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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-02-27 · Heft 9 (27.2.1877) · p. Seite 134

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 9 (27.2.1877)
Date
1877-02-27
Page
Seite 134 (sequence 4)
Language
German
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134 gegenüber wagt es Hellwald, dieses Capitel mit der Behauptung zu schließen: „es sei dies eine unbefangene Darlegung"! Hier sind nur zwei Fälle möglich: entweder documentirt sich hierin eine Selbsttäuschung, ein Mangel allen klaren Bewußtseins, so daß der Mann selbst nicht weiß, was aus seinen vielschreibenden Fingern fließt, — und nach zahllosen Stellen seines Buches sind wir gar ntcht abgeneigt, dies vorauszusetzen — oder eine bewußte schrankenlose Frechheit, welche, wo sie schmäht und in unverantwortlicher Weise brandmarkt, sich noch für „unbefangen" ausgiebt!b) (Schluß folgt.) Auch gehört kein großer Verstand dazu, um einzuschcn, daß der Um* stand, wie wenig die Juden vom „schwarzen Tode" litten, bei dem Volke den Verdacht erweckte, die Juden seien an der Seuche schuld iBrunncnvergiftung); wohingegen, wenn die Juden bei dieser Pest so überaus schlecht weggekommcn wären, das Volk zu einer solchen Dermuthung nicht hätte kommen können. Was den Schmutz betrifft, so erinnere man sich, daß alle Reisenden versichern, in Polen und ganz Westrußland sei die einzige Gelegenheit zu übernachten immer bei den Juden, bei den anderen Bewohnern der Landstädte und Dörfer sei es vor Schmutz unmöglich. — Aus Jamaica, wo nur eine mäßige Zahl Juden wohnt, trat unter den Farbigen der Aussatz auf. Hellwald sagt: „Die Weißen bleiben gänzlich davon verschont, nur die Juden leiden darunter, und am stärksten die jüdischen Mulatten. So hat sich die Krankheitsdisposition bei der orientalischen Race trotz aller Wanderungen erhalten." Hier kann man die Art, wie Hcllwald seine „culturhistorischen" Bemerkungen sabrizirt, so recht erkennen. Belag ist ihm irgend ein Artikelchen in dem von ihm redigirtcn „Ausland". Bon den jüdischen Mulatten haben wir nie gehört und falls sie cxiftircn, gehören sie nicht mehr zur jüdischen Race. Gesetzt aber der Fall wäre richtig, was würde er, vereinzelt und wer weiß aus welche zufällige Ursache zurückznsührcn, für den langen Laus der Zeiten und für die gesammle Judenheit beweisen? Bekanntlich ist cs eine bloße Fabel, welche den Hebräern in Egypten den Aussatz zuichrcibt. Im ganzen Mittelalter war der Aussatz im ganzen christlichen Europa auf's Stärkste verbreitet, ohne daß hingegen eine Spur vorhanden, die Juden hätten in dieser Zeit am Aussatz gelitten. Dies Hilst aber nichts. Hellwald generalisirt. In Jamaica sollen einige Juden am Aussatz gelitten haben: sofort haben alle Juden bei Herrn Hellwald eine genetische Anlage und tragen sie in ihrer Körpcrconstitution mit sich herum, wenn sie auch zu Heüwalds Schmer; nirgends bei ihnen zum Ausbruch kommt. So schreibt man „Culturgeschichte"! — Da einmal Hcllwatd so viel auf die Autorität des Tacitus, den Juden gegenüber gicbt, so wollen wir ihm mittheilcn, daß dieser am angeführten Orte V I, 2 von ihnen sagt: „Corpora hominum salubria et lerentia labornm‘% d. h. dieses Volk ist gesund an Körper und geeignet, schwere Arbeiten zu ertragen. Wir können nichts dafür, wenn Herr Hellwald sich darüber ärgern wird, sowie über eine andere Bemerkung desselben Autors, wenn er ihnen V, 6 moriendi contemptus „Todesverachtung" zuschreibt, welche Hcllwald nur den Arien zugcstebt, den Israeliten aber und den Semiten überhaupt abspricht. Dafür war Tacitus freilich ein Geschichtsschreiber, Hellwald aber ist es in allen Beziehungen nicht! — 5) Wir wollen noch ein Beispiel der „unbefangenen Darstellung" Hellwald's hier anführen. Er sagt S. 345: „Seneca, der edle Philosoph, nannte sie (die Juden) ein höchst verruchtes Volk", und führt hierzu an de superst. 3, S. 427. Da Seneca von H. weiter nirgends eitirt wird, hätte er wohl seine Ausgabe citircn muffen. Jndcß vermochte dies wohl H. nicht, weil cs der Autor nicht gethan, dem er das Citar entnommen. Die Sache verhält sich nun so. Eine Schrift des Seneca de superstitione existtrt nicht mehr, und wir haben nur einige Fragmente von Augustin in deffen Buche de civitate Dei VI, 10 erhalten, der sie als aus einer Schrift Sencca's contra superstitiones herrührend, anführt. Dieselben finden sich in der Ausgabe Amstel. 