Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1877)
- Date
- 1877-02-20
- Page
- Seite 125 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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125 halten; doch ist dies ganz natürlich und wird Niemanden befremden, der gewisse analoge Verhältnisse in unserem heimischen Staatsleben kennen gelernt hat. Zudem ist jede Uebergangsperiode — und in einer solchen leben wir hier nun einmal — mit Schwierigkeiten verbunden, die man nicht unterschätzen darf, besonders wenn es sich um eine so durchgreifende Umgestaltung handelt, wie sie sich im Osmanenreiche vollzieht. Konstauliuopel, 2. Februar. Bei den jetzt hier stattfindenden Wahlen in die neue Deputirtenkammer erweisen sich die früher von der „K. Z." mitgetheilten reglementarischen Bestimmungen, nach welchen bei der Wahl der Wahlmänner und der Deputirten eine bestimmte Anzahl Muselmänner und ebensoviele Christen gewählt werden sollten, als gar nicht vorhanden, und bestätigte sich somit unsre sofort geäußerte Voraussetzung. Koustantinopel, 5. Februar. Der bisherige Großvezier Midhat Pascha ist seines Amtes entsetzt und an seiner Stelle Edhem ernannt worden. Der Sultan empfiehlt dem Großvezier auf das Dringendste, auf eine rasche und vollständige Entwickelung aller durch die Verfassung gewährleisteten Principien und auf die praktische Einführung aller Reformen, welche in den Provinzen zur Anwendung gelangen sollen, hinzuwirken. — Unter den Friedensbedingungen, welche die Türkei Serbien stellt, ist eine auf die Rechtsgleichheit aller Religionsbekenner gerichtet. Die Türkei hat selbstverständlich dabei vorzugsweise die Muselmänner im Sinn, welche gegenwärtig aus Serbien ausgeschlossen sind. Würde diese Bedingung aber angenommen, so hätten auch die serbischen Juden den Genuß davon, und die gerade gegenwärtig stattsindende Vertreibung der Juden aus einigen serbischen Staden würde ihr Ende erreicht haben. Bonn, 8. Februar. (Privatmitth.) Der vor einigen Tagen plötzlich stattgefundene Ministerwechsel und Sturz Mivhat Paschas hat bei Freunden wie Feinden der Türkei großes Aufsehen und nachhaltiges Bedenken hervorgerufen. Zwar giebt nach allen Berichten die Person Edhem Pascha's und die Wahl dreier . Christen (zweier Armenier und eines Griechen) in die verschiedenen Ministerien den Beweis, daß es sich noch um keinen Systemwechsel, noch nicht um eine Rückkehr zum alten Regime, um eine Verleugnung der Verfassung und ihrer Consequenzen handelt. Allein es ist doch ebenso möglich, daß das neue Ministerium nur einen Uebergang zu einem alttürkischen bedeute, indem man es doch für einen zu schroffen Gegensatz erkannte, sofort zu dem letzteren zurückzugreifen. Das neue System ist und kann bis jetzt nicht mehr sein als eine bloße Figur, deren Contouren erst ausgeführt werden müssen. Die Alltürken könnten sich also vorläufig begnügen, diese Maske noch eine Zeit lang vorzubehalten. Auch erscheint die Art der Entfernung Midhat Pascha's so brutal, wie sie eben nur bei asiatischem Despotismus möglich ist, und die Beschuldigung eines Complots seitens Midhal's und daß man ihm die Wahl zwischen einem Hochverrathsproceß und der Verbannung gelassen, und Midhat die letztere gewählt habe, nichts als der gewöhnliche Dunst, mit welchem man im Orient vor europäischen Augen einen Gewaltsact umgiedt. Das Vertrauen in die Loyalität des Sultans und seiner Regierung ist dahier tief erschüttert, und es wird vieler zweifellosen Thatsachen bedürfen, um es wieder herzustellen. Die schwere Krisis, in welcher die Türkei sich befindet, wird auf solche Weise nur noch schwerer und fast unlösbar gemacht. Man vergesse übrigens nicht, daß diejenigen, welche der Lebenskraft der Türkei einigen Glauben zuwandten — wie auch wir dies gethan — ihn immer davon abhängig machten, ob die türkischen Machthaber den neuen Weg fest und unerschütterlich einzuhalten vermöchten oder nicht. Tritt der letztere Fall ein. so sehen auch wir die Erhaltung der Türkei für unmöglich an. Wir werden daher sortfahren, die fernere Entwickelung, an welcher doch auch das Schicksal von mehr als einer halben Million Israeliten unmittelbar betheiligt ist, so weit es an dieser Stelle statthaft ist, zu verfolgen. —. In Aleppo hat es aufgeregte Tage gegeben. Die Veranlassung bot der Umstand, daß Revifs ihr Papiergeld bei einem dortigen jüdischen Geldwechsler umwechseln wollten. Die Soldaten beanspruchten den Nennwerth ihres Papiers, während der Saraph sich nicht dazu verstehen wollte. Das Ende des Streites war eine Prügelei. Der Jude floh in das Haus des österreichisch-ungarischen Generalconsuls Picciotto. Die wüthenden Redifs verfolgten ihn, schlugen den Consulats-Kavassen und mißhandelten schließlich Herrn Picciotto selbst. Das Confulatscorps von Aleppo protestirte unverzüglich bei den Stadtbehörden und benachrichtigte von dem Vorfälle die Vorgesetzten Generalconsulate in Beyrut. Unmittelbar darauf reiste der österreich-ungarische Generolconsul zu Aleppo nach Damascus, um von Jzzet Pascha, dem Corpscommandanten der in Damascus und Aleppo stationirten Truppen, Genugthuung zu verlangen. Pera, 8. Febr. Aus dem Originalere der Bedingungen für Serbien ist nachzuttagen Punkt fünf: „Indöpendement, <lc la liberte religieuse: les Armeniens et les Isra61iles jouiront en Serbie des memes droits et des meines Privileges que les autres habitants.“ Paris, 10. Febr. Die Liberte meldet, die serbische Regierung habe in Betteff der Emancipation der Armenier und Juden vorgeschlagen, man wolle letztere mit den anderen Ausländern, die in Serbien sich aufhalten, gleichstellen, ihnen aber nicht die politischen und Gemeinderechte zugestehen. Diese Fassung würde natürlich den Serben wieder jede Chikane gegen ihre jüdischen Landsleute — denn das bleiben sie trotz alledem — ermöglichen. Jedenfalls hat mit der Aufstellung dieser Bedingung die Türkei den europäischen Regierungen, welche für die Christen in der Türkei sich so sehr in's Zeug werfen, während sie ruhig Zusehen, wie die Juden in Rumänien und Serbien auf's Grausamste mißhandelt werden, eine Lection gegeben, die zugleich voll scharfer Ironie ist. 8*