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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-02-20 · Heft 8 (20.2.1877) · p. Seite 119

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 8 (20.2.1877)
Date
1877-02-20
Page
Seite 119 (sequence 5)
Language
German
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119 und kein Ohr für unsere Bedürfnisse! In den alten Provinzen kennen wir drei solcher Seminarien, in Berlin, Münster und Düsseldorf (Köln), in den neuen zwei, Kassel und Hannover'. Für den ganzen Osten der Monarchie kömmt also allein das Berliner Seminar in Betracht. Kaum kann eine einzige, selbst im großem Style angelegte Anstalt Las Bedürfniß in den Provinzen Posen, Schlesien, Preußen, Pommern und Brandenburg befriedigen (Sachsen gravitirt schon in Etwas nach Westen!) Aber dazu reichen — selbst wenn es zu ermöglichen wäre — die Mittel nicht, und dann stellen sich auch die Schüler nicht ein. Denn vor Allem ist es das Gesetz des Beharrens und der Trägheit, welches verhindert, daß aus unserer Provinz oder aus Westpreußen, — wo die Juden am dichtesten wohnen — alle Befähigten, die auch Lust zum Lehrfache verspüren, hineilen sollten nach Berlin — soweit hinaus in's unbekannte Land, auf den heiklen Boden der Weltstadt und in die dunkle Zukunft! Wäre ein solches Seminar in unserer Provinz selbst, dann würden Biele ihm Zuströmen! Die Verhältnisse sind dann naturgemäß bekannter, die Verbindung mit der Heimath reger. Man findet Bekannte, die Auskunft und Rath und Empfehlungen ertheilen. Die größere Nähe läßt das Wesen und Walten der Anstalt deutlicher erkennen. Eltern und Vormünder würden eher es erwägen können, daß ihren Kindern und Schützlingen mit weniger Unkosten durch solche Schule ein ehrenvoller Lebensberuf eröffnet wird, als im Stande des kleinen Gewerbes. An Schülern würde eine jüdische Lehrerbildungsanstalt in unserer Provinz wahrlich nie Mangel leiden, — das beweisen die Märtyrer, welche an den staatlichen Instituten als Hospitanten sich dulden lassen. Und nicht nur der Lehrermangel wäre damit beseitigt und die Vortheile eines ununterbrochenen Schulunterrichts der jüdischen Jugend gesichert. Auch für die allgemeine Bildung darf das Wirken einer solchen Anstalt nicht gering angeschlagen werden. Mit Recht hat der Cullusmiuifter viel mehr neue Seminarien errichtet, als die bestehenden erweitert. Denn in den Landestheilen, in welchen Biele sich dem Lehramt widmen, nehmen noch mehr — Gleichstrebende, Nachahmende, solche, die doch auch Etwas thun wollen — an dem Vorbereitungscursus Theil; und damit ist die Fortbildungsschule de facio begründet. Doch wozu all' dies? Man fertigt uns ja ab mit dem einfachen Bemerken: Unsere Zeit strebt der Simultanschule zu, und, soll diese zur Wahrheit werden, müssen am Ende auch Simultanseminarien die Krönung des Gebäudes bilden! Nun — selbst wenn dieser Satz so wahr wäre, wie er falsch ist — sollen wir das Beispiel jenes Knaben nachahmen, der voller Befriedigung aus feine erfrorenen Finger blickend, sagte: Geschieht meinem Barer schon recht, warum kauft er mir keine Handschuhe!? Sollen wir unlhäiig dem Verfall und der Verkümmerung der wahrlich nicht zu hohen Schulbildung der jüdischen Äugend in unserer Provinz zusehen? Sollen wir es unterlassen, hindernd einzugreifen, nur weil wir hoffen, daß einst die Zeit kommen werde, wo der Staat die Sorge dafür übernehmen wird? Zu dem sind unter „simultan" die Juden nicht mitverstanden! Das bedeutet allein die Simultaneität der christlichen Confessionen. An des Vaters Heerde findet sich wohl ein Plätzchen für jedes seiner Kinder. In der Schulversassung aber — auch in der neuesten, deren Grundzüge in Prüfungsverordnungen u. dergl. bereits kundgegeben sind — wird wohl hier und dort der Jude erwähnt — der Unterricht und die Anstellung eines Juden tolerirt — aber für das Judenthum ist kein Raum, auf d i e Juden darf die Parität nicht ausgedehnt werden. Wir würden zufrieden sein, wenn die simultane Volksschule uns als Gleichberechtigte aufnehmen würde, wenn sie es sich nicht angelegen sein ließe, unserer Jugend beim Unterrichte „christlichen Geist" einzuimpsen und wenn sie jüdische Lehrer mindestens nach Proportion der jüdischen Schüler anstellte. Aber die Zumuthung wird uns nimmer erfüllt werden, Laß die Pädagogik in den Seminarien von der christlichen Basis weg auf die allgemeine humane gestellt und gestützt wird. Und noch weniger dürfen wir der Hoffnung Raum geben, daß jüdischen Lehramtsaspiranten an den staatlichen Seminaren die Kunde jüdischer Religion und das Maß hebräischen Wissens beigebracht werde, deren sie benöthigt sind, um jüdischen Kindern Lehrer zu werden. In der jetzigen consessionellen und nicht minder neben der zu erhoffenden paritätischen Schule muß der jüdische Lehrer als tüchtiger Religionslehrer sich bewähren — das erfordert selbst seine materielle Stellung. Um aber die erhabene Sittlichkeit des Jueenthums, seine ethische und erziehliche Kraft der Jugend zu überliefern, muß der Lehrer ihrer theilhaft geworden, muß die Kunde und der Geist des Judenthums sein Wissen und sein Gemürh befruchten. Dazu aber bedürfen wir eines jüd. Seminars in unserer Provinz! Wir geben uns keiner Täuschung hin! Das Höchste, das Einzige, was wir nach dieser Seite von der Regierung erlangen werden, ist — die Erlaubniß zum Errichten eines solchen Institutes, wenn wir den Besitz der Mittel werden Nachweisen können! Woher aber diese erlangen? Das ist die Frage, deren Beantwortung wir anregen wollten. Um jedoch nicht mit einem Blick in's Leere zu schließen, noch ein Wort über die Rothwendigkeit einer solchen Anstalt auch für das Allgemeine! Wir Juden streben hin zur Theilnahme an der Cultur unserer Zeit, dagegen fehlen uns alle Erfordernisse für den Culturkampf! Wir stehen aus einer andern Basis, als der, die diesen Streit ermöglicht und ihn nothwendig gemacht hat! Das Religiöse darin steht in principiellem Gegensätze zu unserm Bekenntnisse — und das Politische haben schon unsere Propheten vor mehr denn zweitausend Jahren im Sinne des heutigen Staates geregelt: Neben dem vielen Erfreulichen, das dieser Kampf schafft und zeitigt, trägt er nun beklagenswerther Weise die Kampfeslust und Kampfesstimmung — ja gar manche ordre de Lataille — hinein in die Schulen, zumal in die Seminare.

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