Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1877)
- Date
- 1877-03-20
- Page
- Seite 184 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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können. Wir beneiden Niemanden, auch nicht den frommen' lutherischen Professor um solche Beweise der Unwissenheit und des Vorurtheils! Königsberg, 7. März. Gestern 6^/4 Uhr verschied Dr. Johann Jacoby nach schwerem Leiden und einer eben überstandenen Steinoperation. (Mit ihm ist wieder einer der würdigsten Kämpfer auch für die Gewissensfreiheit und Gleichstellung aus dem Leben geschieden, ein Mann, welcher zu einer gewissen Zeit durch sein kühnes und freies Wort die gegenwärtige Gestalt der Dinge in Staat und Leben herbeizuführen viel beigetragen hat, und welchen, mag man von seinen Ansichten während desletzten Jahrzehnts noch so sehr sich getrennt gefühlt haben, die höchste Ehrenhaftigkeit und Charakterwürde auszeichnete. — Wir haben eine Biographie Johann Jacoby's in der „Gallerie von Abgeordneten jüdischen .Glaubens" (von Nr. 9, Jahrg. 1867 an), und zwar in Nr. 16, 1867 gegeben. Wir wiederholen nur einige Daten, die sein Verhälmiß zum Judenthume bezeichnen. Johann Jacoby war am 1. Mai 1805 zu Königsberg in Pr. geboren. 1823 bezog er die Universität seiner Vaterstadt und studirte Philosophie und Medicin. Schon als Student wirkte er für die Gleichstellung seiner Glaubensgenossen in studentischen Kreisen. Große Verdienste erwarb er sich als die Cholera zum ersten Male an den Grenzen unsres Vaterlandes auftrat. In einer durch ihre Schärfe ausgezeichneten Brochüre trat er 1833 der bekannten Schrift von Streckfuß, die dem Juden die Lasten des Staatsbürgers aber nicht dessen Rechte zugestand, entgegen. Als 1838 die dortige Gemeinde zur Verbesserung ihres Gottesdienstes schreiten wollte, wählte sie Jacoby in die desfallsige Commission. Seine großartigen Kämpfe bis 1848 sind bekannt, sowie sein consequenles politisches Verhalten seit dieser Zeit. In den letzten Jahren seines Lebens war er nach Königsberg zurückgegangen und unzufrieden mit dem Gange der Ereignisse, den Socialisten nur etwas nahestehend, über alle anderen gegenwärtigen Parteien aber hinausgehend, wies er wiederholt Wahlen in den Reichstag ab. Sein Name und sein Verdienst werden auch in der zukünftigen Zeit anerkannt bleiben. Seine sämmtlichen Schriften haben wir in der angeführten Biographie aufgezählt. Redaction.) Aus dem Paderboru'schen, im Februar. (Privatmitth.) Unsre alten Weisen sagen: -5:^72 ■p-no’* „Leiden versöhnen!" Um so unangenehmer ist es, gegen einen im Mißgeschick Befindlichen kämpfen zu sollen. Wenn aber dieser trotz seines Schicksals nicht aufhört, gegen eine ganze Classe von Menschen, die ihm in Wahrheit nichts zu Leide gethan, zu polemisiren, und den Haß ihrer Mitbürger gegen sie herauf zu beschwören und zu bestärken, so kann die Schonung nicht so weit gehen, sich dies ganz ruhig gefallen zu lassen. Der abgesetzte Bischof Dr. Konrad Martin von Paderborn ist einer der drei bischöflichen Vielschreiber — Dupanloup, Kettler und er — die jedoch vergebens nach dem Verdienst und Ruhm der alten Kirchenväter streben, und hat soeben aus seinem Exil, in welches er geflüchtet, eine Broschüre erscheinen lassen, betitelt: „Blicke in die Gegenwart und Vergangenheit". (Münster, Aschendorff 1877.) Der Titel st vielversprechend; was bergen nicht Alles Zukunft und Vergangenheit, welche hohe Interessen spielten in dieser und werden in jener spielen! Jndeß Dr. Konrad Martin sieht in Zukunft und Vergangenheit nichts als „seine persönliche Lage", womit er die Broschüre beginnt, und mit ihr die Lage ver Kirche, mit der er sich identificirt. Man kann sich denken, wie er hierüber uriheilt, worüber er klagt, was er erhofft, und wozu er auffordert. Doch dies zu besprechen, ist unsre Sache nicht, so wenig wie zu erweisen, daß in der 110 Seilen fassenden Broschüre auch nicht ein einziger neuer Gedanke oder ein neuer Ausdruck eines alten Gedankens zu finden ist. Was wir nur an dieser Stelle hervorheben wollen, ist, daß er die Juden als grimme Feinde der katholischen Kirche, als Miturheber des sogenannten Culturkampfes „und zwar in erster Linie" bezeichnet. Diese Feinde nämlich bestehen für ihn in den Juden, in den ungläubigen Protestanten — wobei ihm alle Rationalisten, Materialisten u. s. w. Protestanten sind, als ob es solche unter den Katholiken nicht auch gebe — in den bibelgläubigen Protestanten und Altkatholiken. Man sieht, der Herr Bischof setzt das Gewerbe der Rohling's, Rebbert's, Rittlers u. s. w. fort und da diese Heldeu der Schmähpresse nichts ausgerichtet haben, will er mit feinen bischöflichen Händen dem Volke den Dorn in die Seite stoßen. Er sagt: „Als unsere hauptsächlichen Gegner stellen sich, was ihre religiöse und irreligiöse Färbung betrifft, noch immer dar, sei es in den Kammern ober im Parlamente, sei es in der Presse und bei den Wahlen, in erster Linie die Juden; und zwar die orthodoxen Juden ebensowohl, wie die Reform-Juden." Beweise, Herr Bischof, Beweise! Wir gehören nicht zu denen, welche Behauptungen ohne Beweise von einem kirchlichen Würdenträger als beglaubigt annehmen. Gleich das erste „in den Kammern oder im Parlamente", ich stelle Ihnen alle stenographischen Berichte zu Gebote, zeigen Sie mir die jüdischen Abgeordneten, welche in den Culturkampfs-Verhandlungen, oder in den Debatten über die kirchenpolitischen Gesetze das Wort ergriffen, und sich als „hauptsächliche Gegner" der Kirche gerirten! Gerade das Gegentheil ist wahr, mit sicherm Takte haben die jüdischen Abgeordneten in allen diesen Dingen Stillschweigen beobachtet, im deutschen Parlament und in den Kammern zu Berlin, Wien, München, Paris u. s. w. In der Presse, nun, zeigen Sir mir ein Pamphlet aus der Feder eines Juden, einen Artikel gegen die Katholiken, wie sie zu Hunderten in allen Ländern gegen die Juden von den ultramontanen Schreibern in die Welt geschickt wurden, und die alle Juden, wie einst Haman, ausrotten wollten, während jüdische Publicisten höchstens zur Abwehr dieser Kreuzzüge und gegen die Drohungen des Syllabus geschrieben haben. In den Parlamenten l) Wir verweisen auf die Rede des Abg. Lasier vom 28. Febr.