Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-03-13 · Heft 11 (13.3.1877) · p. Seite 168

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 11 (13.3.1877)
Date
1877-03-13
Page
Seite 168 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227123-3227135--35201-3305141
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

168 zu jedem Wagniß uns zu allen Opfern eher bereit fei, als dazu, im eigenen Lande einen Theil dessen in's Werk zu setzen, wozu man den Nachbar mit Waffengewalt verhallen wollte. Wenn sich in Rumänien noch ein Schein von sogenannten „nationalen" Gründen für die Ausschließung der Juden in ihrer verhältnißmäßig großen Zahl finden läßt, so läßt sich in Serbien selbst ein solcher Borwand nicht finden, denn die Juden bilden daselbst einen minimen Theil der Gesammtbevölkerung. Und da sei nebenbei noch die folgende Kleinigkeit erwähnt, welche überaus bezeichnend ist für die liebenswürdige vorurtheilslofe Manier, in der man da drunlen Ziffern und Statistik macht. Die Zahl der Juden in Serbien befindet sich veranschlagt: in rdolb's „Handbuch der vergleichenden Statistik", erschienen -im Jahre 1871, mit 1800 Seelen. Der Berfaffer har „aus amtlichen Quellen" geschöpft. Aus denselben Quellen schöpfte auch im Jahre 1874 Maurice Block, der Berfaffer des „Hiclionnaire general de la Polilupie“, der seinerseits 5539 Juden ausrechnel. In drei Jahren hat sich also die Zahl der Juden nahezu verdreifacht? Allein Diejenigen, die sich durch ein so schnelles Wacherhum vielleicht beunruhigt fühlen könnten, werden wieder Beruhigung finden in Ui-. H. Fr. Brachelli's „Tie Staaten Europa'ö", erschienen im Jahre 1875, also ein Jahr nach Maurice Block, wo die mehrerwähnten serbischen amtlichen Quellen wieder 1560 Juden ausweisen. Welche von den drei „amtlichen Quellen" hat nun gelogen? . . . . Wahrscheinlich ist, daß Kolb und Brachelli Beide die Volkszählung vom Jahre l 866 zur Basis genommen haben, während dem französischen Autor neuestens, da die Judenfrage einmal auf ver Tagesordnung war, „pour les Oesoins de la cause“, frischweg 5539 Juden zugestellt wurden. Wir erwähnen diese kleine Angelegenheit, um Denjenigen zu begegnen, die vielleicht künftig aus anderen Anlässen uns aus die famosen amtlichen Quellen des „doungest. meuiber of the European Family“, wie Herr Gladstone von Serbien zärtlich sagt, verweisen wollten. Das kleine Fürstenthum an der Donau macht seinen Krieg, um den Unterthanen seines Lehensgebers die Freiheit zu bringen — nur spreche Niemand davon, für die serbischen Unterthanen dieselbe Freiheit zu reclamiren! Und wenn es durchaus sein muß, so werden sie diesen die Freiheit geben.Mi n ist er zu werden, weil sie das doch niemals werden; aber die Freiheit, eme Tischlerwerkstätte zu errichten — niemals! Denn dieses ist der thatsächliche Zustand in Serbien, der die Unbill noch durch den Hohn vermehrt. Die Verfaffung gewährt allen Bürgern, und somit auch den Juden, gleiche politische Rechte in Serbien. Sie können wählen und gewählt werden, sie können sogar Minister werden — was in einem Lande, wo Herr Ristics Cabinetschef, freilich eine große Ehre ist; aber im Lande Handel und Industrie treiben, oder Eigenthum erwerben, das gestaltet diese freisinnige „Verfaffung" nicht! Diese Slaatsraison sieht keine Gefahr in der Erlheilung von politischen Rechten, allein eine um so größere Gefahr in der Ertheilung von civilen Rechten! Seit die Menschen gedenken, ist man niemals diesen Weg gegangen. Ueberall hat man die civilen Rechte zuerst gewährt, und wenn die Nothwendigkeit für Beschränkungen sich herausstellte, die Ertheilung der politischen Rechte beschränkt. Nur im „freien Serbien" wandelt man andere Wege! Und wenn schon den Juden ihre Erbsünde nimmer und nimmer verziehen werden soll, was haben denn die Armenier gethan, deren Christenlhum Niemand anzweifeln kann; die Armenier, die in der Türkei, lange bevor die Verfaffung gegeben wurde, Handel und Industrie frei trieben und die wichtigsten Slaatsämier bekleideten. Warum sollte die Gleichberechtigung dieser Christen nicht möglich fein? Oh, auch sie besitzen das kostbare Recht, Minister zu werden, vorausgesetzt, daß sie den Handel den ehrsamen serbischen Kausteulen allein überlassen, die ihren Handel freilich in sehr patriarchalischer, mau könnte sogar sagen, etwas alberner Weise treiben, die aber bei aller Unwissenheit und Trägheit ohne Concurrenz profperiren muffen. Die Kosten trägt der arme Bauer, der freilich auch sozusagen ein Christ ist! Die Gleichberechtigung der Juden und Armenier in Serbien wird diesmal noch nicht zur Thatsache werden. Die Pforte, die gezwungen ist, Frieden zu machen, wird auch noch auf andere Bedingungen verzichten müssen, an denen sie weit mehr Grund hätte, festzuhalten, als an diesem Werke der Befreiung. Und wenn die Einsprache der europäischen Großmächte an dieser Sachlage nichts geändert hat, dann werden auch ein paar Zeitungsartikel hier nicht wirksamer sein. Allein in der tollen Flucht der Erscheinungen, welche das Erwachen der „slavifchen Idee" zu Tage fördert, besitzt gerade diese Erscheinung ein so auserlesenes Interesse, Laß es der Mühe lohnt, dieselbe im Gedächtnisse der crvilrsirten Leute zu fixiren.l) l) Neuere Nachrichten besagen übrigens, daß Serbien die Gleichstellung der Armenier und Juden zugestanden habe. (S. unten». Red. äitoccßu/C&teit. Deutschland. Bonn, 5. März. lPrivatmittheilung.) Ihre Zustimmung zu der Petition betreffs des jüdischen Religionsunterrichts sandle uns (f. Nr. 5, 6, 7, 8, 9, lo) die Gemeinde zu Castrop. Breslau, 1. März. (Privatmittheil.) Es sind bei dem Comite noch ferner (s. Nr. 6, 7, 8) die Zustimmungen der Gemeinden zu Freienwalde a/O>, Filehne, Crone a. Br., Tremessen, Gnesen, Anclam, Stolp, Tuchel, Hameln, Breslau, Tirschtiegel, Crefeld eingelaufen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.