Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1877)
- Date
- 1877-02-06
- Page
- Seite 92 (sequence 10)
- Language
- German
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92 beruhen auf eigener freiwilliger Bereinigung. Dadurch ist die Wohllhätigkeit nicht derselben Zersplitterung ausgesetzt, in welcher sich die gottesdienstlichen Gemeinschaften befinden, und es können daher vie sämmtlichen Juden eines Platzes sich in den Wohl- IHLtigkeitsanstalten frei vereinigen, wahrend sie ihrem gottesdienstlichen Bedürfniß anderweitig nach ihrem Belieben genügen. Dieses Verhältniß ist hier zu Lande sehr förderlich, aber es bringt auch einen beständigen Wechsel herbei, ein Schwanken in der finanziellen Gebahrung der Vereine, da ihnen der rechte stationäre Anhalt fehlt. Ieuilleton. Ä.AS dem Volksleben. I. Wien, 5. Januar. (Aus dem Gerichtssaale.) Rosalie Weiß, eine ehrbare Sauerkrautlerin, trat gegen den Uhrenhändler Nathan Mayer wegen Ehrenbeleidigung klagbar auf, und war für heute die Schlußverhanblung anberaumt. Richter: Frau Weiß, Sie haben hier eine Anzeige gegen Herrn Mayer überreicht und um seine Abstrafung gebeten, ohne gleichzeitig anzugeben, worin die Ihnen zugefügte Beleidigung besteht. Wollen Sie daher Ihre Klage mündlich Vorbringen. — Klägerin: I bitt', dös ist ganz einfach. Mein Mann — i hab'n zum Zeugen mitg'numma — mei Mann ist hamkumma und Hot g'sogt, daß ihm der Herr Mayer g'sagt hot, i loß was danebengehen. Richter: Was verstehen Sie unter dem „Danebengehen"? — Klägerin: (Nettigkeit, i mach mir an Tschap hinter dem Rucken von mein Mann, mit an Wort, i bin a Diebin, ich besteht mein Mann. Richter: Herr Mayer, haben Sie eine derartige Aeußerung gethan? — Mayer (abwehrend): Nicht geflogen, nicht geflogen. Richter: Sie hören, die Frau beruft sich auf das Zeugniß ihres Gatten? — Mayer: Do werd' doch gottlob i auch dabei sein. Richter: Sie werden allerdings zugegen sein, wenn der Herr Weiß vernommen wird, nachdem aber ein offenes Geständniß ein mildernder Umstand ist, richte ich vorerst an Sie die Frage, ob Sie ein solches Geständniß ablegen wollen. — Mayer: Eu' Gnoden, gestehen Sie etwas, wenn Sie von nichts wisien? Richter: Sie erklären also bestimmt die Angaben der Frau Weiß für unwahr? — Mayer: Ich will Niemanden beleidigen unv sag' auch das nicht. Richter: Eines muß richtig fein: entweder das, was Frau Weiß erzählt, oder was Sie dazu bemerken. — Mayer: Gott wie gescheit, versteht sich wie einmal Eins is Eins. Richter: Sie verharren also dabei, keine derartige Aeußerung gemacht zu haben? — Mayer: Euer Gnoden, das Hab' ich nicht behauptet, ich Hab' bloß gesagt: Wie's die Frau Weiß erzählt, ist eS nicht geflogen, nicht geflogen. Richter: Wie war es denn? — Mayer: Euer Gnoden, nehmen Sie sich gütigst etwas Zeit, ich werd' Ihnen reinen Wein einschänken. Es war an einem Donnerstag, wenn ich mich nicht irr', den Datum weiß ich nicht mehr genau, sind wir gegangen in die Elfer-Meff' . . . Richter (einfallend): Sie, ein Israelit, in die Messe? — Mayer (lächelnd): Verzeihen Sie, Euer Gnoden, es ist nix so eine Mess', wie Sie gütigst vermeinen thun, es heißt blos die Elfer-Meff', eigentlich ist es, wie man bei uns zu Haus sagt, ein Gabelfrühstück. — Also, daß ich Ihnen weiter erzähl', wir sind gesessen bei den „Hackeln", ich, ver Herr Weiß, der Huterer von daneben, der Anstreicher und der Möbel-Transporteur. Wir haben geredt von die schlechten Zetten, daß kein Verdienst ist, baß man sich nichts vergunnen, nichts ersparen kann, dabei haben wir einen und einen zweiten Liter Wein „ausgeschnapselt", und es ist so hin- und hergeredet worden. Aner hat zum Andern gesagt, sein Geschäft ist besser, und da hat der Herr Weiß gemeint, sein Geschäft geht am schlechtesten, er mag sich noch so sehr plagen, es geht immer Nudel für Nockel auf. Darauf Hab' ich gesagt: Wer weiß, wos bei Ihnen danebeugeht. Richter: Was wollten Sie mit dieser Bemerkung sagen? — Mayer: Erstens kann ich zehn Juramenter ablegen, baß der Name von feiner Frau nicht über meine Lippen gekommen ist, und dann wette ich darauf, was Aner will, daß Keiner in ver ganzen Gesellschaft daran gedacht hat, die Frau Weiß für eine Diebin zu halten. Gott soll Einem behüten für so einen Gedanken. Richter: Sie haben mir aber immer noch nicht auf meine Frage geantwortet, was Sie sich dabei dachten, als Sie sagten: „Wissen Sie, was bei Ihnen danebengeht?" — Mayer: Vor Allen, Euer Gnoden, Hab' ich all mein Lebtag gehört, Gedanken sind zollftei. Was brauch ich gar heute zu wissen, was ich mir damals gedacht Hab': wer weiß, ob ich's gar wissen kann? Richter: Wenn man einen solchen Ausspruch thut, muß man doch dabei denken? — Mayer: Wer sagt das; was plauscht man nicht Alles zusammen? Richter: Diese Ihre Verantwortung erscheint mir wenigstens nicht stichhältig. — Mayer: Euer Gnoden, ich schwör' Ihnen bei mein' Weib und bei meine Kinder, daß ich an nichts Schlechtes gedacht Hab'. Richter: So erklären Sie doch, was Sie mit dieser Be-