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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-03-20 · Heft 12 (20.3.1877) · p. Seite 183

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 12 (20.3.1877)
Date
1877-03-20
Page
Seite 183 (sequence 5)
Language
German
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183 welche durch sie die Katholiken erführen, sowie ihre Schilderung der Erbitterung des katholischen Volkes und der dadurch heraufbeschwvrenen Gefahren, stellte fich Lasker zwischen die beiden Parteien, und hat nun das Schicksal einer solchen Situation erlitten. Er ließ sich verleiten, den Ultramontanen eine Revision der Maigesetze zuzugestehen, allerdings mit dem Zusatze, wenn sie wirkliche Beweise für ungerechtfertigte Härten dieser Gesetze beibrächten. Dieser Zusatz verlor aber seinen Nachdruck durch die Sentimentalität, die in der ganzen Rede herrschte. Dies machte denn für den Augenblick einigen Eindruck auf das Centrum. Es wurden Beistimmungsrufe aus ihm hörbar, und Schorlemer- Alst und Schröder (Lippstadt) sprachen sich, nach ihrer Art, recht milde aus, zogen aber auch sofort Consequenzen aus Laskers Zugeständnissen. Daher erhoben sich gegen diese alsbald der Cultusminister und Birchow, und wiesen die so geartete Behandlung der Angelegenheit zurück. Nicht anders ging es auf Seiten der Ultramontanen zu. Ihre Preffe protestirte sofort energisch gegen jede Art von Versöhnung; nicht Revision, sondern Abschaffung der Maigesetze verlangt sie; es handele sich um unversöhnliche Principien, von denen eines siegen oder fallen müsse. Daß sie hierbei den Abg. Laster ironisirte und bespöttelte, versieht sich von selbst. Wir unsrerseits, und deshalb diese Schilderung, wollen dennoch den Vorgang nicht außer Acht lassen. Es hat sich hier einmal thatsächlich bewährt, daß die Juden keine Gegner der katholischen Kirche sind, und trotz der bitteren und gemeinen Fehde, welche die ultramootanen Wortführer gegen die Juden ohne alle Provocation von deren Seite führen, die katholische Kirche durchaus nicht Haffen. Da sich diese Wortführer immer wiederholt in derartigen Behauptungen gefallen, so ist es immerhin nicht ohne Werth, sich auf die von Lasker ausgesprochene Gesinnung berufen zu können. Berlin, 9. März. (Privatmitth.) Daß die protestantischen Pietisten, trotz ihrer Feindschaft gegen die katholische Kirche, den Ultramontanen in vielen Dingen, die ihnen ein gemeinsames Jntereffe zu haben scheinen, brüderlich die Hand reichen, ist längst bekannt, und namentlich zeigen sie eine rührende Uebereinstimmung in der Art, wie beide Parteien gegen die Juden das Gift des Haffes und der Verleumdung ausspritzen. Ein Beispiel gab jüngst wieder die „Allgemeine Evangelisch-Lutherische Kirchenzeitung" von Prof. Di*. Luthardt in Leipzig in Nummer 7 vom 16. Februar. Unter der Ueberschrist „Ein Blick auf unsre wirthschaftlichen Berhältniffe" enthält das fromme Blatt nichts weiter als die jetzt so gewöhnlichen Klagen über die wirthschastliche Gesetzgebung und an diese kurze Einleitung anknüpfend die Anschuldigung, daß die Juden allein das Capital besitzen, allein den Börsen-, Actien- und Gründerschwindel verursacht, den großen Krach veranlaßt und den gegenwärtigen Nothstand herbeigeführt haben. Dies wird des Breiteren, freilich ohne Saft und Kraft, ausgeführt, gestützt auf „die goldene Internationale" des als Abgeordneten-Candidaten durchgefallenen Wilmanns, welche für derartige Skribler die Rüstkammer gerade so zu werden scheint, wie es Eisenmenger für die Talmudfresser geworden. Freilich könnte man sich wundern, daß das fromme evangelisch-lutherische Blatt sich mit Dingen befaßt, die allein „von dieser Welt" sind, und es könnte sich mit seiner Unwissenheit auf diesem Felde entschuldigen. Dann aber müßte man ihm sagen, daß es doch nicht sehr religiös ist, Dinge nicht zu verstehen, und doch aus ihnen giftige Geschosse gegen seine Nebenmenschen zu machen und einen Fallstrick zu drehen für fromme, harmlose Gemüther, welche auf Herrn Luthardt schwören (?) und nun eine gleiche Erbitterung in ihre gotffeligen Herzen gegen Menschen, die ihnen nichts zu Leide gethan, aufnehmen. Auch kein Probestückchen der vielgepredigten Liebe kann man darin erblicken. Im Ernste nun die Auslassungen des lutherischen Theologen über „die wirthschaftlichen Lerhalrnisse", d. h. nach ihm über die unseligen Juden zu bekämpfen, kann einem Vernünftigen nicht einfallen, das hieße einem Idioten einen mathematischen Beweis demvnstriren wollen. Jndeß thut es Einem doch leid, in unsrem Deutschland von wissenschaftlicher Erkenntniß und Aufklärung so blutwenig verbreitet, die Herrschaft des blöden Aberglaubens in wirthschaftlichen Dingen so unbedingt zu sehen, woraus renn ein völliges Dunkel über die Ursachen und Heilmittel der vorhandenen Calamitäten folgt. Man lacht, wenn man hört; daß von gewisser Seite her Erdbeben, Ueberschwemmung, Wolkenbrüche, Stürme u. s. w. aus den Ketzereien der Altkatholiken und Protestanken und der mangelhaften Kirchlichkeit vieler Katholiken erklärt werden, aber man stimmt sehr ernst ein, wenn aus einem ganz ähnlichen Winkel her die Juden als die Urheber der großen Krise verdammt werden, die von der Grenze Asiens und dem Nil über ganz Europa, Amerika und Australien ihren verheerenden Zug gehalten. Beides verhält sich im Grunde aber ganz gleich. Es ist hinlänglich nachgewiesen, daß der sg. Gründerschwindel seinen Ursprung in Zeiten und für die Gegenwart in Landern gehabt und seine stärksten Stationen gehalten, wo die Juden gar keinen Einfluß geübt oder in äußerster Minderheit vorhanden waren. Es ist gezeigt worden, daß das große Publikum durch seine Gewinnsucht den Schwindel mehr hervorgerufen hat, als die Schwindler selbst, die zu ihrem Wachsthum und ihrer Frechheit gar nicht gelang: wären, wenn nicht das Publikum bei ihren ersten Locktönen massenhaft herbeigesirömt wäre und die Gründereien verlangt hatte; ferner kann Jedermann einsehen, daß die gegenwärtige Calamität nicht allein durch den Börsenschwindel, sondern wesentlich durch die reale Industrie selbst verursacht worden, welche, einen günstigen Impuls übertreibend, zu einer schwindelhaften Production sich anfchwellte, die nothwendig mit großen Verlusten zurückgehen mußte, in ihrem Fieberparoxismus jedoch vorher zum Gründerschwindel immer mehr antrieb und zugleich die Arbeitslöhne übermäßig steigen machte. Alle diese und andere Ursachen des Nothstandes werden außer Acht gelassen, nur um die Juden als Prügelknaben und Sündeuböcke aufstellen und strafen zu

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