Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1877)
- Date
- 1877-03-13
- Page
- Seite 169 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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169 Darmstadt, im Febr. (Privatm.) Den 19. d. hat Herr Pastor Carl Scholl, Prediger der freireligiösen Gemeinde zu Heidelberg im kaufmännischen Verein allhier einen Vortrag über die Verfolgungen der Juden im Mittelalter gehalten. Der geräumige Saal im „Darmstädter Hof" war bis zum letzten Platze gefüllt, die überwiegende Mehrheit der Anwesenden waren Christen, und zwar viele Damen. Wenn auch der Vortrag nichts Neues enthielt, so war er doch völlig frei von jedwedem Borurtheil, und gab eine beredte Schilderung der geschichtlichen Thatsachen und ihrer Motive. Es ist noch immer gut, auch der Jetztzeit ein solches Spiegelbild vorzuhalten. Frankfurt am Main, im Februar. (Privatmittheilung.) Die „Achawa", dieser Verein zur Unterstützung hulfsbedürfriger israelitischer Lehrer, Lehrer-Wittwen und -Waisen in Deutschland hat ihren zwölften Rechenschaftsbericht veröffentlicht. Es heißt darin: „In dem abgelaufenen Jahre hat sich die Thatigkeit unseres Vereins in befriedigender Weise entfaltet. Wenn auch das Verzeichniß unserer Einnahmen die Wirkungen der allgememein ungünstigen Zeitverhälmisse kund giebt, so beweist es doch immerhin, daß unsere Bestrebungen sich fortwährend vielseitiger Theilnahme zu erfreuen haben. Unsere Einnahmen an Beiträgen, Geschenken und Zinsen (f. S. 13) beliefen sich auf 10,934 Mark (gegen 12,673 Mk. im vorigen Jahre); an Jahresunterstützungen (s. S. 15) vermochten wir 5467 Mark unter 30 Unterstützungsbedürftige mit 38^/2 Theilen zu 142 Mark zu verabreichen, während die aus dem Reservefond vertheilte Summe ls. S. 13) 464 Mark betrug. Das Vereinsvermögen ist unter Berechnung des Nennwerthes der Werthpapiere auf 63,366 Mark gestiegen." Seit zwölf Jahren vertheilt der Verein statutenmäßig seine Unterstützungen. Er begann 1865 mit 403 Mark und stieg bis 1876 bis zur Vertheilung von 5931 Mark. Im Ganzen hat er bereits 36,172 Mark vertheilt. Bei solchen offenbaren Vortheilen ist es sehr zu verwundern, daß die Theilnahme der jüv. Lehrer als Mitglieder des Vereines, durch welche sie sich das Recht auf die Unterstützungen deffelben erwerben, verhältnißmäßig noch immer eine sehr geringe ist, nämlich 196. Als eine Folge davon können wir betrachten, daß die thatkräflige Unterstützung des Vereins seitens der Gemeinden und Privaten nur eine geringe ist, und sich meist nur auf Frankfurt selbst beschränkt. Es wäre sehr zu wünschen, vaß diesem Uebelstande abgeholfen werde. Man würde dann auch nicht so oft Wittwen und Waisen jüd. Lehrer die öffentliche Wohlthätigkeit in Anspruch nehmen oder mittleren oder kleineren Gemeinden zu großer Belastung gereichen sehen. Königsberg, im Febr. , Privat Mlirh.) Das hiesige Hauptcomite für die russischen Juden hat seinen Jahresbericht für 1876 dem Centralcomite der Alliance isr. univ. abgestattet und heben wir das Bemerkenswertste daraus hervor. Rach Maßgabe seiner beschränkten Mittel hat das Comile ein anderes System angenommen, indem es nicht mehr den ganzen Unterhalt für die von ihm angenommenen Berlaffenen- und Waisenkinder übernimmt, sondern für sie Patrone sucht, und nöchige Subsidien zahlt. Ferner hat es den früheren Weg verlaßen, sclcke Binder alsbald in kleineren Städten der Provinz unterzubringen, von denen es sie, weil noch ununterrichtet, meist wieder zurück erhielt, sondern es läßt sie erst Schulen besuchen, um dann bei einem Handwerker oder sonst zur Lehre untergebracht zu werden. Auf diese Weise erreicht es wesentliche Ziele und bedarf hierzu eines geringeren Maßes von Mitteln. Im Jahre 187 0 hat es so 19 Kinder ausgenommen, welche verschiedene Schulen besuchen, lo wurden bei Handwerksmeistern als Lehrlinge placirt in Königsberg, 13 (nach Besuch der Schulen) an verschiedenen Drlen, 5 erlangten nach ihrer Lehrzeit Stellung, 21 erhielten Reiseunterstützungen für andere Länder, und 30 um nach ihrem Baterlante zurückzukehren nach zurückgelegter Lehrzeit. IO Sturirende wurden unterstützt. Für alle diese Zwecke wurden 5952 Mark ausgegeben, wozu das Comitc 1666 M. in Königsberg vereinnahmte und 4285 M. von der Alliance erhält. Cs hat deshalb sein Budget für 1877 auf 6OO0 Mark normirt. Man kann in der That dem Königsberger Comite, an reffen Spitze Rabbiner I)r. Bamberger steht, zu diesen Resultaten nur Glück wünschen. Wir dieses wohlthätigc Werk in dieser Weise Jahrzehnte hindurch fortgesetzt, so wirr es den Ruhm haben, eine verhältnißmäßig bedeutende Anzahl Menschen vor Elend und Untergang gereuet zu haben! (Um so mehr erfreut es uns, aus rem Februar- Bülletin der Alliance zu ersehen, daß sie jüngst für „das russische Werk" von Herrn S. H. Goldschmidl zu Paris 10,000 Francs und von Einzelnen 125 Francs erhalten hat. Reraction.) Hechingen, 20. Febr. Die „Franks. Ztg." schreibt: Man wird nach und nach zu sehr daran gewöhnt, die Hoffnung auf freiheitlich Gestaltung unserer rechtlichen Berhältniffe aus das kleinste Maß zu reduciren, als daß wir uns von nachstehender Beleuchtung unserer städtischen Versaffung eine besondere Wirkung versprächen. Wenn aber Petitionen, die dem Minister Eulenburg zur dringenden Erledigung überwiesen sind, im Ministerium des Innern den Schlaf des Gerechten schlafen, so bleibt uns nur die Preffe übrig, um die öffentliche Aufmerksamkeit wiederholt auf die haarsträubenden communalen Rechtsverhältnisse zu lenken. In unserer guten alten Stadt Hechingen besteht nämlich noch tharsächlich die herrliche Institution der „Bürger und Hintersäß". Die Bürger bilden die politisch und wirthschafilich vollberechtigte und in des Wortes vollster Bedeutung herrschende Claffe. Sie allein üben das Gemeindewahlrechr und ihnen allein steht demzufolge die Befugniß über Verwendung des städtischen Budgets zu. Die „Hintersaffen", die aus dem Mittelalter wohl conservirle Rajah's,