Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1877)
- Date
- 1877-02-20
- Page
- Seite 116 (sequence 2)
- Language
- German
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116 Beweis, daß es diese Eigenschaften besaß und hochschatzte. Die Geschichte der Könige ist ein zu kurzer Abriß, als daß Detailszüge in ihr erhalten werden konnten. Aber ist es nicht genug, daß ein kleines, in ein Binnenland eingeschränktes, von feindlichen kleineren und größeren Nationen umgebenes und von ihnen stets befehdetes Volk sich einen tausendjährigen Bestand erkämpfen konnte, und selbst Jahrhunderte laug zwischen so mächtigen Reichen wie Egypten und Affyrien, vann Babylonien sich ftei und selbstständig zu erhallen vermochte? -) Erweist dies nicht genugsam, daß in diesem Volke Muth und Tapferkeit in einem Maße lebten, wie in nicht vielen kleinen arischen Völkern? Sollte Hellwalb einmal die Bücher der Makkabäer und dann die Geschichte des jüdisch-römischen Krieges lesen, so könnte selbst er die vielen Beispiele persönlicher Todesverachtung nicht leugnen.3) Und war es kein Muth, keine Todesverachtung, welche den Juden gegen die Weltbeherrfcher, die Römer, das Schwert in die Hand gab zu einer Zeit als die ganze arische Wett sich vor ihnen beugte? Auch die spätere Geschichte der Egypter und der Parther zeigt uns noch Beispiele jüdischer Krieger und Helden. §) Daß 2) Vermochte doch das Leine Juda unter dem Könige Hiskia und dem Propheten Jesajas der gewaltigen assyrischen Macht, welche Samaria, wenn auch erst nach dreijähriger Belagerung zerstört hatte, zu widerstehen, bis das assyrische Heer um Jerusalem zum größten Theile sein Grab gefunden. Ein lautes Zengniß von der Bedeutung, welche die assyrischen und chaldaischen Herrscher dem Leinen Volke wegen seines Muthcs, feiner Tapferkeit und seines Unabhangigkeitsdrauges bellegten, liegt darin, daß sie es für nothwendig fanden, das gesammte besiegte Volk aus feinen Sitzen nach Jnnerafien zu versetzen, was sie mit irgend welchem anderen Volksstamm in Syrien nicht thaten. Nicht minder glaubte Cyrus eine tüchtige Stütze für die persische Herrschaft in dem fernen Syrien in den Juden zu finden, wenn er sie wieder nach ihrem Laude zurückkehren ließ. Herr Hellwald entschließe sich doch, auch eiumrl eine Quelle nachzusehen, und in Esra 4, 15 ff. eine Urkunde nachzulesen, mit welchen Gründen die Feinde der zurückgekehrten Juden Lei dem persischen Könige das Verbot betrieben und erhielten, die Mauern Jerusalems wieder aufzubaucn. Sie baten, die Geschichtsbücher nachzuschlagen, um zu erkennen, „daß diese Stadt eine aufrührerische und Königen und Ländern schädliche sei, und man Empörung in ihr getrieben seit uralter Zeit, weshalb diese Stadt zerstört ward.' Wir thun dem Könige kund, daß, wenn diese Stadt erbaut und die Mauern vollendet werden, du keinen Theil mehr haben wirst, diesseits des Stromes." Dies fand man denn auch „in den Büchern der Denkwürdigkeiten", und danach verbot der König die Vollendung der Mauern. Jn's Richtige übersetzt heißt dies nichts Anderes, als daß die Juden viele Jahrhunderte hindurch mit Muth und Todesverachtung ihre Freiheit und Selbstständigkeit — denn ein eroberndes Volk waren sie ja nicht — gegen die Weltherrscher vertheidigt hatten, und daß man sich zu ihnen versah, dies nach ihrer Rückkehr wieder zu thun, was denn auch in der syrischen und römischen Slurmzeit in Erfüllung ging. 3) Um nur Eines anzuführen: H. lese doch — wir muthen ihm freilich hiermit viel zu — 1 Makk. 6, 43 ff. den Tod des Makkabäers Eleasar, ob er in denen That nicht Muth und Todesverachtung findet, wie in keinem glänzendern Beispiel anderswo. 