Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1877)
- Date
- 1877-02-27
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Em mr-artciisches Organ fiir alles Wische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Lu-roig Philippfon in Bonn. Verlag von Baumgärtuer's Buchhandlung in Leipzig- Beilagen werden mit 1 Marl 50 Pf. pro Hundert berechnet. In redactionellen Angeleaenheile» wende man sich an vr. t. p»Ui,,stn in Bonn; hinsichtlich des Bezug» und der Jnierate an Lallnlgärtnrr', SnchhanLtaninLeivzig. lZuseratr, welch« bi» vouuer»- knz cingehen. finden in der rarauffolgen» den Nummer Berücksichtigung. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal in 2 vi» i‘/2 Bogen. Preis Viertel jährig 3 Mark. Inserate werde» mit 20 Pf. für die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Alle Buchhandlungen» —>. ^>nrnngS»Expeditionen A-"—ifn an, 41. Jahrgang. Leipzig, den 27. Februar 1877. J\f 9. Sudalt. Leitende Artikel: F. v. Hellwald's Culturgeschichte und die Juden. IV. — Die neuesten Dcrfolaunaen der Juden in Rumänien. VI. — Das AuStrrttsgesetz. XIII. — Literarischer Wochenberickt: Potsdam. — Zeitungsnachrichten-. Deutschland: Mönchen, Llppstadt» Bonn» Lolberg, Bad-Ems» Main;» Hamburg. — Oesterreich-Ungarn: Wien. — Frankreich: Paris. — Großbritannien: London. — Türkei: Konstantinopel, Wien. — Egypten: Kairo. — Feuilleton: Moses und Egypten. — -Cei/teiu)e (SCxhlket. Bonn,' den 21. Februar. F. v. Hellrvald's Culturgeschichte und die Äuden. IV. Eine l) wirkliche Schmähschrift ist das Capitel „Die Juden und ihre Lage im Mittelalter". (B. II, S. 343). Wer hier 1) Das Capitel uber„Samaria und Judäa" (S. 531) ist so oberflächlich und so voller Widersprüche, wie es eben nur aus der Feder eines Autors fließen konnte, der von dem zu behandelnden Gegenstände gar nichts weiß und sich begnügt, ein Gemengsel von Phrasen aus einem und dem anderen, meist unglücklich gewählten Buche auszuschreiben. Freilich beginnt er» der den Culturwerth der alten Juden auf das Minimum herabgesetzt hatte, mir der hochtönenden Phrase: „Drei Civilisationeu haben der europäischen Welt ihr Gepräge ausgcdrückt: die griechisches römische und jüdische, deren Einfluß bis auf unsre Tage noch erkennbar". Deshalb interessire man sich auch für das Geschick des jüdischen Volkes. Was er nunmehr diesem Vordersätze anfügt, ist nicht werth, daß wir weiter darauf cingehen. Nach ihm bestand die samaritanische Bevölkerung nur aus den ärmsten Israeliten, welche die Eroberer zurückaelafsen. Jeder Schulknabe weiß cs bester. Von der Verpflanzung verschiedener Ansiedler aus Babylon u. s. w. und von der Vermischung der israelitischen Religion mir dem Götzendienste der letzteren, woraus die Samaritaner, ihre Religion und Sitten hervorgegangen, wie es 2 Kön. 17 anschaulich schildert, weiß Hcllwald nichts. Darum nennt er es „jüdisches Vorurtbeil und jüdische Bornirtheit", daß die zurückgekehrten Juden ihr Gemeinwesen mit dem samaritanischen nicht haben vereinigen wollen, während er bald darauf den Juden die Consequenz und Festigkeit in ihrem Monotheismus nachrühmt. „MönchSthum und Prophetie" steht er als „die hervorragendsten Elemente in der Entwickelung der jüdisch-alexandrinischcn Lehrsätze" an, und kennt einen „Ritus des jüdischen Monchsthums"! Oder vielmehr er kennt sie nicht, sondern läßt sich die Phrase von Delaunay ablreten. auch nur die geringste geschichtliche Darstellung oder Schilderung der Verhältnisse der Juden wäbrend des Mittelalters sucht, auch nur eine kleine Anzahl historischer Daten, Motive und Belege erwartet, wird sich getäuscht finden — was er findet, ist nichts als eine Anhäufung von Schmähungen und Uebertreibungen, wobei Tagesblätter, 'wie „Ausland", „Wiener Presse", „Magazine ff." als die Quellen citirt werden, aus welchen Hellwald die Geschichte der Inden im Mittelalter, oder vielmehr die lügenhaftesten und ungehörigsten Jnvectiven gegen die mittelalterlichen und gegenwärtigen Juden schöpft. Bekanntlich giebt es Autoren, welche die Judenverfolgungen im Mittelalter vorzugsweise der Kirche und ihren Vertretern zuschreiben, und wieder andere, welche dies leugnen und die Ursache der Verfolgungen nur im Wucher und Reickthum der Juden erkennen wollen. Wer die Geschichte sorgfältig und unparteiisch studirt, der sieht zunächst von den blutigen Verfolgungen selbst ab, er verfolgt vielmehr den Weg, auf welchem die Juden allmälig aus der bürgerlichen Gesellschaft ausgeschloffen, in den tiefsten bürgerlichen Stand hinuntergeworfen und Verachtung und Haß gegen sie durch Gesetze, Reden und Thaten in die Herzen des Volkes gepflanzt worden. Da zeigt es sich unwiderlegbar, daß die Juden in der römischen Welt allmälig am bürgerlichen Leben einen vollen Antheil erlangt hatten, daß sie nicht bloß das römische Bürgerrecht besaßen, sondern in Früher spottete er über die Aussprüche der Propbeten, daß bie. reine Gotteslehre das kleine Volk Israel zum Widerstande gegen mächtige Despoten zu begeistern vermöge. Jetzt hat er dies vergessen. und meint den Römern gegenüber habe der Monotheismus eine kräftige Waffe im Kampf mtt'8 Dasein gewährt, nur habe den Juden Derständniß und angeerbte Discipliu gefehlt.^