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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-03-06 · Heft 10 (6.3.1877) · p. Seite 148

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 10 (6.3.1877)
Date
1877-03-06
Page
Seite 148 (sequence 2)
Language
German
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148 erwiesenen Unkenntniß der wirklichen Sachlage, bildet er sich vielleicht ein, daß die Juden in Persien, Marokko, der Türkei, Rußland und Rumänien eine bewundernswürdige sociale Stellung einnehmen, denen sich nunmehr auch die höchstcivilisirten Länder des Westens zugesellt haben. Nein, verehrter Culturhistoriker, die Juden bedeuten nur da etwas, wo die von Ihnen so sehr bestrittene Cultur, die von Ihnen geleugneten Grundsätze der Gerechtigkeit und Humanität, die von Ihnen als Träumereien verschrieenen Menschenrechte anerkannt und zur gesellschaftlichen und staatlichen Herrschaft gelangt sind! H. geht noch weiter. Er fügt hinzu: „Ja, noch mehr, sie (die jüdische Race) hat theilweise sogar schon unsrer Zeit ihren Stempel aufgedrückt." Wir Juden bedürfen einer großen Selbsterkenntniß und vieler Bescheidenheit, um uns vor Selbstüberhebung zu schützen. Es wird uns so oft gesagt, daß wir der Gegenwart Stempel und Charakter aufgedrückt. daß wir also einen so unermeßlich bedeutenden Einfluß ausgeübt, daß wir, kaum aus den Ghetti entlasten, auf die höchstcivilisirten Länder umgestaltend gewirkt, daß wir es zuletzt selbst glauben müsten. Oeffnen wir jedoch irgend ein Buch, lesen wir in irgend einer Zeitung, machen wir irgend einen geselligen Anspruch: so gewahren wir so viel Schmähung, Hohn und Zurückweisung, daß wir uus sage» wüsten: Mit unsrem Einfluß, unsrer Geltung, oder, wie Einige sogar sagen, unsrer Herrschaft muß.es doch noch nicht weit her sein, und die „ungeheuchelte Bewunderung" giebt sich auf sonderbare Weise zu erkennen. Wenn in fünfundzwanzig Jahren z. B. in Deutschland eine halbe Million einer „fremden Race", die „instinktmäßig zurückgestoßen und verachtet" wird, 40 Millionen Deustchen den „Stempel", wenn auch nur „theilweste" aufgedrückt haben soll, so muß sie eine wahrhaft gigantische Kraft besitzen und sämmtliche Individuen derselben eine iufluirende Macht ausüben, wie kaum die Priesterkaste im alten Egypten und Indien! Aber seien wir bescheiden — die Sache liegt ganz anders: man will nur die Fehler und Auswüchse unsrer Zeit uns in die Schuhe schieben, während die Vorzüge, die ganze merkwürdige Größe der Gegenwart den,, Ariern" und besonders den „Germanen" Vorbehalten bleiben. Dies ist die ganze Methode, wir mochten sagen, die Jntrigue unsrer Lobpreiser; es ist die Mißgunst und der Haß, die also sprechen, und dahin läuft es auch bei Hellwald hinaus. Ja, bewunderungswürdig ist die schnelle und vollständige Culturbewegung, welche die Juden in sich vollbracht haben; weiter nichts. Denn daß ihnen endlich in ihren seit fast zwei Jahrtausenden von ihnen bewohnten Vaterländern bürgerliche Gleichstellung geworden, ist bei der Länge der Zeit durchaus nicht zu bewundern. Daß hiermit auch die Juden ein Bolkselement wurden, in den verschiedenen Ständen einen verhältnißmäßigen Platz gewannen, und eine kleine Zahl derselben im öffentlichen Leben, in Literatur und Staat eine Stellung einnahmen, ergiebt sich von selbst, wird nur von unsren Feinden bewundert und nur von diesen in trügerischer Weise aufgebauscht. Diese Mißgunst, welche einem Juden keine Stellung und kein Stücklein Brod vergönnt, ist es. welche, sobald einige Juden in eine Carriere eintreten, von Ueberfluthen und Beherrschen durch die Juden spricht. Wir können nicht alle Unrichtigkeiten und Jrrthümer Hellwald's selbst in diesem kleinen Capitel in Betracht ziehen. Zum . Beispiel, wo er von „der ungemeinen Fruchtbarkeit", der „unglaublichen Schnelligkeit" in der Vermehrung spricht, namentlich in Deutschland und Oesterreich, also nur einen alten Jrrthum mit überschwänglichem Ausdruck wiederholt, während die Statistik z. B. des preußischen Staates bezeugt, daß die Geburten bei den Juden einen geringeren Procentsatz als bei den Christen einnehmen, und nur die längere Lebensdauer der Juden das doch nur unbedeutend größere Anwachsen der jüdischen Bevölkerung verursacht. Es folgen bei H. nun psychologische Uriheile, welche zum Theil unverständlich, zum Theil Voraussetzungen sind, welche die Erfahrung jeden Augenblick widerlegen kann, immer aber nur wiederholen, was schon hundert Mal behauptet worden. Zu den ersteren gehört, wenn er sagt: „Die Ideen der Juden seien schlechter, die Gefühle bester als die ihrer Umgebung." Wir wollen selbst H. die Aufgabe nicht stellen, diesen Satz zu definiren und nachzuweisen. In einer Volksmaffe bildet sich die Anschauung (bas möchte wohl die „Ideen" bedeuten) aus ihrer Gefühlsweise, und beide können sich weder trennen noch widersprechen. Dann die oft gehörte Behauptung, die Juden bemächtigen sich schnell der Elemente des Wiffeas, aber die Vertiefung fehle ihnen; eine gänzlich veraltete Meinung, die höchstens zu der Zeit nicht ganz unwichtig war, in welcher sich die Juden aus der ihnen aufgezwungenen Uncultur durch eigenes Ringen, durch einen seltenen Eifer und die größten persönlichen Opfer herausarbeiteten, in unsrer Zeit aber durch unzählige Beispiele völlig widerlegt ist. Dann die hochklingende Phrase: „Der jüdische Stamm ist unendlich reich an Talenten, arm an Genies." Wenn dies Hellwald nur auf die letzten „25 Jahre" bezieht, so können wir einfach ihm zurnfen: Warte doch nur ein Weilchen, ein Vierteljahrhundert bringt nicht gleich die Genies zu Dutzenden hervor; auch in Deutschland gewahren wir dies. Jndeß fügt er erläuternd hinzu: „Das Judenthum konnte einen Spinoza, aber keinen Leibnitz, keinen Humboldt hervorbringen." In dieser Anwendung könnten wir dreist umgekehrt sagen: Gerade Spinoza ist ein Genie, Leibnitz und Humboldt waren Talente, allerdings außergewöhnliche. Die Philosophie Spinoza's war bahnbrechend und behauptet ihre» Werth und ihre Wirksamkeit noch heute, während das Philosophem des Leibnitz nur eine Durchgangsphase bedeutete, und gegenwärtig in den Naturwiffenschafteu Humboldt nur ein Talent zugeschrieben wird. Bon Seiten der universellen, der alle Zweige des Wiffens und Forfchens umfaffenden Geisteskraft kann z. B. Maimonides, der Arzt, der Naturforscher, der Philosoph, der Rechtskundige und Theologe, Leibnitz sicher an die Seite gestellt werden, selbstverständlich mit Berücksichtigung der Zeilen. Aber wir spielen lieber

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