Sie Ihren Satz in's gerade Gegentheil, und Sie sind der Wahrheit näher gekommen. Eben im Katholicismus^ in deffen Dogmen und Formen sieht der Jude den kräftigsten Antrieb, seiner väterlichen Religion treu zu bleiben und erkennt die. Wahrheit und Consequenz des Judenthums aus dem, ihm vor das geistige Auge tretenden Gegensatz! — Bon den beiden Convertrten und ihrer Schrift, die Dr. M. erwähnt, will ich schweigen. Das Concil selbst hat die Zudringlichkeit dieser Menschen gewürdigt, und ihre Schrift beweist nichts als die völlige Unzuverlässigkeit (um mich keines stärkeren Wortes zu bedienen) der Berichte von der gerichtlichen Behandlung Jesu. — Zuletzt stellt er den Juden noch ein gutes Zeugniß aus. Er glaubt sie bestimmt, einen großen Dienst zu leisten durch die unversehrte eifersüchtige Bewahrung der Bücher des Alten Testaments. Wenn dies Dr. M. seitens der Juden für einen großen Dienst hält, so sagt er im Grunde damit aus, daß ohne die Juden die Bücher der h. Schrift längst „versehrt", d. h. gefälscht und verstümmelt worden wären. Ob dies richtig sei, überlaffen wir den Nichtjuden zu entscheiden. Fügt er das Beiwort „eifersüchtig" hinzu, so ist dies wieder ein Ausstuß der lebhaften Einbildung des Dr, nur da erweist, wo er von den Gegnern spricht. Die Juden waren immer eifervoll für die h. Schrift, aber niemals eifersüchtig. Sie haben sie schon in Egypten in's Griechische über- 'etzt und dadurch der damaligen Well zugänglich gemacht. Als Lehrer des Hieronymus haben sie für die Vulgata großes Verdienst. Ebenso übertrugen sie sie in's Aramäische und Arabische und unterrichteten viele Christen im Hebräischen, die nachmals sich hohe Anerkennung erwarben. Wie kann man da von Eifersucht sprechen. Der weitere Inhalt der bischöflichen Broschüre geht uns nichts an. Uebrigens hat sie in der allgemeinen Preffe gar keine Beachtung gefunden. Oesterreich - Ungarn. Bon der Donau, 4. März. (Privatmitth.) In dem zu organisirenden Landes - Sanitätsrath^sivurren von dem Minister des Innern auch folgende Juden ernannt: zum ordentlichen Mitgliede Herr Dr. Ignaz Hirsch ler in Budapest, ferner zu außerordentlichen Mitgliedern: der practische Arzt Herr Dr. Heinrich Pollak in Budapest, der Primararzt des Miskolczer Krankenhauses Herr Dr. Joseph Popper, der Primararzt am Budapester Krankenhause kön. Rath Herr Dr. Joseph Rözsay und der pract. Arzt Herr Dr. Albert Kain in Debreczin. Pest, 26. Februar. (Privatmitth.) Dem im Drucke erschienenen Berichte des Vorstandes der hiesigen Gemeinde über die Gemeindeverwaltung im Jahre 1876 entnehmen wir folgende, auch weitere Kreise interessirende Daten: Das Knabenwrisenhaus hat gegenwärtig einen Personalstano von 45, von denen 32 die israel. Gemeindeschule, 6 die Realschule und 6 da- Gymnasium besuchen. Die entlaffenen Waisenkinder sind theils Handwerker, theils der Oeconomie zugewendet worden. Die Verpstegungskosten stellten sich im Jahre 1876, die Verpflegung des Dienstpersonals miteinbegriffen, auf durchschnittlich 154 fl. 70 kr. per Zögling und per Jahr. Das Jnstitutsvermögen hat sich im Berichtjahre um 10,606 fl. vermehrt und beläuft sich zum Schluffe des Jahres 187 6 auf 97,319 fl. 68 kr. Was den Religionsunterricht betrifft, so wurde derselbe an 4630 Zöglingen ertheilt, und zwar Gymnasialschulen 636, Realschulen 561, Bürgerschulzöglinge 671, Delksfchulzöglinge 2762. Hierzu kommen die Zöglinge der Religionsgemeindeschulen, welche von 565 Knaben und 344 Mädchen besucht werden, sowie die Schüler der öffentlichen Talmud-Thora, deren Zahl sich gegenwärtig auf 213 beläuft. Im Berichtsjahre wurden in der hiesigen Gemeinde geboren 963 Knaben und 909 Mädchen, hingegen starben 746 männliche und 540 weibliche Personen. Die Zahl der Eheschließungen beträgt 287, die der Scheidungen 15. Wien» im März. (Privatmitth.« Das „Wiener Bet ha- M., die sich übrigens in seiner sonst so nüchternen Broschüre I Midrasch" hat seinen Rechnungsausweis für das Jahr 1876