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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-02-27 · Heft 9 (27.2.1877) · p. Seite 137

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 9 (27.2.1877)
Date
1877-02-27
Page
Seite 137 (sequence 7)
Language
German
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137 verrathen die geniale Kraft des Wissens. Die kalendarischen g Derhaltaiffe im alten Israel, die Feststellung der Monate und r des Schaltjahres dienen dem halachifchen Theil zur Unterlage 5 und geben dem- Redner Anlaß zur Erörterung der inner« Orgar nisatiou der alten Gerichtscollegien und der Stellung des Bor- 5 sitzenden innerhalb derselben, so wie der Abgrenzung ihrer Be-; fugnisse und der Orte ihrer Thätigkeit. Mit feinem Gefühl t erkennt er Abweichungen in der Auffassung der beiden Talmude, < die ihm wieder geschichtliche Perspectiven bieten auf das Abhängigkeitsverhaltnrß der Juden von den Römern. Und über allem! dem schwebt wie ein oberstes Gesetz, daß die Autorität des Vor- ■ sitzenden eine anerkannte ist und daß seine Anordnung willige Anerkennung findet, und es ist, als ob der Redner an der Hand rer Halachah das Wohlwollen feiner Gemeinde in Anspruch nimmt. Was in dieser Form nur verhüllt ausgesprochen wird, das wird zur bestimmten Forderung in dem darauf folgenden agadischen Theil der Draschah, der vollends das eigenartige Wesen Rapaport's, seine Geistesrichtung bekundet, in dem sagenhaften, oft mystischen Elemente des Talmuds, in dem anscheinend oft individuellen Charakter eines Midrasch die Wahrzeichen großer allgemeiner Begebenheiten, wichtige Vorgänge der Geschichte zu erkennen. Wieder bieten abweichende Darstellungen desselben Gegenstandes in Mischnah und Braitha, die verschiedenartige Fassung eines kurzen Gebets, eine anscheinend zufällige Dialectverschiedenheit oder Dunkelheit des Ausdrucks sichere Handhaben zu tiefgehender Forschung und liefern überraschende Ausbeute und lohnenden Gewinn. Niemals vorher hat man in der Agadah eine so reiche Fundgrube der Belehrung geahnt, wie sie Rapaport's erste Draschah in Tarnopol nachwies, — der Besten Einer im Schüler- und Freundeskreise Krochmals. Eine Schutzrede für die freie Forschung war diese Draschah. Für die wissenschaftliche Behandlung des literarischen Erbguts, das uns aus dem Alterthume überkommen ist, die volle Berechtigung nachzuweisen aus geheiligten Ueberlieferungen und dem Wirken großer Männer in der Vergangenheit, trat diese Draschah in die Schranken. Wer fühlt nicht heute noch den ganzen Ernst der Lage nach, in welcher Rapoport sich damals befand, wenn dieser seiner Gemeinde zuruft: „Alles das kann jedoch heutzutage und besonders in unserm Lande nicht mehr verkommen. Wir verfahren meist entgegengesetzter Art. Bei uns wird nur der zum Rabbiner gewählt, der keine wissenschaftliche Bildung und Befähigung besitzt; hat er jedoch solche, so gereicht ihm das zum Nachtheil." Neben der wissenschaftlichen Seite kommt auch die moralische zur vollen Geltung, die Anfang und Ende der Draschah ausmacht und theils durch Deutung einer Bibelstelle, theils an der Hand der Agadah der Gemeinde in's Gewissen redet und sie zu Eintracht und Frieden gemahnt. „Es ist heutzutage recht schwer, ruft Rapoport aus, Rabbiner in einer großen Gemeinde zu fein, wenn nicht Geist und Sinn der Gesammtheit in ihm verkörpert und die Gedanken der Gegenwart versöhnt sind mit denen der Vergangenheit. Ja, für jeden Rabbiner ist es eine schwere Aufgabe, nach Allem, was in der Welt vorgeht, auf der einen Seite die Vorzüge der Neuzeit sich anzueignen und auf der andern das Alte und Frühere zu erhalten. Allein ich bin von . Natur zur Nachgiebigkeit und zum Frieden geneigt, wo es nicht > auf Cardinalpnnkte ankommt, und vertraue darauf, daß man mir > mit gleicher Willigkeit begegnen werde zum allgemeinen Besten." t Nach einer dreißigjährigen Aufbewahrung des Manuscripts : hat Herr Mises in Thorn dasselbe Herrn Lehrer Grünbaum i daselbst übergeben, dem wir den Druck der Draschah, versehen - mit einem Vorworte des Herrn Rabbiners vr. Oppenheim und j einem zweiten des Herrn Mises, verdanken. Wir erachten diese > Herausgabe für ein sehr anerkennenswerthes Verdienst und können - bei dieser Gelegenheit nicht umhin, einen Wunsch auszusprechen, z den gewiß sehr Viele mit uns theilen, daß nämlich Napoport'S - „Biographien aus der Gaonimzeit" bald in einer Separatausgabe a erscheinen mögen. vr. Tobias Cohn, - Rabbiner. -3 Deutschland. München, 5. Februar. Die hiesige israelitische Gemeinde versammelte sich Freitags zu einer schönen Feier; es war die Eröffnung und Einweihung der Lippschötz'schen Versorgungs- Anstalt für Pfründner unv Pfründnerinnen an der Westenriederstraße. Den Fonds zur Anstalt, in welche alte und gebrechliche Leute der israelitischen Gemeinde in Ruhe und Sorglosigkeit ihre letzten Tage zubringen können, haben die Gebrüder Julius und Benno Lippschütz mit einem Betrage von ca. 400,000 Mark gestiftet. Den Akt der Eröffnung nahm in Gegenwart der &nocc(aU/clabeu/. Pfründner und zahlreicher Gäste der königl. Rechtsanwalt vr. Aub als Vorstand der Cultusverwaltung vor; an eine längere Ansprache desselben reihte sich eine solche des Rabbiners vr. Perles. welcher sich unter anderen mit beredten Worten über die dem Volke Israel stets eigene Wohlthätigkeit verbreitete und insbesondere die Hochherzigkeit der Stifter dieser Anstalt pries. Ein Weihe-Gebet schloß die Feier. Das hierauf besichtigte Haus erwies sich als höchst wohnlich unv zweckentspechenv eingerichtet. Lippstadt, 11. Februar. (Privatmitth.) Wie dringend nothwendig die Einführung eines geordneten, also obligatorischen jüdischen Religionsunterrichtes in die höheren Lehranstalten ist, ersieht man an allen Orten, am meisten an den kleineren, wo

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