Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1877)
- Date
- 1877-02-13
- Page
- Seite 108 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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108 denn sonst würden Sie gewiß von deffen Inhalte in Ihrer Zeitung Notiz genommen haben. Legt doch dieser Inhalt ein unwiderlegbares Zeugniß ab von der Thatenlosigkeit der Repräsentanz und deren völligen Mangel an Verständniß deffen, was in heutiger Zeit der Judenheit im Allgemeinen und den böhmischen Gemeinden ins Besondere frommt. Man braucht nur die im Protocoll abgedruckten Gutachten, welche die Repräsentanz in verschiedenen Fragen auf Aufforderung der Behörden abgegeben, zu lesen, um sich von der Wahrheit dieser Behauptung zu überzeugen. Einem Cantor und einem Religionslehrer gewahrt ihre vieljährige Berufsthätigkeit keine Befriedigung mehr, gefährlicher Ehrgeiz hat sich ihrer bemächtigt, aut Caesar aut nihil, entweder wir erklimmen die höchste Stufe auf der Stufenleiter der Cultusbeamten-Hierarchie, wir werden Rabbiner, oder wir wollen vom Cultus nichts mehr wiffen, ist ihr Entschluß. Was aber thun, die Behörde macht ja die Bestätigung als Rabbiner von dem Nachweise philosophischer Studien abhängig; diese aber laffen sich nicht so leicht wie Kutte und Bäffchen erhaschen? Man sucht frühzeitig beim Cultusminister um eine diesbezügliche Dispens an, damit bei einer eventuellen Anstellung als Rabbiner von Seiten irgend einer Gemeinde die Behörde die Bestätigung nicht verweigere. Der Cultusminister forderte nun im Wege der Statthalterei die Repräsentanz auf, sich darüber zu äußern, ob solche Dispense jetzt überhaupt noch ertheilt werden sollen, und wenn ja, ob es sich nicht empfehle» würde, einen Endtermin festzusetzen, nach deffen Ablauf derartige Dispense grundsätzlich nicht mehr zu ertheilen wären. Wie lautet nun die Meinungsäußerung der Repräsentanz? Die Regierung möge die Dispens noch durch drei Jahre ertheilen, jedoch nur an solche Bewerber, die sich über ausreichendes rabbinisches Wiffen ausweisen. Wer lacht da nicht! Die Regierung soll einen von einer jüdischen Gemeinde angestellten Rabbiner, der keine philosophischen Studien Nachweisen kann, die Bestätigung nur dann ertheilen, wenn er — über ausreichendes rabbinisches Wiffen sich ausweist. Wäre es nicht viel vernünftiger gewesen, den Gemeinden den Rath zu geben, keinen Rabbiner anzustellen, der sich nicht über genügendes rabbinisches Wiffen ausweist, falls dieselben, wie aus dem Gutachten der Repräsentanz hervorzugehen scheint, eines solchen Rathes bedürfen, und auf die Frage der Behörde mit einem einfachen Ja oder Nein zu antworten? Was geht diese das rabbinische Wiffen an? Wird etwa der Bestand des Staates dadurch gefährdet sein, wenn der Rabbiner in Folge seiner ungenügenden Kenntniß des Joreh-Deah die Grundlage der jüdischen Kirche erschüttern sollte? Und wenn ja, soll vielleicht ein Statthaltereirath den um die Bestätigung ansuchenden Rabbiner aus Hilchot Trefah und Hilchot Nidah prüfen, wenn die Thatsache, daß eine jüdische Gemeinde denselben als Rabbiner angestellt, keine genügende Bürgschaft für deffen rabbinisches Wiffen ist? Eine Rabbinatsschule, deren Zeugnisse und Diplome vom Staate anerkannt wurden, giebt es ja in Oesterreich nicht. Oder meinte vielleicht die Repräsentanz, daß ihr die Befugniß ertheilt werde, Zeugnisse über rabbinisches Wiffen auszufiellen? Fast wären wir geneigt das zu glauben, wenn nicht die Thatsache, daß in der Körperschaft, welche berufen ist, die religiösen Angelegenheiten der ganzen böhmischen Judenschaft zu ordnen und nach Außen hin zu vertreten, kein einziger Rabbiner sich befindet, so laut gegen eine solche Annahme sprechen würde. In Sachen der Subventionirung der Rabbiner hat die Repräsentanz durch ihr an die Regierung erstattetes Gutachten ebenfalls geschadet. Sie hat nämlich, entgegen dem Beschlüsse der von ihr selbst einberufenen Rabbinerversammlung, daß nur die behördlich bestätigten Rabbiner fubventionirt werden sollen, in ihrem diesbezüglichen Gutachten auch die Subventionirung der sogenannten Religionsweisen (Schaz-Maz) verlangt. Auf das aber wird voraussichtlich die Regierung nicht eingehen, weil, wenn auch die Zahl der letzter» in Böhmen und Mähren eine geringe, in Galizien aber eine sehr bedeutende, mehrere Hundert umfassende ist. Die Negierung, die ohnehin nur gezwungener Weise der Sache sich bemächtigt, wird diesen Umstand benützen, um dieselbe, wenn auch nicht gänzlich, fallen zu laffen, jedenfalls auf die lange Bank zu schieben. Indem wir uns eine weitere Beleuchtung der Gutachten und der Wirksamkeit der Repräsentanz der böhmischen Landesjudenschaft für ein nächstes Mal Vorbehalten, schließen wir heute mit der Mittheilung, daß die k. k. Statthalterei, trotz eines Gutachtens der Repräsentanz, welches darauf berechnet war, die Angelegenheit hinauszuschieben, mit der Durchführung der h. Ministerialverordnung, betteffend die Ehen solcher Israeliten, die nicht Mitglieder einer Cultusgemeinde sind, auf's Eifrigste beschäftigt ist, und dieselbe daher in Kurzem in Rechtswirksamkeit tteten wird. Dem von mir in dieser Zeitung erörtetten Umstande, daß es ja auch Cultusgemeinden ohne Rabbiner giebt, wurde dadurch Rechnung gettagen, daß solche Gemeinden, meinem hier gemachten Vorschläge gemäß, Gemeinden mit Rabbinern zugetheilt wurden. Frankreich. Paris, 30. Januar. Der Conflict, der seit längerer Zeit die ftanzösische Welt stark bewegt, nämlich betreffs der Begleitung der Leichen von Inhabern der Ehrenlegion durch eine Militär- Escorte, welche das Gesetz vorschreibt, die aber in den letzten Jahren unterlaffen wurde, wenn die Leichen ohne Milhülfe der Geistlichkeit begraben wurden, hat nun auch durch folgenden Vorfall die Israeliten berührt. Heute wurde Michel Alcan, Ingenieur und Officier der Ehrenlegion, auf dem Pore Lachaise beerdigt. Auf der Höhe der Rue Larcy, auf halbem Wege zum Kirchhofe, ließ der Officier, der das militärische Geleit führte, seine Leute Halt machen, und verließ mit ihnen den Leichenzug. Michel Alcan war Israelit und wurde daher direct zum Kirchhof geführt. Im Ministerrath kam dem Vernehmen nach dieser