Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1877)
- Date
- 1877-02-13
- Page
- Seite 100 (sequence 2)
- Language
- German
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100 nichts Anderes erwarten. Aber in Etwas ihm auf die schreibseligen Finger zu klopfen und wenigstens einige seiner zahllosen Dummheiten und Unrichtigkeiten zu beleuchten, ist doch unsre Pflicht, gegen uns und das allgemeine Publikum. Hellwald bespricht die Juden im Alterthume, im Mittelalter und in der neueren Zeit. Den Herren dieses Schlages hat die Egyptologie einen unangenehmen Dienst geleistet, daß sie den Auszug aus Egypten und die Existenz des Volksführers und Gesetzgebers Moses auch ihrerseits als historisch nachgewiesen hat. Sie mochten so gern die Juden erst nach dem Exil für geschichtlich vorhanden erklären und alles Vorhergehende als Legende, wenn nicht als erfundene Fabel betrachten. Aber was nun mit dem Jahrtausend anfangen, das zwischen dem Auszug und dem zweiten Tempel liegt? Freilich beginnt auch die Affyriologie die Geschichte der Könige als völlig historisch und die biblischen Berichte über sie für völlig getteu zu erweisen. Darüber kann aber ein Autor wie H. noch hinwegsehen. Der Ausweg, den er einschlägt, ist allerdings für einen fröhlichen Hypothesenjäger bequem. Die vormosaische Geschichte ist für ihn gar nicht da. Er läßt Moses mit dem Stamme Levi, der nach seiner Berechnung 44,000 Köpfe zählte, in die Wüste ziehen und ihm das Gesetz geben. Die Beni-Israel haben damit gar nichts gemein, sie wohnen längst als gute Polytheisten in Nordkanaan; ein anderer Haufen ist der Stamm Juda mit Simeon; Levi ist ein „Raubadel" unter dem Priestergeschlechte Arons, der sich nun durch das Land verbreitet, und das Volk, soweit er es vermag, im Joch erhält. (Und doch hat dieser Stamm keinen Grundbesitz, erscheint überall als dienend und arm, waffenlos und von der übrigen Bevölkerung abhängig'.) Das gefammte Volk ist und bleibt polytheistisch, nur eine geringe Minorität hält an dem mosaischen Monotheismus fest, und leistet den Donnerworten der eifernden Propheten Folge. Der Versuch des nordkanaanitischen Stadtkönigs Saul, den Beni-Jsrael die Freiheit zu verschaffen, mißglückt. Aber der judäische David dehnt seine Herrschaft über das ganze Land und über deffen Grenzen aus. Doch schon mit Salomo geht diese Herrschaft zurück und nach seinem Tode befteien sich die Beni-Jsrael wieder. Dies ist das Bild, welches H. von der Geschichte des alten Israel entwirft. Solch' tolles Würfeln mit dem geschichtlichen Material, dieses willkürliche Verwerfen und Annehmen, Auseinanderzerren und Zusammen klauben nennen diese Leute Kritik, Forschung und Geschichtsschreibung! Darauf hin wollen sie charaklerisiren und urtheilen! In der That würden sie viel einfacher und richtiger verfahren, wenn sie einen Strich durch die ganze vorexilische Geschichte des israelitischen Volkes machten, und die Juden als eine babylonische Colonie bettachteten, die vor den Schrecken der Eroberung durch Cyrus nach dem entvölkerten Palästina gewandert und ihre Traditionen auf die ftüheren Bewohner des Landes überttagen hätte. Da wäre doch noch Methode darin. Da sie dies aber nicht thun, und zwar weil sie es aus guten Gründen nicht können, so ist ihr ganzes Verfahren thöricht und unwahr. Die Einheit des israelitischen Volkes in feinen Stammen ist durch unleugbare Thatsachen und durch die ganze Vorstellung des Volkes selbst gewährleistet. 2) Nicht blos die Zurückführung auf einen Ursprung in der vormosaischen Zeit, nicht blos die mosaische Urkunde bis in den kleinsten Einzelzügen, nicht blos die Eroberungsgeschichte Kanaans, sondern auch alle weiteren und späteren Aeußerungen des geschichtlichen, prophetischen und poetischen Israel bekunden dieses Bewußtsein der Einheit. Im Kriege gegen Benjamin stehen die fämmtlichen Stamme zusammen; das Lied der Deborah verspottet die Stämme, die vom Kampfe zurückgeblieben; die Richter, von denen jeder nur über einzelne Stämme die Gewalt besaßen, werden doch als Häupter der ganzen Nation angesehen; die vereinten Stämme wählen Saul zum Könige, der seine meisten Kriege gegen die südlichen und südwestlichen Feinde der ganzen Nation führte; die Propheten, ganz wie die mosaische Urkunde, kennen nur ein Gesammtisrael und verkünden nach der Trennung ver beiden Reiche die Wiedervereinigung als erste und selbstverständliche Bedingung. Auch die politische Entwickelung ist eine ganz naturgemäße. Die republikanische Verfaffuug mit der Selbstständigkeit jedes einzelnen Stammes machte ihre Ohnmacht den stets andrängenden Feinden gegenüber zu sehr fühlbar, als daß nicht das Bedürfniß nach einer starken Centtalgewalt zur Monarchie führen mußte, und diese wiederum ward dem Unabhängigkeitsttotze der Stämme zu lästig, als daß nicht eine Spaltung in zwei Reiche eintreten mußte — wie sie z. B. der uordamerikanischen Union vor einem Jahrzehnt drohte und auch vor sich gegangen wäre, wenn nicht die Nordstaaten eine stärkere militärische Kraft besessen hätten. Selbst nach dieser Spaltung drang oft genug bei Stteitigkeiten das Bewußtsein der nationalen Zusammengehörigkeit durch und brach ihnen die Spitze ab. Doch genug, was wir aus der vorexilischen Zeit haben und wissen, bezeugt die Einheit des israelitischen Volkes. Diese leugnen, heißt Alles auf den Kopf stellen. — Mitten in diesem historisch fein sollenden Cancan begegnen wir denn auch bei Hellwalb Aussprüchen, die dessen ganz würdig sind, jedoch nicht einmal das. Verdienst der Originalität für sich haben. Z. B.: Die Hebräer in Egypten waren Roßkämme und Viehhändler und betrieben das einträgliche Gewerbe des Leihens auf Pfandgegenstände. Da sie auch nach H. nur in Gosen wohnten und nie über den Damiette- Arm des Nils hinauskamen, so müssen die Egypter dieser Geschäfte halber alle nach Gosen gekommen sein und die Hebräer, welche die h. Schrift wie die egyptischen Monumente in einer 2) Hellwald kommt da nicht selten in's Gedränge. So weit er dies anerkennt, und dies thnt freilich seine Kurzsichtigkeit nur selten, weiß er sich zu helfen. So meint er, Levi wäre wahr)cheinlich auch in zwölf Stamme getheilt gewesen, wie die Beni-Jsrael und die Beni- Juda!! Nun kann er freilich selbst nur vier aufzahlen: Aaroniter, Kehathitcr, Merariter und Gersoniter — aber was thut die«? Schnell heißt es: die zwölf Stamme des Levi „ordneten sich unter vier Hauptkasten." So giebt man Antwort auf alle Fragen!