Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1877)
- Date
- 1877-02-20
- Page
- Seite 120 (sequence 6)
- Language
- German
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120 Es ergeht darin dem Staate, wie dem Kranken. Nach der Genesung wird die Medicin aus dem Körper hinausgeschafft werden müssen. Wir aber sind nicht krank, und wollen darum die Heiltranklein nicht einnehmen. Es könnte nur nützen, wenn eine Bildungsstätte für Lehrer inmitten des Kampfplatzes frei von der Atmosphäre des Kampfes dastände als Mahn- (und später vielleicht) als Musterbild, um den Ausscheidungsproceß zu beschleunigen! Auch darum schon ermöglicht ein Seminar für jüdische Lehrer in der Provinz Posen! — Soweit der Artikel. Wir bemerken dazu, daß er allerdings dazu angethan ist, über den Gegenstand aufznklären und ihn dem Interesse unsrer dortigen Glaubensgenoffen näher zu bringen. Aber wie er zu verwirklichen sei, darüber fehlt jede Andeutung. Dies geben wir dem Herrn Einsender zu bedenken. Mit dem Wort ist viel gethan, wenn die That ihm folgt; ohne diese ist auch jenes bedeutungslos und verhallt. Unsrer Meinung nach sollten die Männer, die sich wahrhaft dafür interessireu, einen Verein zur practischen Ausführung, v. h. vor Allem zur Beschaffung der Geldmittel zu bilden sich bestreben, und zu diesem Zwecke wieder zu einem Comile zusammentreten, dessen Mitglieder sich aber nicht wieder begnügen, ein Statut zu entwerfen, und dies drucken zu lassen, sondern sofort an die Herbeischaffung von Fonds und Jahresbeiträgen Hand anlegen. Zu diesem Zwecke müßte es angesehene Männer in jeder bedeutenden Gemeinde gewinnen. Einer vieljährigen Ausdauer wird es jedenfalls bedürfen. Die Redaction. Die neuesten Verfolgungen der Juden in Rumänien. V. Die Wiener Zeitungen enthalten folgende Erklärung. An die löbliche Redaction des „Fremdenblatt" in Wien. Ein Artikel des Wiener „Fremdenblatt", in welchem die vom „Pester Lloyd" gemachten Angaben bezüglich der Vasluier Judenverfolgungen als „grobe Uebertreibung" und „aus der Luft gegriffen" bezeichnet worden, und in einem andern, der den Paffus enthält: „Nachdem versucht wird, die Meldung von den Judenverfolgungen dennoch aufrechtzüerhalten, so müssen wir mit aller Bestimmtheit constatiren, daß die gepflogenen Erhebungen dargethan haben, daß unser Dementi vollkommen begründet war. Die zwei beschwerdeführenden Juden haben ausdrücklich gestanden, daß sie die Geschichte von den „großen Judenverfolgungen" selbst in Scene gesetzt haben, um damit die Aufmerksamkeit auf ihre eigene Angelegenheit, in Bezug auf die sie Beschwerde geführt hatten, zu lenken" — erklären wir hiermit entschieden, daß die im Wiener „Fremdenblatt" gemachten Aeußerungen, von welcher Seite immer sie auch herrühren mögen, nichts Anderes als eine Entstellung der Thatsachen und Unwahrheiten sind, die nur zu diesem Zwecke erfunden zu sein scheinen, die Glaubwürdigkeit der von hundert Unterschriften bedeckten Petition an das hohe rumänische Ministerium und an das österreichisch-ungarische Generalconsulat, deren Ueberreicher wir waren, Lügen zu strafen und das namenlose Elend, in das der nunmehr abgefetzte und, wie verlautet, in gerichtliche Untersuchung gezogene Vasluier Präfect, Herr Neron Lupaschcu, mehr als zweihundert Familien gestürzt, und die unmenschlichen Grausamkeiten, die er au denselben verübt, zu vertuschen. Dieses sind wir und die gesummten Einwohner des Vasluier Districtes nicht nur mit unserem Eide zu bekräftigen, sondern auch haarklein nachzuweisen bereit. Bukarest, l. Februar 1877. (8. 8.) Leib Cohen. Zelig Bändel. Die Wahrheit kommt ans Licht! Die „Israelitische Alliance zu Wien" hat soeben ein als Manuskript gedrucktes Heft versendet. Bekanntlich hatte die rumänische Regierung den Berichten über die Verfolgungen eine vollständige Ableugnung entgegengesetzt, und officiöse österreichische Blätter machten sich durch deren Mittheilung der Theilnahme an dieser Fälschung der Wahrheit schuldig. Die Allianz stellte daher eine specielle und sorgfältige Enquete an und das vorliegende Heft enthält die Resultate. Es werden die 150 Familien, zusammen 740 Köpfe, worunter 433 Kinder, die ausgettieben worden und denen sämmtlich chr ganzes Vermögen genommen ward, namentlich aufgeführt, der Ort, aus welchem sie vertrieben, die Jahre, die sie bereits im Orte gewohnt u. s. w. angegeben. Ferner werden 10 Protocolle von österreichisch-ungarischen Uuterthanen, die darunter begriffen sind, wörtlich mitgetheilt. Fremde Christen sind keine ausgetrieben; die Austreibung fand auf mündliche Orvre des Präfecten Lupaschcu statt. Der Schaden, den die Unglücklichen erlitten, ist vorläufig unberechenbar; er belief sich bei einigen Familien auf 6000 Ducaten. Nach diesen gar nicht anzuzweifelnden Documenten frägt es sich um so ernsthafter, was die österreichisch-ungarische Staatsregierung Rumänien gegenüber nun thun werde? Der Vertrag ist flagrant verletzt, ihre Unterthanen sind in schmählichster Weise mißhandelt und beraubt. Um so beherzigenswerther ist der Aufruf, den die Allianz erläßt, und welchen wir unsren Lesern aufs Dringendste empfehlen. Auch wir sind bereit. Gaben in Empfang zu nehmen und au die Wiener Allianz zu übersenden. Die Redaction. Aufruf! Die Judenverfolgungen in Rumänien haben sich feit November v. I. in einer Weise erneuert, welche der Barbarei der finstersten Zeiten gleichkommt. Ebenso mißtrauisch gegen Darlegungen, welche auf Uebertreibung beruhen könnten, als gegen freche Ableugnungen, hat die „Israelitische Allianz zu Wien" es sich zur Aufgabe gestellt,