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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-03-13 · Heft 11 (13.3.1877) · p. Seite 167

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 11 (13.3.1877)
Date
1877-03-13
Page
Seite 167 (sequence 5)
Language
German
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167 ändert habe. — Woher, fragt man da, bei der so allgemeinen Feindseligkeit gegen das Iudenthum und bei der zähen Beharrlichkeit der Juden in ihren religiösen Satzungen und Bräuchen, woher dieser Friede zwischen dem Staate und dem Judenthume? Wir finden dafür zwei Erklärungsmomente. Das erste ist, daß die Juden als solche nirgends eine politische Bedeutung hatten und anstrebten. Wie es ihnen auch erging, eine dem Staate feindliche oder nur principiell oppositionelle Partei bildeten sie niemals. Es war natürlich, daß da und zur Zeit, wo der Sraat den Grundsätzen des Rechts, der Toleranz und Freiheit noch völlig entgegenstand, oder wo die starre Reaction sich geltend machte, die Mehrzahl der Juden auf der liberalen Seite sich befand, immer aber nur im Vereine mit der großen Mehrheit des Volkes; eine besondere jüdische Partei, sei sie groß oder klein, gab es niemals. In ruhigen Zeilen finden sich Juden in allen Parteien, außer in denen, welche ausgesprochener Weise die bürgerliche Gleichstellung der Juden bestreiten. Die Behauptung des revolutionären Geistes in Len Juden ist daher bald wieder geschwunden und die heutigen Radicalen zeihen sie oft genug des Conservatismus. Die Hochhaltung des Staates ist allerdings ein altjüdischer Zug, wie z. B. ihnen eine Benedictton bei dem Anblick eines regierenden Hauptes, als des Trägers der ganzen Recht- und Machtsülle des Staates vorgeschrieben ist, die in der Majestät der Gesellschaft einen Abglanz der göttlichen Weltregierung anerkennt. Das andere und noch wesentlichere Moment ist, daß das Judenthum keine Hierarchie und ein großes Maß fteier Bewegung besitzt. Wo sich z. B. zehn männliche Personen über 13 Jahre zusammen finden, da ist öffentlicher Gottesdienst, da ist die Synagoge und sei es das kleinste, schmuckloseste Zimmer. Es bedarf hierzu, wie zur Verrichtung aller religiösen Vorschriften nicht einmal eines Rabbiners, jeder Laie, wenn er nur von der Sache etwas versteht, ist dazu befähigt. Dies erleichterte die Religionsübung ungemein; Ein- und Uebergrisse in das staatliche Gebiet, eine organisirte und sanctionirte Widerfätzlichkeit waren nicht möglich und der Aufsicht des Staates unterzog man sich willig, ja wünschte sie nicht selten herbei, Da man in dem nur unparteiisch interessirten Staate keine Schwierigkeiten erblickte. Als z. B. das Judengesetz vom 23. Juli 1847 die Bestätigung jedes jüdischen Dorsschullehrers von Seiten der Regierung verlangte, war dies keiner der Punkte dieses Gesetzes, welche man für ungerecht oder nur besonders lästig hielt. Dies ist die Antwort, die wir dem Abgeordneten Cremer zu erlheilen hätte». Serbien. Der Vorgang zwischen der Türkei und Serbien ist zu bezeichnend, als daß wir ihn allein den Zeitungsnachrichten überlassen sollten. Ihn zu charakterisiren, ist ein Artikel des „Pester Lloyd" vom 24. Februar am geeignetsten, der in seinem Haupttheile so lautet: Selten ist ein Zug politischer Malice so vollkommen gelungen, als derjenige, den die türkischen Regierungsmänner durchführten, als sie die Frage der Juden und Armenier in Serbien aus die politische Tagesordnung setzten. Scheinbar ist nichts einfacher! Die Pforte hält zu dem rebellischen Vasallenstaate etwa die folgende Sprache: „Ihr habt gegen alles Recht und gegen alle Billigkeit einen Krieg gegen mich begonnen, für den ihr keinen einzigen Vorwand habt finden können, als daß ihr euch selbst die Mission ertheiltet, die Unterdrückten in meinem weiten Reiche zu befreien und denen, die nicht der Religion meines Staates sind, die für unveräußerlich und angeboren geltenden Menschenrechte zu geben. Ihr seid zu schwach gewesen für eine so große Arbeit, und in einem Kriege, der für euch nur Schmach und Jammer brachte, ist eure Sache unterlegen — eure Sache, nickt die der Unterdrückten! Alle Jene, die bisher durch mich Unterdrückung litten, seien künftig frei; euren Glaubensgenoffen gewährleistet meine neue Versasiung alle bürgerlichen und politischen Rechte; allein, da wir einmal dabei sind, ein Werk der Befreiung zu thun, seien wir generös bis aus Ende, befreien wir die Armenier in eurem eigenen Lande, die ja sämmtlich ruhige, fleißige, loyale Unterthanen sind, und machen wir aus der Handvoll Juden, die sich bei euch finden, Staatsbürger und geben wir ihnen eine menschenwürdige Existenz. ..." So aber haben Diejenigen es nicht vermeint, die auszogen, die Welt zu befteien. „Rein, antworten sie, ihr verlangt zu viel. Ihr habt uns geschlagen und gedemüthigt und dafür wollen wir billig büßen! Wir wollen eure Fahne wieder zu Ehren bringen an unserem Fürstenfitz; wir wollen euren Vertreter zulasten an unserem Hofe, alles das und noch vieles Andere, so schwer es uns fällt, wollen wir zugestehen — aber den Armeniern die Freiheit geben und die Juden wie Unseresgleichen ansehen, das sind Zumuthungen, die unser Liberalismus zurückweistl" Und darin liegt die drastische Illustration für die Verlogenheit jener freiheitlichen Redensarten, die man von Belgrad aus bei jeder Gelegenheit in die Welt schickt. Die Pforte sollte mit Wastengewalt gezwungen werden, Denjenigen ihrer Unterthanen die Freiheit zu geben, welche seit Jahrzehnten sich in permanenter Revolution gegen sie befanden und welche jede Art der Botmäßigkeit von jeher zurückwiesen. Nun handelt es sich nicht um eine revoltirende Menge, sondern um eine Elaste von Landesbürgern, die durch ihre Zahl zu gering sind, als daß irgend eine selbst eingebildete Gefahr von ihnen zu befürchten stünde, die sich niemals gegen das Gesetz oder gegen den Fürsten vergangen haben und denen man die einfachsten Existenzbedingungen verweigert, weil — man nimmt sich überhaupt nicht die Mühe, dergleichen zu motiviren. Es genügt die Erklärung, daß man

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