Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1877)
- Date
- 1877-02-27
- Page
- Seite 133 (sequence 3)
- Language
- German
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133 so behandelt wurden, wie es bei den christlichen Völkern niemals,, Fallen decken, in einem solchen niemals!») In dieselbe Kategorie wenn nicht erst in neuerer Zeit der Fall war. Auch dieses Letztere geschichtlicher Lügen gehören noch andere Behauptungen Hellwald's. ist allerdings Hellwald unbekannt und deshalb begeht er die geschichtliche Lüge, daß die Türken ebenfalls die Juden immer gehaßt hatten. Das Gegentheil fand statt 2). — Zuletzt läuft für Hellwald Alles auf den Racenunterschied zwischen den Ariern und Semiten hinaus. Auch der Haß gegen die Juden ist ihm nur istinktartig, naturgesetzlich zwischen fremdartigen Geschlechtern. Auch hier ist unsrem Vielschreiber die menschliche Natur nichts Anderes als der Tummelplatz feindlicher Naturgewalren, für deren Wesen er freilich keine Erklärung hat. Schade nur, daß nicht blos die Deutschen, Franzosen, Engländer und Italiener, nicht blos die Russen, Spanier, Rumänen und Griechen Arier sind, sondern auch die Perser und die Inder, und daß in diesen Ariern der Islam gerade so viel Haß und Verachtung gegen die christlichen Arier hervorgebracht, wie in den mohammedanischen Semiten. Das Rechenexempel Hellwald's hält darum die Probe nicht aus. Gehen wir noch aus einige Einzelnheilen ein. H. ergeht sich mit offenbarer Wollust in der Schilderung des Haffes, der die Juden getroffen haben soll. So kraß war er nur in seltenen und kurzen Zeitpunkten. Wie gesagt, von der wirklichen Lage der Juden unter den Römern weiß er nichts, und urtheilt er nur nach den wenigen bekannten und pikanten Aussprüchen einiger alten Autoren, welche, wie sie deutlich zwischen den Zeilen lesen lassen, über die guten und nicht einflußlosen Beziehungen zwischen dem Volke und den Juden, und daß Manches von den letzteren auf das Volk überging, z. B. die Feier des Sabbaths, ergrimmt waren. Hier ist es auch, wo Hellwald's eigene Großherzigkeit sich nicht verstecken kann. Er nennt die Juden ein Volk, „das, wie man nicht mit Unrecht sagte, alle Menschen haßte". Für diesen Ausspruch, den Hellwald als eigene Meinung ebenso wiederholt, wie schon manche Andere, die jedoch keine „Culturhistoriker" sein wollten, ist man von jeher den Beweis vollständig schuldig geblieben. War es doch das Judenthum, welches zuerst mit aller Kraft aus seinem Volke jenen Haß gegen irgend welches fremdes Geschlecht verbannte, den Hellwald und Genoffen als das Naturgesetz des Menschen ansehen, weil sie ihn in der eigenen Brust empfinden. Man lese z. B. 5 Mos. 10, 18. 19. Und wo ist irgend ein geschichtliches Factum, welches einen so fürchterlichen Borwurf, „alle Menschen zu Haffen" seitens der Juden bewiese? Führt es an, belegt Eure schmähliche Behauptung, Ihr rohen Gesellen, die Ihr ein so haffenswürdiges Spiel mit der Geschichte treibt! So ein Hellwald, der alle Autorität leugnet, ist doch wohl am ehesten verpflichtet, die Schuld dessen zu erweisen, den er zu henken versucht. Die Emschuldigung, daß er die Geschichte nicht kennt, mag ihn in vielen die wir in eine Anmerkung verweisen. Und allem diesem 3) Die Aurorität, welche hier H. anführen würde, wenn er sie kennte — das „wie man sagte" bezeugt, daß H. auch hier die Quelle nicht kennt — ist die Bemerkung des Tacitus (hist. 5, 5, 2): „qui apud ipsos fides obstinala, misericordia in prompt», sed adversus oinnes alias hostile odium“. Tacitus sagt dies von den Judäern in Palästina mitten in den Stürmen des jüdisch-römischen Krieges, mitten aus jenem römischen Uebermuthe heraus, welcher jeden Widerstand, den die römischen Waffen fanden, für ein Verbrechen, für einen Ausfluß niedriger Leidenschaften hielt. Wie ein solcher Ausspruch einen allgemeinen Werrh haben könnte, ist eben nur Judenhassern erfindlich. Wir haben es schon einmal gesagt, wer dem Urtheile des Tacitus über die Juden Wahrheit zuschreibt, muß auch sein Urtheil