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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-03-06 · Heft 10 (6.3.1877) · p. Seite 149

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 10 (6.3.1877)
Date
1877-03-06
Page
Seite 149 (sequence 3)
Language
German
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149 nicht mit solchen Bezeichnungen unv Vergleichungen. Könnte doch sonst Jemand auch sagen: Nur die Deutschen sind reich an Genies, die anderen Völker nur an Talenten, denn einen Leibnitz und Humboldt hat nur die deutsche Nation auszuweisen! Was verlangen denn diese Menschen überhaupt von der halben Million Juden unter den 50 Millionen Deutschen, während sie doch erst „25 Jahre" aus dem Niveau der letzteren stehen? Sollen sie in dieser kurzen Spanne Zeit die ganze Nation durch zahlreiche „Genies" in Schatten stellen? Was würde es dann erst für ein Zetergeschrei geben, da sie schon durch die Handvoü „Talente" die Herrschaft au sich gerisien, und der Zeit ihren Stempel aufgedrückt haben sollen?! Es sieht doch kraus und bunt in diesen Köpfen aus, und darum schreiben sie unwillkürlich den Juden einen „hellen, durchdringenden Verstand" zu! Hellwald thut sich etwas darauf zugute, diese (doch überall so dunkel fchattirten) Lichtseiten" an den Juden zugestanden zu haben, und will nun auch „die dunkeln Partien hervor heben." Zuerst spricht er nun das große Wort gelassen aus: „Obenan steht ein ausgeprägter Egoismus"; durch ihn sind dem Juden „Selbstaufopferung, Hingebung, Vaterlandsliebe ziemlich fremde Begriffe". Man sieht, Herr Hellwald weiß auf der folgenden Seite nicht, was er auf der vorhergehenden geschrieben. Hat er nicht auf jener gesagt: die Gefühle der Juden seien besser als die ihrer Umgebung? Welche sollten denn nun diese „besseren Gefühle" sein, wenn ihnen Selbstaufopferung, Hingebung, Vaterlandsliebe fehlen? Allein solche Vergeßlichkeit muß man einem so großen Geiste schon Nachsehen. Aber, großer Mann, Du lügst, Du lügst in Deine Seele hinein! Ein Stamm, der anderthalb Jahrtausende so viel Selbstaufopferung, nichts als Hingebung für eine Idee, für eine Ueberzeugung, für das, was er als Wahrheit anerkannte, geübt, täglich, stündlich an Person, Eigenlhum, Leben geübt — dem sollten diese Tugenden fehlen? Zeig' uns doch ein ähnliches Beispiel, großer Historiker! ein ähnliches Beispiel an einem ganzen Stamm, an einem durch die Welr zersplitterten Stamm, überall in gleicher Weise, in allen Jahrhunderten in gleich hohem Maße! Vaterlandsliebe? Die Juden haben sie aller Zeit erwiesen, wo ihnen Raum dazu gegönnt war; sie haben sie bewährt, als sie noch die Verstoßenen, Zertretenen, Verfolgten waren. Wo sind die Beispiele von Verrath und Haß, die doch im Schooße der Nationen selbst nicht gar zu selten waren, welche die Juden geübt, um sich an ihren Unterdrückern zu rächen? Zum Berrath gehört nicht einmal Muth und Todesverachtung, er schleicht im Finstern, ihn unter solchen Umständen nicht zu üben, dazu gehört — Vaterlandsliebe! Wenn H. eine Ahnung davon hätte, welche feindliche Gesinnung gegenwärtig die französischen Juden gegen die deutschen Juden hegen, wie z. B. die dänischen Juden dem Gabriel Rießer auch nach dessen Tode die Anerkennung versagten, weil er in deutschem Sinne für Schleswig-Holstein in die Schranken getreten, als es noch dänisch war — so würde er vielleicht doch nicht die Frechheit gehabt haben, solche Worte niederzuschreiben. Haben die Juden, so sehr sie auch zurückgesetzt, beschränkt, von allen Benefizien des Staates für sich und ihren Cultus ausgeschlossen, für den letzteren sogar der Polizeibehörde unterstellt waren, eine so reichsfeindliche Partei gebildet, wie die Ultramontanen gegenwärtig? . . . Wir behaupten umgekehrt: Die Juden haben stets und besonders in diesem ganzen Jahrhundert eine „Selbstaufopferung, Hingebung, Vaterlandsliebe" bethätigt, höher anzuschlagen als die aller übrigen Volkselemente, weil die Stellung, in welcher man sie zurückhielt, ein geringeres Maß hätte erklärlich gemacht. W i r haben dabei den Vorrheil, dies durch Thatfachen beweisen zu können, während Hellwald's Behauptung nur in der Luft schwebt. Wir wollen uns daher auf die weiteren hieran sich knüpfenden Bemerkungen H.'s, die eben so unerwiesen, ebenso erfunden sind, nicht weiter einlaffen, z. B. auf die alte Dummheit von „vaterlandslosen Fremdlingen", d. h. von Menschen, deren Väter bereits seit den Römerzeiten in diesen Ländern ansässig sind; den Eigennutz, mit welchem der Jude „in keiner Lebenslage seinen Vortheil vergessen" soll, wo dieser H. die jüdischen Mitglieder der Parlamente zu verdächtigen sich erdreistet. Nun, w i r wollen die Juden nicht weißer brennen als sie sind — aber wer sie eines größeren Egoismus theilhaftig erklärt, als die übrigen Menschen, seien sie Christen, Mohammedaner oder Heiden, der ist einfach ein Verleumder, kein Historiker, und noch weniger ein Culturhistoriker. Er ist nicht im Stande, die geringste Thatsache als Beweis heravzubringen, er schöpft nur aus seinem eigenen, mit Borurtheil getränkten Egoismus. Aber wie? Erkennt nicht der Materialismus, den Hellwald als die einzig richtige menschliche Anschauung preist, den Egoismus und zwar den rohesten Egoismus als die alleinige Triebfeder des Menschen an? Wie kommt es, daß H. nun dennoch diesen Egoismus allein bei den Juden sucht, und ihn bei ihnen brandmark? Es ist dies eben ein Specimen dieses tiefen Denkers und seiner strengen Consequenz N — Aber H. geht noch weiter. Die Juden wären „tonangebend", sie hätten den „alten Adel auf seinen verfallenen Schlössern gestürzt", (welche Weltstürmer diese schwachen Juden sind, daß sie erst alle alten Schlösser verfallen machten und dann den ganzen Feuvaladel stürzten! — bis jetzt glaubten wir, daß der letztere durch das absolutistische Fürstenthum, durch die ganze staatliche Entwickelung gestürzt, durch H. wissen wir, daß es nur durch die Juden geschehen sei, die also schon einige Jahrhunderte hindurch „tonangebend" gewesen sein müssen); von den Juden hätten „ihre nichtjüdifchen Mitfcürger" gelernt, nur den persönlichen Gewinnzu beachten, „nach jähem Erwerb zu jagen", „die Unsoliditat in Industrie und Handel", mit einem Worte „die Corruption"! Aus allem Dem geht nichts weiter hervor, als daß Hellwald nur einen sehr engen Gesichtskreis hat, die Geschichte wenig und die Verhältnisse in der gesammten Civilifation gar nicht kennt. Die Phrasen, die er anbringt, find entlehnt, und zwar von den absichtlichsten Partei- 10*

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