4) Um nur ein Beispiel auzuführen, weil vielleicht der Culturhistoriker Hellwald in seiner Unbekanntschaft mit allem historischen Stoffe über unsere Bemerkung lächelt, weisen wir auf die Juden Onias und Dositheus hin, welche 150 vor der gew. Zeitr. den Oberbefehl über die ganze egyptische Kriegsmacht führten. Onias baute auch die Stadt Onion, die nur mit Juden bevölkert ward, welche lediglich für den cgyptigen Kriegsdienst erzogen wurden und die tüchtigsten Bertheidiger Egyptens abgaben. Auch seine Nachkommen zeichneten sich im Kriegsdienste aus. sie, zerstreut und unterdrückt, für die Sache ihrer Zwingherren als Landsknechte und Söldner nicht eintraten, wie es Arier bis zur Neuzeit thaten, ist leicht verständlich. Aber war es kein Muth, keine Todesverachtung, welche die Juden in zahllosen Verfolgungen, wo sie Leben und Eigenthum durch ein einziges Wort sich erkaufen konnten, den Tod vorziehen und in vielen Fällen ihn sich und den Ihrigen selbst geben ließen? Cs ist ein jämmerliches Geschäft eines Culturhistorikers, lediglich aus Carrikaturen seine Schilderungen zusammenzusetzeu. Oder nimmt H. aus etwas Anderem als einer Carrikatur die weitere Behauptung, daß das mosaische Gesetz „in Verkennung des hebräischen Nationalcharakters den Ackerbau ausschließlich begünstigte, den Handelsgeifi aber in Fesseln schmiedete." Während H. dem Mosaismus bis auf die Rückkehr aus dem babylonischen Exil jede Einwirkung abspricht, und ihn kaum von einer geringen Minorität mühselig und schwächlich erhalten läßt, soll dieser doch die Kraft gehabt haben, den eigentlichen Nationalcharakter zu unterdrücken und den eingeborenen Handelsgeist zu fesseln, und dieses anderthalb Jahrtausende hindurch! Es ist kein Compliment für das deutsche Volk, sich solche Dinge auftischen zu lassen. Die Israeliten waren, wie noch Josephus ihren Feinden und Verleumdern gegenüber betont, nur und noch zu seiner Zeit ein ackerbauendes Volk in einem Binnenlande ohne Hafen. Die mehrmaligen Versuche, sie zu Handel und Schifffahrt anzuregen und anzuleiten, blieben ohne allen Erfolg und verschwanden spurlos. Als Ezechiel den großen Weltmartt von Tyrus beschreibt (C. 27), wo von Orient und Occident alle Erzeugnisse und Handelswaareu zusammenfloffen und an dieser Stelle aufgezählt werden, wird aus dem Laude Israel nur Waizen, Backwerk, Honig, Oel und Balsam genannt (B. 17), also Products der Landwirthfchaft. Es ist einsichtlich, daß H. diese krasse historische Lüge nur vorbringt, um den Juden den Handel als ihr ursprüngliches, nationales Element zu infinuiren, wie er deshalb dies schon den Apriu in Egypten angelogen. — Freilich kann er die fteiheitlichen Principien in der Verfassung des alten Israel nicht ganz leugnen, aber er schlüpft, nachdem er das Fehlen des Kastenwesens angegeben, schnell darüber hinweg; vielleicht weil er außer der Gleichheit Aller, nichts von der persönlichen Freiheit, von der Wahl aller Beamten durch das Volk, von der allgemeinen Wehrpflicht, von den agrarischen Gesetzen, dem Erlaß- und Jobeljahre u. s. w. wußte. Denn da er die Bibel nicht studirt und die Werke wirklicher Forscher nicht gelesen, sondern nur aus Broschüren und Compilationen zusammengeschrieben hat, so wäre jenes leicht der Fall. Sonst hätte er doch (S. 293) wissen müssen, daß das Gesetz die Sklaverei im Volke zu einer bloßen Bermiethung gemacht, also weit hinaus über alle anderen Völker des Alterthums; er hätte nicht gesagt, daß die väterliche Gewalt eine unumschränkte gewesen, während das Gesetz ihr das Recht über das Leben des Kindes entzogen, wie es in Rom nicht war; er hätte nicht gesagt „die Juden kannten kein Völkerrecht," wahrend