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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-03-06 · Heft 10 (6.3.1877) · p. Seite 156

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 10 (6.3.1877)
Date
1877-03-06
Page
Seite 156 (sequence 10)
Language
German
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156 gleichnamigem Roman gearbeiteten Schauspiel, das am 12.Sept. 1850 auf dem Burgtheater zum erstenmale und im Ganzen (bis 1862) 21 mal aufgeführt wurde. Das Stück, welches das Berhältniß Bürger's zu Molly behandelt, ist von der gesammten deutschen Kritik entschieden verurtheilt wegen seiner verfehlten Stoffwahl und unsittlichen Tendenz. Mit dem „Sonnenwendhof" betrat Mosenthal wieder das Terrain des Bauernstückes, und zwar mit glücklichstem Erfolge. „Sonnenwendhof" hat neben „Deborah" dem Autor am meisten Glück gebracht; das Stück machte die Runde über alle Bühnen und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Das Publicum weinte Thränen der Rührung, ließ es sich sechzigmal vorführen und achtete nicht darauf, daß die Kritik die etwas trivialen Bühneneffecte, wie Abendröthe, Almenjodler, Abendgebet, Glockengeläuts, dem Autor nachrechnete. (Es folgten noch andere Stücke, die hier aufzuzählen der Raum fehlt.) Glücklich war Mosenthal mit seinen Libretti zu den Opern von Doppler, Rubinstein, Marschner, Goldmark, Kretschmer und Brüll, und erwarb sich den ehrenvollen Beinamen „der deutsche Scribe". Noch vor Kurzem hatte er Gelegenheit, durch den verbindenden Text zu den lebenden Bildern in „Das deutsche Volkslied" seine Gewandtheit in der bühnengerechten Textabfaffung zu erproben. Wir haben es hier nicht auf eine ästthetisch-literarische Würdigung seiner dichterischen Individualität abgesehen. Doch so viel darf gesagt werden: Mosenthal arbeitete lediglich für die Bühne, hatte nur die Wirkung von dieser herab im Auge; seine Praxis ist sehr beachtenswerch, seine Gewandtheit ist oft belobt worden und seine Thätigkeit hat ihm Ehren und Vermögen erworben. Das deutsche Theater verliert in ihm eine sehr bedeutende Kraft.'-) Seit dem Jahre 1850 stand er im Staatsdienste. Er hatte das seltene Glück, als Jude — der einzige seines Glaubens — in den Zeilen der ärgsten Concordats-Epoche, eine Staatsanstellung zu erhalten, und zwar in dem Ministerium für Cultus und Unterricht, wo er das Amt eines Bibliothekars versah, welches ihn nicht hinderte, ungestört seiner Muse zu huldigen. Seit dem Jahre 1862 war Mosenthal verwittwet und blieb seither unverheirathet, stets umgeben von einem Kreise anhänglicher Freunde, die meist der Oper oder der Künstler-Genossenschaft angehörten. Schauspiel, Oper und Concert sahen ihn als ständigen Besucher. Lebhaften Autheil nahm er an der Veranstaltung und Organisirung der Künstler-Abende, an der Leitung der Gesellschaft der Musikfreunde, deren Directorium rasch nacheinander zwei der thätigsten Mitglieder, Egger uud Mosenthal, verloren hat. Mosenthal hat zahlreiche, weit ausgedehnte Reisen unternommen. Bor einigen Jahren wurde er mit Titel und Rang 2) Im letzten Jahre erschienen von Mosenthal auch zwei Schilderungen aus dem jüdischen Leben in der „Gartenlaube" und in „Ueber Land und Meer", die jedoch nur einen mittelmäßigen Werth besitzen. Die Redaction. eines Regierungsrathes und mit dem Eisernen-Kronen-Orden (also auch dem persönlichen Adel) ausgezeichnet. Der Jahresbericht des Unterrichtsministeriums führt ihn als Commandeur des italienischen Kronen-, des osmanischen Medschidie-, des tunesischen Nifchan-Jftikar-Ordens auf, und bezeichnet ihn als Officier des mexicanischen Guadalupe-, wie als Ritter des sächsischen Albrechts-, des belgischen Leopolds-, des Weimarschen Falken-, des sachsen-ernestinischeu Haus- und des hannoverschen Guelfen- Ordevs. Er war Besitzer der österreichischen, sächsischen und hannoverschen goldenen Medaille für Kunst und Wissenschaft. Man sieht, es fehlte dem Dahingeschiedenen auch nicht an äußeren Ehren und Auszeichnungen. Ueber die letzten Lebenstage Mosenthal's sind wir in der Lage Folgendes zu berichten: Am Donnerstag wohnte der Verblichene einer Sitzung der Gesellschaft der Musikfteunde bei. Als er eben im Begriffe war, das Kunstinstitut zu verlassen, wurde er auf der Stiege von einem Herzkrampfe befallen, weßhalb er mittelst Wagens in seine Wohnung gebracht werden mußte. Die herbeigerufenen Aerzte l)r. Standhartner und Dr. Schulz ordneten das Nöthige an, und nach wenigen Stunden hatte sich Mosenthal anscheinend erholt. Im Laufe der Nacht trat jedoch das Leiden mit Heftigkeit noch zweimal auf. Der langjährige treue Diener des Dichters reichte dem Kranken lindernde Medicinen. „Ich hoffe," sagte Mosenthal bald darauf zu seinem Diener, „daß dies der letzte Anfall war, einen neuerlichen dürfte ich kaum aushalten können." Freitag Nachmittags, nachdem er neuerdings heftige Schmerzen verspürte, äußerte er sich zu einigen seiner Freunde, die eben bei ihm zum Besuche waren: „Meine Villa ist wohl vollendet, aber ich ahne, daß ich in derselben keinen einzigen Sommer zubringen werde." Diese düsteren Gedanken quälten den Kranken seither unaufhörlich, und weder die Trostesworte der Freunde, noch die Aufmunterung der Aerzte vermochten dieselben zu verscheuchen. Freitag, drei Stunden nach Mitternacht, stellte sich ein neuer Herzkrampf ein, der bis nach V27 Uhr Früh anhielt und mit dem Ableben des Dichters, das wenige Minuten später erfolgte, endete. Dem jüdischen Ritus gemäß wurde die Leiche des Dahingeschiedenen den ganzen Tag hindurch — als am Sabbath — im Sterbebette belassen. Mit dem Eintritte der Nacht fanden sich im Traucrhause zwei Mitglieder der Bruderschaft „Chewra Kadischa" ein, welche die Leiche im Salon auf ein ausgebreitetes Sttohbündel auf den Fußboden legten uud mit weißen Tüchern verdeckten; zu Häupten der Leiche, die mit den Füßen der Thür zugewendet liegt, wurde sodann ein Oellämpchen, das sogenannte „Seelenlicht", angezündet. Sonntag Früh wird die Leiche zur Obducüou in das allgemeine Krankenhaus und Abends wieder in's Trauerhaus gebracht werden. Bon hier aus findet Montag Nachmittags, präcise 3 Uhr, das Leichenbegängniß statt. Die Beerdigung wird auf dem israelitischen Fiedhofe nächst Währing vorgenommen werden. Heute Mittags wurde beim Bezirksgerichte der inneren

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