Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1877)
- Date
- 1877-02-20
- Page
- Seite 117 (sequence 3)
- Language
- German
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117 das Gesetz ein verhältnißmäßig genaues Kriegsrecht, Bestimmungen über die Behandlung der Gefangenen, besonders des gefangenen Weibes und den Grundsatz völliger Rechtsgleichheit des Fremden mit dem Einheimischen nachdrücklich enthalt. Doch der Raum dieser Kritik läßt es nicht zu, alle Unrichrigkeiten und Schnitzer aufzuzahlen, welche Hellwald fast in jeder Zeile producirt. Natürlich daß er Alles, wo wir „einfach" sagen würden, „roh" findet. Nun, bei den alten Israeliten und den Semiten überhaupt war Alles roh! Wie anders bei den Ariern im Alterthum und im Mittelalter! Die Unterdrückung des Volkes als Leibeigene, die Ausräubung aller Schwächeren 'durch die Faustritter und adeligen Herren, die Geistesknechtung durch den Klerus, die Tortur und das blutige Strafrecht, die Kriegsgreuel z. B. noch im dreißigjährigen Kriege, wo die Städte in Flammen aufgingen, die Dörfer von der Erde verschwanden, zwei Drittel der Bevölkerung vertilgt wurden — Dinge, die sämmtlich während des anderthalb Jahrtausend langen Bestandes Israels nicht vorkamen, das sind keine Rohheiten — weil aber die Israeliten keinem Luxus, keiner Ausschweifung, keinem schwelgerischen Leben huldigten, war Alles bei ihnen „roh"! Nun, es giebt auch „rohe" Autoren und selbst solche Culturhistoriker. Dies zeigt sich in dem, was Hellwald über die Sittlichkeit im alten Israel sagt. Er benimmt sich gerade hier in fast empörender Weise. Niemand, der die h. Schrift kennt, sowie die sittlichen Zustände in geschlechtlicher Beziehung bei den anderen Völkern des Alterthums, wird leugnen, daß Moses sein Volk zu dem sittenreinsten der damaligen Zeit machte, und vor allen Ausschreitungen zu schützen suchte. Ueberall wird im Volke das Bewußtsein geweckt, daß gerade hierin sein wesentlichster Unterschied von den es umgebenden Nationen, von Egypten und den kanaanitischen Völkern B. 3 Mos. 18, 3) enthalten sei, das Bewußtsein, daß die kanaanitischen Völker durch ihre Unzucht untergingen und der Bestand des israelitischen Volkes nur durch Sittenreinheit ermöglicht sei. Dieses Bewußtsein lebte auch im Volke, und als z. B. der Stamm Benjamin ein Verbrechen gegen die Sittlichkeit unbestraft ließ, erhob sich die ganze Nation wie ein Mann gegen denselben und dies in der „rohen" Zeit der Richter (Richter C. 19 ff.). Hervorgehoben und gebrandmarkt werden daher die Unthaten zweier Söhne Davids. Moses stellte eine Reihe von Keuschheitsgesetzen auf, durch welche jede Unzucht außerhalb des Geschlechts — man denke an die bekannte Entartung bei den Griechen — jede fleischliche Vermischung mit Blutsverwandten — war doch die Geschwisterehe in Egypten und Griechenland gebräuchlich — jeder Ehebruch, jede Verletzung der Jungfrauschast, jede Buhlerei, weshalb in Israel keine Buhlerinnen geduldet werden sollen (4 Mos. 23, 18, 3 Mos. 19, 29, vgl. 5 Mos. 23, 19) mit schweren Strafen verboten waren. Gerade hierin wurde der besondere Charakter der Heiligkeit des israel. Volkes gefunden, und alle diese Verbote unmittelbar auf das Berhältniß zu Gott zurückgeführt, ihnen also das strengste sittlich religiöse Moment eingepflanzt. Die Schamlosigkeit jeder Art wurde streng verpönt, wie an einem Beispiel 5 Mos. 25, 11, 12 gezeigt wird. Um auch im Kriege jede Mißhandlung gefangener Weiber zu verhindern, wurde 5 Mos. 2l, 10 ff. eine besondere gesetzliche Bestimmung getroffen, daß ein gefangenes Weib nur nach Verlauf eines Monats, um die Ihrigen zu betrauern, und zwar vollständig als Frau geehelicht, und wenn der Mann sich wieder von ihr scheiden wollte, frei entlassen, nicht aber dienstbar und zur Magd gemacht werden durfte. Alle diese Dinge sind freilich jedem ABC-Schützen auf diesem Gebiete bekannt; stützt sich doch darauf sowohl das kanonische als das protestantische Eherecht," jenes mit einigen Verschärfungen, dieses mit Erleichterungen. Es erweckt nun fast Lächeln, wenn man steht, wie sich Hellwald hier durchzuwinden sucht, um die Vorzüge des Mosaismus' zu neutralisiren und dessen Wirksamkeit auf das Volk zu leugnen. Aber es wird Einem doch bald zu arg. Er erdreistet sich zu sagen: „Im Bezug auf Sittenreinheit standen die Juden nicht höher als andere Asiaten"; er wagt es zu sagen, daß der Mosaismus seine Verbote der Prostitution „nicht aus sittlichem Gefühle" getroffen habe; er sagt: „die Hetären waren meist Syrierinnen, Egypterinnen, Babylonierinnen — wir möchten wohl wissen, woher dies H. hat, und woher diese nach dem Lande Israel gekommen sein sollten? — aber fast niemals Jüdinnen, weil der Mosaismus den Verkehr mit den Weibern des eigenen Volkes strengstens verbot, nicht etwa aus sittlichem Gefühle, sondern weil die schönen Weiber Israels mit allerhand geheimer Gebrechen behaftet waren." Um diese Verleumdung zu erhärten, weist er — ziemlich die einzige biblische Stelle, die er citirt — auf 3 Mos. 18 hin. Der harmlose Leser, der mitten in einem Satze eine Schriftstelle als Beleg angeführt sieht, muß natürlich voraussetzen, daß sie eben dem Autor zum Belege solch' frecher Behauptungen dienen soll. Nun enthält aber 3 Mos. 18 auch nicht die geringste Anspielung auf das, was H. hier gesagt hat. Es ist das Capitel, wo vor der Unzucht der Egypter und der kanaanitischen Völker strengstens gewarnt wird. Es folgen dann die Bestimmungen über die Verwandtschaftsgrade, welche die Ehe unzulässig machen, das Verbot, dem Weibe während seiner monatlichen Reinigung ehelich zu nahen, das Verbot des Ehebruchs, das Verbot, seine Kinder dem Moloch zu opfern, das Verbot widernatürlicher Laster, und das Capitel endet mit nochmaliger Einschärfung, daß durch solche Unsittlichkeiten die Völker und die Individuen ihren Untergang finden. Hellwald hat hier keine Wahl: entweder kennt er das von ihm angeführte Capitel gar nicht, oder er hat damit die Escamotage oberflächlicher und gewissenloser Autoren getrieben, welche zu ihren krassen Aeußerungen irgend welches Citat hinzufügen, um mit dem Schein eines Beleges die unwissenden oder sorglosen Leser zu täuschen! WaS bei solchen heimlichen Gebrechen aus den israelitischen Ehemännern werden sollte, fragt sich Hellwald nicht. Wir können ihm auf den schmutzigen Wegen nicht folgen, in welche er sich noch