Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1877)
- Date
- 1877-02-27
- Page
- Seite 136 (sequence 6)
- Language
- German
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136 litischen Religiousgesellschaft" etwa 400 steuerzahlende Mitglieder an. Bon diesen sind einfchlüfsig Rabbiner und Familie, Berwalruug und sonstiger vom Rabbiner abhängiger Personen, wie Lehrer, Borbeier, Schächter u. s. w. (merkwürdiger Weise ist nämlich hier der Rabbiner nicht der Diener, der Angestellte feiner Gesellschaft, sondern deren Herr) zwischen 70 und 80 aus der Gemeinde getreten. Es bleiben atso etwa 320, die dem Borgehen der Leiter nicht folgten; ist dies ein Vertrauens-Votum- Von diesen 320 unterschrieben bis jetzt etwa 70 das Uebereiukommen mit dem Gemeindevorstand, wonach sie auf Grund von Gewissensbedenken aus dem engeren Gemeindeverband scheiden, so daß ihre Beiträge zu Cultus und Schule nicht ferner verwendet werden dürfen, sondern darüber speciell Buch und Casse geführt werden muß. Die übrigen 250 Mitglieder der Separat- Gemeinde sind also weder ausgetreten, noch haben sie den Comprvmiß unterschrieben, bleiben also aus dem Standpunkte wie vor dem Erlaß des Gesetzes. ° Ihre Gründe sind verschiedener Art. Einige würden gern den sogenannten Compromiß unterschrieben .haben, allein der Rabbiner hat sowohl in seiner Broschüre, als in dem erwähnten Hirtenbrief auf Diejenigen, die es thun, die Stelle 5 Mos. 27, 18 bezogen und sie dadurch verflucht. Andere können nicht unterschreiben, weil sie ihre Kinder in die Gemeindeschule schicken oder schicken wollen: wieder Andere, weil sie die in orthodoxer Weise geführten Gemeindesynagogen im Compostellhof oder im Spital besuchen, und noch Andere, weil sie überhaupt in der Gemeindemitgliedschaft nichts Unerlaubtes finden können. Die Verwirrung, die der Rabbiner Hirsch in seine eigene Religionsgeseüschaft gebracht hat, zeigte sich klar in der Generalversammlung, welche nur von 80 Mitgliedern besucht wurde, obschon alle wußten, um welche wichtige Gegenstände es sich handelte. Am wenigsten können aus diesem Resultate Rabbiner Hirsch und sein Vorstand den Schluß ziehen, daß sie ein „Vertrauensvotum" erhalten hätten. Denn wenn von einer Gesellschaft, die 400 Mitglieder zählt, 320 wegbleiben, um nicht mitzustimmen, so kann von einem wirklichen Vertrauensvotum, welches doch wenigstens die Zustimmung der Mehrheit erfordert, keine Rede sein. Aber auch die Weggebliebenen haben ihre Schwache zu bereuen. Es erdreisteten sich jene 80 Leute, der gesammten Religionsgeseüschaft einen Friedhof aufzuhalsen, von dem 320 nicht allein nicht Gebrauch machen, sondern gar nichts wissen wollen und ihn iheilweise für ein sündhaftes Unternehmen ansehen. Was dieser Friedhof, für den die Concession nur auf fünf Jahre ertheilt ist, noch für Kosten und Schererei verursachen wird, läßt sich nicht absehen. Sie müßten daher gegen diese Octroyirung sich verwahren und den Friedhof den Ausgetretenen selbst überlassen! 1) Mit vollem Rechte könnten wir die angcf. Stelle auf Hirsch und Consorten anwendcn, wenn es auf unsrer Seite möglich wäre, einen Fluch auszusprechen und sich eine solche Auslegung der h. Schrift anzumaßen! Redaction. Berlin, 11. Februar. (Privatmitth.) Wenn irgendwo, hat sich bis jetzt dem Abg. Laster die völlige Unnöthigkeit seines Gesetzes am hiesigen Platze offenbaren können. Die hiesige Gemeinde hat noch nichts vom Austrittsgesetz zu erleiden gehabt, weder von Reformern, noch von Orthodoxen. Bon letzteren ist — Dr. Hildesheimer ausgetreten, der aber, wie ich höre, keine Beiträge zu zahlen gehabt. Sein Verlust wird daher schwerlich beklagt werden! 8. Literarischer Wochenbericht. Potsdam, 14. Januar. -nan os-t. Unter diesem Titel liegt uns in hebräischer Sprache eine Draschah vor, mit welcher gestern vor neununddreißig Jahren der spätere Prager Oberrabbiner S. L. Rapaport sein Rabbinat in Tarnopol antrat. In der gelehrten Welt war damals Rapaports Name längst ein hochgefeierter durch seine berühmten Biographien aus der Gaonimperiode, die von seinem umfangreichen Wissen, feinem Hellen Forschergeiste und seinem geschichtlichen Blicke imponirende Belege brachten, der leuchtend in die dunklen Tiefen entlegener Vergangenheit drang und bewundernswerthe Schätze der Erkenntniß und gediegene Beiträge zu wissenschaftlicher Bereicherung zu Tage förderte. Aber diese die gesammte Gelehrtenwelt, soweit sie dem Geiste der Bildung und der wissenschaftlichen Forschung im Judenthume geneigt war, aufregenden Arbeiten waren aus der Feder eines Privaten, eines Kaufmanns in Lemberg, geflossen, dem dieselben bei der Wahl zum Rabbiner in Tarnopol eher nachtheilig als förderlich waren. Dem Chassidaismns und Obscuranlismus, der die Massen beherrschte, konnte ein Rabbiner nicht genehm sein, der mit talmudischer Gelehrsamkeit auch profanes Wissen verband und mit kritischem Geiste anstatt mit pilpulistischer Spitzfindigkeit zu operiren liebte. Dessen war Rapaport sich bewußt, und von diesem Gefühle zeugt die vorliegende Draschah, mit welcher derselbe sein Amt inaugurirte, und in welcher er wie mit einem Schlage alle Fäden feines reichen Geistes und gelehrten Wissens in Thätigkeit setzte, so daß auch der übelwollende Theil seiner Gemeinde zu bewundernder Anerkennung hingerissen wurde. Halachische Discussion und agadische Beirachrung wechseln mit einander ab, oder greifen ergänzend in einander ein; aber in neuem, bis dahin nicht erblicktem Gewände erscheinen beide. Wir begegnen wohl dem schweren Rüstzeug, das im halachischen Kampfe nie fehlen darf; Mischnah und Gemarr, Rif und Rambam, Toffophoth und Raschba treten einander entgegen und reichen sich bann versöhnt die Hand. Allein das Object, um welches der Kampf geführt wird, der Stoff, um welchen es sich handelt, machen an der Stelle wenigstens, wo sie behandelt werden, den Anspruch der Neuheit und r) Bergt. Allgem. Zeitung des JudenthumS r. Jahrg., Nr. 23.