1019. ®. 459—401. In dem ersten größeren Fragmente spricht sich der stoische Philosoph, welchem jede Art positiver Religion und religiöser Ceremonie widerwärtig war, gegen den schrankenlosen Aberglauben auS, der damals im römischen Cultu« herrschte und aus allen Theilen der Welt nach Rom gebracht worden. Im zweiten, noch nicht vier Zeilen fastenden Fragment Cap. 1l tadelt er die Juden wegen des Sabbath's, durch welchen sie den siebenten Theil ihres Lebens verlören und Die neuesten Verfolgungen der Juden in Vumanieu. VI. Auch die Alliance israelile universelle zu Paris versandte in diesen Tagen ein gedrucktes Heft, welches die unbestreitbaren Documente über die stattgehabten Austreibungen, die Art, wie sie vollzogen worden, und die Bermögensverluste, welche die Unglücklichen Berttiebenen erlitten, enthält. In allen Einzelnheilen stimmen die Mittheilungen mit denen der Wiener Allianz überein, nur daß in dem Pariser Hefte 48 Protocolle geliefert werden, also bei weitem mehr als in dem Wiener, sowie eine Abschrift der Austreibungsordres der Maires der Ortschaften, aus welchen die Inden verttieben wurden. Dahingegen reicht ihre Namensliste nicht so weit wie die Wiener, nämlich nur bis Nr. 110, während diese schon bis zu Nr. 150 reicht. Die Beweisführung ist also vollständig geschehen; um so nachdrücklicher steht ihr die Frage gegenüber: was wird die zunächst betheiligte und in ihrem Berttage verletzte österreich-ungarische Regierung thun? Denn daß die rumänische Regierung, auch das neue Ministerium, für Remedur und Ersatz nichts thun werde, setzt Jedermann voraus. Äst doch die Gewaltthat, wenn auch der Prafect Lupascu abgesetzt worden, zn sehr in ihrem Sinne, wie der Ministerpräsident Bratiano nach den von ihm gehaltenen Reden nicht ableugnen kann! viele augenblicklich dringende Arbeiten unterblieben. Nun kommt an derselben Stelle noch ein drittes, ebenfalls vier Zeilen, wo Seneca sagte: cum interim usque eo sceleratissimae gentis consuetado convaluit, ut per omaes iam terras recepta sit: victi victoribns leges dederunt; und ferner: Uli tamen causas ritus sni noverunt et maior par8 populi facit, qtiod cnr faciat, ignorat. Die Worte geben einen Beleg für unsre obige Behauptung, daß mehrere römische Schriststeller sich über die Juden so bitter ausließen, weil ein nicht unbeträchtlicher Theil des Volkes sich ihnen zuneigte und selbst ihre Sitten annahm. Tics sagt Seneca mir dürren Worten: „Die Gewohnheiten dieses Volkes seien bereits in allen Ländern angenommen" und fügt den herben Ausspruch hinzu: „Die Besiegten gaben den Siegern Gesetze!" Die Juden, sagt er weiter, kennten wenigstens die Ursachen ihrer Gebrauche, aber „der größere Theil des Volkes thut, wovon es nicht weiß, warum eS es thut." Solche Klagen vernehmen wir auch noch aus späterer Zeit. Rutilius Numatianus (416» sagt in seiner elegischen Reisebelchrcibung von Rom nach Gallien, nachdem er verwünschte, daß Judäa durch Pompcjus und Titus unterworfen worden, ganz im Sinne Sencca's: Latius excisae pestis contagia serpunt Victoresque soos natio victa prennt. Also auch hier die Klage über den Einfluß der besiegten Nation auf die Sieger. Wenn nun in dieser Bitterkeit Seneca dem Worte genli3 das Epitheton sceleratissimae „sehr verbrecherisch" hinzufügt» um eben seinem Unwillen Luft zu schaffen, ist darauf irgend ein Gewicht zu legen? Ist Hellwald darum berechtigt, aus dem ganzen Fragment, aus dem Zusammenhang der Worte diese Bezeichnung heranszugreisen und die Juden damit zn brandmarken? Augustin selbst wundert sich darüber, daß Seneca nur gegen die Juden, nicht gegen die Cbrifien geschrieben» die, wie man ans Taciws weiß, unter Nero von den Inden schon unterschieden wurden, und Lipsius bemerkt zu den Versen des Rutilius. er habe, obschon er die Juden ausdrücklich nenne, die Christen gemeint, und behauptet dies — obschon gegen Augustin — auch von Seneca. Dann würde das sceleratissimae des Seneca und die pestis contagia des Rutilius gar nicht einmal die Juden, sondern die Christen be-

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