Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1877)
- Date
- 1877-02-13
- Page
- Seite 109 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3227123-3227131--35138-3305068- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
109 Vorfall heute zur Sprache. Der Kriegsmiuister erklärte, der Officier der Escorte habe vollkommen den Reglements gemäß gehandelt, und er setzte hinzu, der Officier, welcher eine solche Truppenabtheilung commandire, habe allein Entscheidung über den Augenblick, wann er aufhören wolle, den Leichenzug zu begleiten; gewöhnlich seien die dienstlichen Erforderniffe und die Stunde des Begräbnisies die Grunde, welche den Entschluß des Officiers beeinflusien sollten. Die Collegen des Kriegsministers zeigten fich, wie man hört, mit diesen Erklärungen zufriedengestellt. (Die Sache hat also, wie es scheint, keine confessionelle Färbung.) — . 31. Januar. Laut Temps hat der Kriegsminister das Benehmen des Officiers, der bei der Beerdigung des Israeliten Alcan das militärische Gefolge führte, durch Hinweisung auf ein Rundschreiben vom 2. November 1874 gerechtfertigt. —. Der oben erwähnte Herr Michel Alcan war nach den Arch. isr. 1811 zu Donnclay im Dep. Meurthe geboren, in sehr dürftigen Berhältnisien. Er war zuerst bei Feldarbeiten beschäftigt, dann Buchbinderlehrling in Nancy. In seinen Mußestunden war er eifrig bemüht, fich zu unterrichten. Er kam nach Paris und kämpfte auf den Barrikaden von 1830. Durch unermüdliche Anstrengung kam er in die Centralschule, aus welcher er als Ingenieur hervorging. Er führte bedeutende Vervollkommnungen in der Weberei ein, die er in seinem „Effai über die Industrie der Webestoffe" angegeben. Auch veröffentlichte er eine sehr angesehene, ausführliche Abhandlung über Baumwollenweberei. Im Jahre 1848 war er Mitglied der constituirenden Nationalversammlung, und wurde Ritter und Officier der Ehrenlegion. Eine Zeit lang war er Mitglied des Consistoriums von Paris, in letzter Zeit des Central-Consifioriums. Großbritannien. London, im Januar. Sir Moses Montefiore zählt jetzt 93 Jahre und ist deshalb der älteste der englischen Baronets. — Sir Francis Goldsmid hat 200 Pfd. St. zum Unterstützungsfond für die Bulgaren gespendet. — Obgleich unter den gegenwärtigen Verhältnissen es nicht rathsam ist, von dem Fond, der zu Ehren des Sir Moses Montefiore für Verbefferung der Lage der Juden in Palästina gebildet worden und der die Summe von über 10,000 Pfd. St. beträgt, eine Verwendung zu machen, so hat doch das Comite beschloffen, einen Specialagenten nach dem heil. Lande zu senden. 45 Bewerber candidirten um dieses Amt, das einem gewissen Pinnes aus Rußland zuficl. Italien. Ferrara, im Jan. (Arch. isr.) Am 1. d. M. verschied der hiesige Rabbiner Aron Beneziani, 70 Jahre alt und seit 55 Jahren mit Unterricht beschäftigt. Er hatte sich trotz der damaligen ungünstigen Verhältnisse für die Juden unter der päpstlichen Herrschaft bedeutende Kenntnisse erworben und zeichnete sich auch durch italienische und hebräische Gedichte von Werth aus. — Für die durch den Tod des Prof. Dietz zu Bonn in der kaiserl. Akademie der Wissenschaften zu St. Petersburg erledigte Stelle eines Mitgliedes, wurde unser berühmter Glaubensgenosse Prof. Ascoli zu Mailand gewählt. Holland. Haag, im Januar. Bemerkenswerth ist die Rede, welche in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 18. Decbr. Herr Godefror (früherer Justizminister) gehalten hat. Es war in der Budgetverhandlung, wo er an passender Stelle das Wort nahm, um der Kammer die unglückliche Lage der Juden in Rumänien zu schildern, und darauf zu bestehen, daß kein Handelsvertrag mit diesem Lande unterzeichnet werde, ohne daß ausdrücklich die Rechtsgleichheit für die Niederländer jeder Consession garantirt würde. Der Minister des Auswärtigen gab über diese Angelegenheit die förmlichsten Zusicherungen. Türkei. Korrstantiuopel, 24. Januar. Der Sultan hat in 'Ausführung des Art. 17 der neuen Verfassung, wonach alle Unterthanen ohne Unterschied der Religion gleiche Rechte und gleiche Pstichten dem Lande gegenüber haben, einen Jrade erlassen, demzufolge künftig alle Kinder der nichrmuselmännischen Bevölkerung zu den Militärschulen zugelaffen werden sollen. Der Jrade ist den Vorständen der Gemeindeverwaltungen zur Kenntniß gebracht und gleichzeitig durch die Zeitungen veröffentlicht worden. Die bezüglichen Gesuche um Aufnahme in die Militärschulen sollen an das Kriegsministerium gerichtet werden. Koufiautinopel, 23. Jan. Nach telegraphischer Benachrichtigung aus Jannina sind die Wahlen zur Kammer für dieses Bilajet, welches bekanntlich Thessalien und Epirus umfaßt, nunmehr vollendet. Drei Türken, zwei Griechen und ein Israelit sind als Abgeordnete gewählt. (Es ergiebt sich hieraus, wie richtig wir urtheilten, als wir die von der „Köln. Z." gebrachte und in mehrere Zeitungen übergegangene Uebersetzung des Wahlreglements, nach welcher es scheinen konnte, als ob die türkische Regierung den Juden das passive Wahlrecht vorenthalten wollte, für falsch erklärten, indem es dem Uebersetzer gefiel statt „nichtmuselmännisch", zu sagen „christlich". Die völlige Gleichstellung aller Confessionen ist gesichert, und wie wir sehen, entsprechen auch hier bereits unsre Glaubensgenossen vollständig den neuen Pflichten. Sollte selbst nur dieser eine Israelit in die ottomanische Deputirtenkammer gewählt werden, so wäre es vorläufig genug, da es hauptsächlich vorerst auf die Durchführung des Princips ankommt. Beiläufig bemerkt, macht aus der oben angeführten Jrade derselbe Correfpondent der „K. Z." nur ein Zuge- 7*