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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-03-06 · Heft 10 (6.3.1877) · p. Seite 152

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 10 (6.3.1877)
Date
1877-03-06
Page
Seite 152 (sequence 6)
Language
German
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152 Abgeordnetenhauses und des Reichstages den ehemaligen Chef des Oberlanvesgerichts zu Magdeburg v. Gerlach, das protestantische Mitglied der Centrumspartei, der Tod durch Ueberfahren an einer Straßenecke ereilt. Es war an derselben Stelle, wo vor einigen Jahren daffelbe Schicksal den Buchhändler Harwitz betraf. Allgemein bedauert man, daß der 82-jährige Greis auf eine solche traurige Weise sein Leben enden mußte. Wir können aber an diesem Sarge doch auch nicht vergessen, wie der Verstorbene in seiner ganzen politischen Laufbahn allen Grundsätzen des modernen Staates den Krieg erklärt und mit seinem ganzen Ansehen, das zu Zeiten sehr bedeutend gewesen, und feiner ganzen Kraft, die durchaus nicht gering anzuschlagen war, besonders die Rechtsgleichheit der Juden bekämpfte. Als Mitbegründer der Kreuzzeitung und als deren Mitarbeiter (Rundschauer) trägt er mit an der Schuld, welche dieses Blatt von 1849 bis zu dem heutigen Tage durch eine wahre Verfolgung rer Juden und durch die schmählichste Verleumdung derselben auf sich geladen. In den ersten Jahren der Reaction grenzte dieses Verfahren geradezu an die Aufforderung des Pöbels zur Judenhetze. Gerlach war es auch, welcher 1856 mit Wagener die sogenannten Lanvrathskammer benutzen wollte, um aus der Berfasiung die Gleichstellung der Juden zu streichen. Wagener und Genossen stellten den Antrag, und Gerlach als Vorsitzender der Commission sck hoc arbeitete den Bericht aus, welcher den Antrag billigte. Es gelang besonders durch die Anstrengungen res Revacteurs dieser Zeitung, daß schließlich doch über den ganzen Antrag nebst Bericht vom Abgeordnetenhause zur Tagesordnung übergegangen wurde. Es wird dies immer ein intereffanter Zwischenfall sowohl iu rer Entwickelungsgeschichte des preußischen Parlamentarismus als auch der Gleichstellung in Preußen bilden. Die ausführliche Darstellung des Kampfes kann man in der Schrift des Ür. Philippson: „Der Kampf der preußischen Juden für die Sache der Gewissensfreiheit"' (Leipzig, Bänsch, 1856) Nachlesen. Der Bericht Gerlachs war ein Meisterstück sophistischer und juridischer Spitzfindigkeit, verbunden mit dem offensten Bekenntniß reactionärer Grundsätze, das jedoch vor der einfachen Logik und den Grundsätzen der Gerechtigkeit nicht Stich halten konnte. So erlebte denn auch Gerlach den Sturz seiner ganzen Partei, ihre Auflösung und Ohnmacht, und sah sich schließlich gezwungen, bei der ultramontanen Partei eine Zuflucht zu suchen. Dahin folgte ihm selbst die Kreuzzeitung nicht. Nicht minder sah er seinen Genoffen Wagener aus der politischen Arena hinausgeworfen. In socialer Beziehung freilich blieb er Herrn Wagener sehr fern. Der verstorbene Gerlach war als Privatmann ein sehr ehrenwerther Charakter und ein Muster eines unparteiischen Richters. —. Der Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde hat zum Prediger den Dr. Frankl, vom Rabbinerseminar in Breslau berufen, der während des vorigen Jahres hier Gastpredigten gehalten, aber noch in keiner Gemeinde ein Amt bekleidet hat. Er ist aus Mähren und 31 Jahre alt. Seit dem Jahre 1876 waren bekanntlich hier drei Prediger, doch war die eine Stelle seit dem Tode Geiger's erledigt. Außerdem haben noch drei Sonvergemeinden Rabbiner und Prediger (die Herren DDr. Hildesheimer, Cohn und Lipschütz) und auch kleinere Synagogen haben eigene Prediger angestellt, welche insgesammt zu der Hauptgemeinde keine Beziehung haben. Hamburg, 23. Februar. (Privatmitth.) In diesen wahrhaften und möglichst vollständigen Annalen des Judenthums aus der Gegenwart darf wohl auch das Gedächniß eines Mannes nicht fehlen, der als Bürger einer großen städtischen Gemeinschaft, die auch als ein Staat anzusehen, sich wesentliche Verdienste erworben hat, und zu jenen eifrigsten Kämpfern gehörte, welche während und nach der Umgestaltung des mittelalterlich beschränkten Staates zu einem freisinnigen, besonders nach der Erlangung der Gleichstellung der Juden sofort den thatsächlichen Beweis führten, wie patriotisch und aufopfernd der jüdische Bürger ist. Um ganz unparteiisch zu sein, geben wir hier den Nachruf, welchen eines der verbreitetsten hiesigen Blätter „Die Reform" in Nr. 32 ihm widmete. Sie sagt: „Unsre Vaterstadt hat einen ihrer trefflichsten Bürger durch den Tod verloren, einen Mann, der auf dem Gebiete des öffentlichen Lebens eine ebenso hervorragende wie hiugebende Wirksamkeit entwickelte und deffen Thätigkeit auch unserm Blatte viele Jahre hindurch gewidmet war. Wir glauben, die Verdienste des Dahingeschiedenen nicht besser ehren zu können, als indem wir seinen inhaltsreichen Lebenslauf unseren Lesern in Kürze vorsühren, einen Lebenslauf, der vornehmlich in unserm öffentlichen Leben dauernde Spuren zurückgelaffen hat. Hartwig Samson Hertz wurde Hierselbst am 16. Juli 1809 als Sohn eines wohlhabenden Kaufmannes geboren. Der Wohlstand seines Vaters wurde jedoch durch die französische Invasion vollständig ruinirt. Der Vater gehörte mit zu jenen Unglücklichen, die an dem verhängnißvollen Weihnachtsabend des Jahres 1813 von den Franzosen aus Hamburg vertrieben wurden und in dem benachbarten Altona ein Unterkommen fanden. Als derselbe bald darauf starb, sah sich Hertz lediglich auf sich selbst und seine eigene Kraft angewiesen. Ohne Mittel gründete er ein eigenes Geschäft, zunächst eine Lotteriecollecte, und arbeitete nebenbei rastlos an seiner eigenen Ausbildung, namentlich im nationalökonomischen Fach, in welchem er sich so umfassende Kenntnisse erwarb, daß er später mit den ersten Autoritäten dieser Wifsenschaft in Schrift und Rede gemeinsam zu wirken vermochte. Am 23. Juni 1833 verheirathete sich Hertz, und hat ihn feine Frau jetzt nach einer 44-jährigen glücklichen Ehe überlebt. Später gründete er gemeinschaftlich mit dem — bereits verstorbenen — Buntfulterer Fuchs das weit bekannte Pelzwaarengeschäft eu xros Fuchs u. Hertz. Als die beiden Theilhaber sich trennten, etablirte Hertz allein ein Tabacksgeschäft und führte hier zuerst die nordamerikanischen Tabacke ein. Das Sturm- und Drangjahr 1848 warf auch Hertz in die politische Carriöre, in welcher er bald für Hamburg eine große Bedeutung erlangen sollte.

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