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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-02-20 · Heft 8 (20.2.1877) · p. Seite 126

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 8 (20.2.1877)
Date
1877-02-20
Page
Seite 126 (sequence 12)
Language
German
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126 Zieililleton. Correfpov-eltz. Odessa, 26. Januar 1877. Ein schmerzliches Geschick nöchigl mich in der letzten Zeit, meine Berichte stets nur mit schweren Verlusten anzufüllen, welche die hiesige Gemeinde betroffen. Auch heute ist es meine Pflicht, zweien verehrten Todten ein Wort des Gedächtniffes zu sprechen. In der Nacht vom 12. auf den 13. d. verschied in hohem Greisenalter, nach langen, schweren Leiden der ehrwürdige Rabbiner der hiesigen Gemeinde, R Michel Hirsch Heilpern. Geboren in Brody, und einer der angesehensten Familien in Galizien entsprossen, in der die Rabbinerwürde fast erblich war, ging er um das Jahr 1821 nach Odessa, wo er viele Jahre als Dajan an der Seite seines Schwiegervaters, des feiner Zeit berühmten Gaon R. Rüben Hardstein wirkte. Nach dessen im Jahre 1835 erfolgten Ableben, wählte ihn die Gemeinde zu ihrem Rabbiner, welches ehrenvolle Amt er mehr als vier Jahrzehnte zur vollkommenen Zufriedenheit Aller bekleidete. Der Heimgegangene war ein schlichter, biederer und frommer Manu. Er war nämlich nicht, wie viele seiner Amtsgenossen alten Schlages, bigott, sondern, der wahren Frömmigkeit gemäß, tolerant. Auf dem Gebiete des rabbinischen Wissens war er fest und auch in weitern Kreisen als Eharif bekannt. Die russische Regierung würdigte seine Verdienste und ernannte ihn zum erblichen Ehrenbürger. Welche Liebe und Achtung der Verewigte in allen Schichten der hiesigen Gemeinde genoß, zeigte deutlich das Leichenbegängniß, das gestern stattfand. Eine unübersehbare Menge von Menschen begleitete die Hülle des Verblichenen bis nach dem Friedhofe. Vor dem Bech-Hamidrafch hielt sein Enkel, der Dajan Joseph Heilpern, in jüdischer Sprache das Hesped. Der Hingeschiedene Rabbiner laßt eine Familie, worunter zwei Töchter als Wittwen mit unmündigen Kindern, in keiner glänzenden materiellen Lage zurück. Es ist Pflicht der hiesigen Gemeinde, sich und die Manen ihres verklärten geistlichen Oberhauptes zu ehren, für jene zu sorgen. Unsere Meinung wäre, zuvörderst dem obenerwähnten Enkel die erledigte Stelle zu übergeben und ihn zum Amtsnachfolger zu ernennen. Und dann, da die Gemeinde» keine hinreichenden Mittel besitzt, um die Familien ihrer um die Gemeinde verdienten Beamten zu pensioniren, den Hinterlasienen einige Tausend Rubel als einmalige Unterstützung zu gewähren. Wir glauben im Sinne vieler Gemeindeglieder gesprochen zu haben, und sind fest überzeugt, daß die milde, opferfähige Gemeinde Odessas — die erste Mustergemeinde Rußlands — auf diese schöne Weise das Andenken ihres alten Rabbiners ehren wird. Dem verklärten Greis aber rufen wir zu: p'ns: ist. — Den 25. d. Abends verschied nach mehrmonatlichen schweren Leiden der kaiserliche russische Eollegienrath vr. med. Bernhard Reich. Der Verblichene, dessen irdische Ueberreste heute schon dem Schoße der Erde, unter großer Betheiligung aller Stande und Eonfessionen, übergeben worden find, war ein seltener, biederer Charakter. Er hatte ein warmfühlendes jüdisches Herz, dem das Wohl und Wehe seiner Brüder sehr nahe ging; er erwarb sich um die hiesige Gemeinde besondere Verdienste, als mehrjähriger Vorsitzender des Handwerkervereins „Trud", dessen Seele er war, und welche Schule er mit Energie und Eifer überwachte und leitete. Trotz seines schweren, mühsamen Berufes als gesuchter und geschickter Arzt, versäumte er fast keinen einzigen Tag die Schule zu besuchen. Mit seltenem Eifer erfüllte er die übernommenen Pflichten, und durch seinen klaren und verständigen Geist und unterstützt von seinen Amtscollegen wußte er diese Anstalt, die er wie seinen Augapfel behütete, zu einer Mufieranstalt zu machen. — Er war ein Mann von vielem und tiefem Wissen, und was besonders in unserer Zeit hoch anzuschlagen ist, er hing mit allen Fasern seines Herzens an dem Judenthum, dessen edler Sohn er war. Nicht lange ward es ihm gegönnt, im „Trud" zu wirken, da er, wie sein Vorgänger im Amte, der selige vr. Soloweitschik, im 45. Jahre seines Lebens dahingerafft wurde. In früheren Jahren prakticirte er in St. Petersburg, wo sich wohl der erste Keim der ihn niederstreckenden Krankheit entwickelte. Er konnte das rauhe, scharfe Klima der nordischen Residenz nicht vertragen und siedelte nach Südrußland über. Zuerst lenkte er seine Schritte nach Elisabethgrad, wo er längere Zeit als tüchüger Oberarzt dem dorttgen städtischen Hospitale Vorstand. Der Mangel an geistiger Nahrung, die er als Mann der Wissenschaft nicht entbehren und in der kleinen Provinzialstadt nicht finden konnte, war wohl die Ursache, die ihn vor ungefähr sechs Jahren veranlaßt nach Odessa zu ziehen, wo er als Helfer der leidenden Menschheit und als nützlicher Bürger wirkte. Er erwarb sich hier als Mensch, wie als Arzt, die allgemeine Achtung. Der so früh dahingefchiedene vr. Reich war ein Bruder des ihm im Tode vorangegangenen Aron Reich, der, ein Freund und Kenner der hebräischen Literatur, sich besonders durch materielle Unterstützung zur Herausgabe der hinterlasienen Schriften des berühmten jüdischen Gelehrten Isaak Ben Lewinson Verdienste erworben hat. — Auf dem Friedhofe angelangt, wurden drei Reden an der Bahre gehalten. Zuerst sprach Stadtrabbiner und Prediger vr. Schwabacher in gewohnter trefflicher Weise. Hierauf sagte der Ehrencurator des „Trud", Consul L«-on Perelmann, im Namen des Vorstandes dieser Anstalt in russischer Sprache das letzte Lebewohl dem Hingeschiedenen Freunde und Amtscollegen. Diesem

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