Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1877)
- Date
- 1877-03-06
- Page
- Seite 155 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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155 —. Die Rechtssection des Gemeinderathes hat den Stifts- Lrief-Entwurf für die Rothschild'sche Waisenstistung im Betrage von 100,000 fl. für die Waisen der christlichen Bekenntnisse und 50,000 fl. für die der israelitischen Cnltusgemeinde genehmigt. Serbien. Wien, 21. Februar. Ein hierhergelangtes Telegramm aus Belgrad bemeldet unter Anderem, daß allhier bei den Wahlen zur neuen Skuptschina (Abgeordnetenhaus) zum ersten Male ein Jude gewählt worden ist. Jedenfalls wäre dies ein Zeichen der Umkehr, und als eine Folge jener Friedensbedingung der Türkei, welche jedoch auf Verlangen Serbiens bei dem Friedensschlüsse übergangen werden wird. Eine solche Umkehr erweist diese jüngste Wahl überhaupt, denn die große Mehrheit der gewählten Abgeordneten ist von friedlicher Gesinnung beseelt. Das Volk hat also auch den Juden gewählt und die Regierung die Wahl desselben zugelaffen. Ieuilleton. L. H. Moseuthal. >) Die Kunstgemeinde Wiens hat in dem heute in den ersten Morgenstunden plötzlich dahingeschiedenen Dichter Salomon HermannMosenthal eines ihrer hervorragendsten Mitglieder verloren. Moseuthal (geboren am 14. Januar 1821) hat nur ein Alter von 56 Jahren erreicht. Sein blühendes Aussehen, seine kräftige Gestalt, seine feste Gesundheit hätten Alles eher errathen lassen, als ein zehrendes Herzleiden und ein jähes Ende. Mosenthal führte stets ein sorgenfreies Leben; nicht äußere Kämpfe, nicht tiefe Leidenschaften trübten feinen lebensftohen Sinn. Mit zwanzig Jahren kam er »ach Wien, 1841, und hatte das Glück, durch seine Stellung als. Erzieher in dem Rothschild naheverwandten Hause des Herrn v. Goldschmidt sofort in gute und ihn mächtig fördernde Beziehungen zu der vornehmen Welt zu kommen. Er hatte, nach vollendeten Gymnasialstudien in seiner Heimath Kassel, die technische Laufbahn betreten, eine zeitlang auch das Polytechnicum in Karlsruhe besucht, diesem Wissenszweige jedoch bald Balet gesagt und keinerlei Facultätsstudien gemacht, war ganz und gar Autodidakt. Die philosophische Doctorswürde hat er spater von der kurhefsischen Landes- Universität Marburg erworben.- In politischer Richtung ttat er niemals, weder persönlich, noch literarisch hervor. Seine poetische Production war fast ausschließlich dramatischer Natur. Im Alter von 25 Jahren trat er mit dem dramatisirten Volksmärchen: ,^Der Holländer-Michel" hervor, welches 1846 im Theater an der Wie» vor die Lampen kam; diesem folgte 1847 ein Drama in drei Aufzügen: „Die Sklavin", auf derselben Bühne; doch hatten beide Stücke keinen dauernden Erfolg. Zwei Jahre später (1849) trat Moseuthal mit zwei dramatischen Gedichten zugleich auf. Mit dem einen „Cacilia von Albano" (aufgeführt am 18. Dec. 1849), öffneten sich dem jungen Dichter die Pforten des Burgtheaters; mit dem andern, „Deborah", welches auf dem 1) Wir entlehnen die folgenden Berichte der „N. fr. Pr.", wobei wir zu bemerken nicht unterlassen, daß dieses Blatt sich früher den Arbeiten Mosenthals vielfach abhold zeigte, so daß die folgende Besprechung um so unparteiischer erscheint. Burgtheater erst am 28. Juni 1864 aufgeführt werden durste und seither vierzigmal gegeben worden ist, begründete er einen Weltruf. „Cacilia" erschien nur achtmal auf den Brettern des Burgtheaters, und ein Befehl des Oberstkämmerers verordnete, daß alle Kreuze auf der Scene beseitigt und Alles entfernt werde, „was in der äußeren Erscheinung an das Priesterthum erinnern könnte". Hingegen machte „Deborah" ihren Weg durch alle fünf Welttheile, wurde in alle lebenden Sprachen übersetzt. Mosenchal hatte geglaubt, mit diesem Rührstücke ein Plaidoyer für die Emancipation seiner Glaubensgenossen geschrieben zu haben; aber diese selbst schienen anderer Ansicht, und einige Honoratioren der Judengemeiade richteten au den Dichter herbe Borwürfe und meinten, die Injurien, welche die Steirer in dem Stücke den Jude» in's Gesicht schleudern, verbitterten die Stimmung gegen die Juden. Zwanzig Jahre später wurde in Graz die erste Judengemeinde constituirt, und der Vorstand derselben gedachte in seiner Festrede der „Deborah" und ihres Autors und bezeichnete Letzteren als denjenigen, der den Juden den Weg in das Alpenland gebahnt habe. (?) Das Hoftheater in Berlin brachte „Deborah" 1850 in musterhafter Aufführung mit Bertha Thomas in der Titelrolle, Moritz Rott als Abraham, Joseph Wagner als' Joseph und Malwina Eck als Hannah. In München feierte Fräulein Damböck (jetzt Frau Straßmann) Triumphe mit dieser Rolle, in Hamburg ebenso Zerline Würzburg (jetzt Frau Gabillon), in Frankfurt Fanny Janauschek. Diese Künstlerin und Clara Ziegler machten die Deborah zu einer Paraderolle und zogen mit derselben durch die Welt. Denselben Erfolg hatte das Stück in czechffcher, polnischer und ungarischer Sprache. An allen Hoftheatern, auf allen Provinzbühnen, ja selbst auf „Schmieren" ist es ständig im Repertoire. Adelaide Ristori begeisterte Italien, Frankreich, Deutschland und Amerika als Deborah; ein Jahr lang spielte Miß Kate Bateman in Newyork die Rolle allabendlich, und im Adelphi-Theater feierte sie an 500 Abenden als Leah — so hieß in England die Titelheldin — unglaubliche Triumphe. 1850 erschien Mosenthal mit einem Literaturstucke: „Ein deutsches Dichterleben", einem fünfactigen, nach Otto Müller's 10