über die Christen als richtig ansehen, und dann könnten wir uns seinen Ausspruch schon gefallen lassen. Tacitus nennt die Christen Annal. XV, 44: ob üagitia invisos, ihren Glauben superstitio exitiabilis, der sich auch in Rom verbreitet habe, quo ounota undique atrocia aut pudenda confluant celebrauUirque. Man höre also endlich auf, den Tacitus gegen die Juden anzurufen! — 4) H. sagt (S. 344): „Schon die Römer waren der Ansicht, daß die Juden stinken." Was weiß er für diese Behauptung anzuführeu? Cr bemerkt: „Q Markomannen, o Quaden, o Sarmaten", soll Marc Aurel beim Zuge durch das Land der stinkenden Juden (Coetentiura Judat'oriini) ausgerufen haben, „endlich habe ich doch noch ekelhaftere Kerle als euch gesunden." (Ammian. Marcell. 22, 5, 5.) Dies ist also eine Beweisführung! Ein Ausdruck des 31» nach der gewöhn!. Zeiw. zu Antiochien geborenen Ammianus Marcellinus soll für die Ansicht aller Römer aller Zeit gelten! Dies ist die Sünde des Herrn Hellwald. Dann erst kommt die seines Gewährsmannes, des Herrn Klcinpaul in einem Aussatz (Ausland 1874,) welchen H. als „prachtvoll" citirt. Dieser muß für die Richtigkeit der Uebersetzung der angeführten Stelle cintrctcn, wobei wir nicht einmal Gewicht darauf legen wollen, daß Ammianus „in unbeholfen rauher Sprache" schreibt, wie Wachler in seiner Literaturgeschichte S. 101 urtheilt. Die Stelle lautet bei Ammian: „Ille enim «um l^alaestinam transiret, Aegyplum petens, foetenlium Judaeorum et tumuhuantium saepe taedio percitus, doleoter diciturexclamasse: 0! Marcomanni, o! Sarmatae, tandern alios vobis inertiores inveni.“ Hieraus geht hervor, daß überhaupt betreffs Matc Aurel s hier nur von einem dieitnr „soll" die Rede und es daher sehr zweifelhaft ist, ob Marc Aurel den angeführten Ausspruch (mehr als zwei Jahrhunderte früher) gethan habe? Aber gesetzt auch, daß Marc Aurel diese Worte gesprochen, so ist die Uebersetzung „ekelhaftere Kerle" durchaus falsch. Alios heißt nicht „Kerle" und noch weniger inertiores „ekelhaftere", lners heißt nach jedem Schullexikon: „kunstlos, ungeschickt, geschmacklos, unthätig, bei spateren Schriftstellern überhaupt „Taugenichts". Da aber auch von Marcomannen und Quaden die Rede ist, so muß der Nachdruck auf lumulloantium gelegt werden. Marc Aurel werß also nichts von „ekelhaft", noch wemger von „stinkend", sondern letzteres Wort gehört nur dem Ammianus an und bei besten ungelenker Sprache ist dabei nicht einmal auf einen „üblen Geruch" Gewicht zu legen. Das Wort koetere wird oft nur im Sinne von „widerlich sein" gebraucht, z. B. bei Plautus: foetet tuus mihi sermo. Und nach dem soeben unterdrückten Aufstande des Bar-Kochba und von den, um Milde den menschenfreundlichen Marc Aurel bestürmenden Juden konnte eia solcher Ausruf (über die noch in Judäa wohnenden Juden) nicht sehr auffallen. Hierauf reducirt sich die schmähliche Behauptung des Herrn Hellwald! Und wenn nun wirklich ein Autor wie Ammianus die Juden „foetentes“ nennt — bis 1866 wurden wir Preußen vom Lvlke in Sachsen, Süddeutschland, selbst im Rheinlande „Stinkpreußen" benannt — wird daraus jemals ein Culturhistoriker der Zukunft etwas folgern? — Eine andere, völlig aus der Luft gegriffene Behauptung — denn er kann nur einen einzigen Fall aus Smyrna anführen — ist (S. 345 i: „Ueberall lebt der Jude ärmlich und schmutzig, weshalb auch Seuchen ihn am meisten decimiren, und wenn die blinde Bolkswuth des Mittelalters das Ausbrechen großer Epidemien,;. B. den schwarzen Tod, den Juden zuschrieb, so schoß die damalige 2) Wir haben hierüber erst im dritten Leitarttkel von Nr. 4 aus- Unwissenheit nicht gar so fehl." Alles dies ist geradezu falsch. Es ist sührlich gehandelt und verwerfen darauf. Auch von den Arabern erallgemein bekannt und zwar aus statistischen Nachweisen, daß gerade die fuhren die Juden eine längere Zeit hindurch die zufriedenstellendste Juden von Seuchen am wenigsten ergriffen und decimirt werden, wie Behandlung. ' sich V B. an zahllosen Orten bei den Poüen-Cholera-Epidemieu erwies. 9*