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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-02-27 · Heft 9 (27.2.1877) · p. Seite 132

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 9 (27.2.1877)
Date
1877-02-27
Page
Seite 132 (sequence 2)
Language
German
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132 allen öffentlichen Aemtern, im Civil- und Militärdienste, und in allen Gewerben thätig waren. Mit dem ersten christlichen Imperator wurde es anders. Nicht auf einmal, aber Schritt vor Schritt haben die christlich-römischen Kaiser in Rom und Byzanz die Juden aller politischen und bürgerlichen Rechte beraubt. Wir haben zum Glück im Codex Theodosianus noch die ganze Reihe von traurigen Novellen, welche dieses Schicksal über die Juden verhangen und dabei selbst naiv zugestehen „ohne Verschulden der Juden". Sobald die christlichen Concilien aufkamen, wurde die Sache immer weiter gettieben. Wir haben auch hier noch eine lange Reihe von Decreten, durch welche nicht blos die Ehen zwffchen Christen und Juden verboten, sondern auch jede Gemeinschaft mit Juden, z. B. gemeinsame Mahlzeit aufs Strengste untersagt wurde. Diesen folgte die Ausstoßung von allen Gewerben und von allem Grundeigenthum. Wir ftagen: was können wir Juden dafür, daß so viele christliche Schriftsteller in ihrer eigenen Geschichte und in der Geschichte ihrer Kirche so unwissend sind, und sobald es die Juden bettifft, so unwissend sein wollen, und mit der Unwissenheit so viele Gewissenlosigkeit, so wenig Wahrheitsliebe besitzen, daß sie über alle diese urkundlich bewiesenen Thatsachen hinweggehen und wie H. zu der Behauptung kommen, die christliche Kirche sei ganz unschuldig daran, und die Christen thäten sich großes Unrecht, sich der Intoleranz anzoschuldigen? Daß daun die Verfolgungen selbst vorzugsweise mit den Kreuzzügen begannen, können sie freilich nicht leugnen, also vom religiösen Fanatismus angefacht wurden. War doch bis dahin die Lage der Juden noch immer erträglich und an manchen Orten sogar nicht ohne Ehren. Wir haben erst vor einiger Zeit die lange Reihe von geschichtlich documentitten Fällen aufgeführt, in welchen die Verfolgungen direct von christlichen Geistlicheu ausgingen. Daß, nachdem den Juden nur noch der Trödel und der Wucher als einziger Nahrungsquell gelassen worden, oft genug die Herren Patrizier und Magistrate in einer Judenhetze den Erlaß ihrer Schulden und zugleich mit der Menge in den Besitzthümern der Unglücklichen Raub und Beute suchten, ist begründet, ebenso wie daß die Juden von den Fürsten immer wieder zurückgerufen wurden, um jene aussaugen zu können. — Ein großer Culturhifioriker wie Hellwald laßt sich auf all' den historischen Kram gar nicht ein. Er leugnet kurzweg, daß die Intoleranz der christlichen Kirche an dem traurigen Geschick der Juden einen wesentlichen Antheil habe; er behauptet dagegen, daß die Juden im Mittelalter vorzugsweise die Sklavenhändler gewesen, wofür er keinen einzigen Beweis, selbst nicht aus seinen Zeitschriften, heranzubringen vermag — daß durch kirchliche Verbote den Juden der Handel mit Sklaven größtentheils unmöglich gemacht war, dies zu wissen, kann man von Hellwald nicht verlangen. — Aber die Hauptsache ist ihm folgende: Die Juden wurden zu aller Zeit und von allen Völkern gehaßt, folglich muß die Ursache in den Juden selbst liegen, und die christlichen Bedrücker und Henker der Juden sind fteizusprechen. Hiermit sind zugleich die modernen Judenhasser ebenfalls freigesprochen. Um den Vordersatz zu beweisen, tragt er die Fabeln über die Juden in China als Thalsachen vor, geht zu Usbeken und Tadschiks, dringt bis in Südarabien ein, macht einen Besuch in Marokko und findet hier überall die Juden ärmlich und verachtet und hiermit hat er erwiesen, was er erweisen wollte. — Unser großer Historiker hat sich aber hiermit auf einen sehr gefährlichen Weg begeben. Wer kennt nicht den Haß, welchen sämmtliche nichtchristliche Völkerschaften, die Chinesen, die Usbeken, die Tadschiks, die Araber, sämmtliche Bekenner des Islam gegen die Christen hegen, und nicht blos Haß, sondern die tiefste Verachtung, da sich der schmutzigste Eselsjunge in Kairo hoch über den gebildetsten Christen erhaben glaubt? Hellwald kann dies z. B. in Bäbeker's „Unteregypten" Nachlesen. Wenn nun ein chinesischer oder mohammedanischer Schriftsteller hieraus den Schluß zöge: Da alle Völker die Christen Haffen, so muß die Ursache in diesen liegen, und auch das Grausamste, was die Völker gegen die Christen thäten, darf ihnen nicht angerechnet werden — so wäre dies genau die Schlußfolgerung des Herrn Hellwald. Es ist ein vollgültiges Zeugniß sowohl für die sittliche Empfindung als auch für die geschichtliche Anschauung Hellwald's, daß er den Haß durch sich selbst für gerechtfertigt, die Verachtung als Beweis für die Verächtlichkeit anerkennt. — Deshalb brauchte er aber nicht in die Ferne zu schweifen, er hat es viel näher. Will er etwa die Deutschen nach den jetzt im Schwange seienden Urtheilen des französischen Hasses beurtheilen? will er Luther und den ganzen Protestantismus nach den Schilderungen und Aussprüchen der Ultramoutanen kennzeichnen? Wehren wir uns jetzt nicht noch, die Karthager nach den Mittheilungen der Römer zu beurtheilen? Der Haß ist zwischen den Völkern, den Ständen und Claffen eines Volkes, zwischen und selbst in den Familien zu finden, glühender Haß, tiefgehende Verachtung. Diese aber zum Maßstab seines Uriheils zu machen, den Gehaßten um des Haffes willen für Hassenswerth zu brandmarken, kann nur einer Seele einfallen, in welcher nichts als Haß und Verachtung wohnt. Ja, wir wagen es, zu behaupten, daß, wenn die christlicheu Völker die Juden haßten, dies jenen aus dreifachen Gründen als Schuld angerechnet werden muß: zuerst, weil sie gerade die Juden aus berechtigter bürgerlicher Stellung auf dem heidnisch römischen Boden entgegennahmen und nun mit Bewußtsein die Juden aus dieser in die schmählichste Ausschließung verstießen und dadurch um so mehr Haß und Verachtung auf sie häuften; alsdann weil sie ihre Religion unmittelbar von den Juden erhalten hatten und deren religiöse Urkunden als die Fundamente ihres eigenen Glaubens immerfort in Händen hielten, und endlich weil dieser Haß dem wahren Christenthume, dem eigentlichen Wesen dieser Religion widersprach. Alle diese Momente für eine gerechte und ftiedliche Behandlung der Juden waren weder bei den Chinesen noch bei den Usbeken und Marokkanern vorhanden, und doch enthält die Geschichte der Mohammedaner Perioden, in welchen die Juden

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