Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1877)
- Date
- 1877-01-30
- Page
- Seite 78 (sequence 12)
- Language
- German
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78 andere ein Muselmann sein soll. Bei der Wahl selbst wählt e jeder Wahlmann 10 Namen, 5 Christen und 5 Muselmänner, i Wir müssen hier nothwendig voraussetzen, vaß in dem ottoma- < nischen Gesetze nicht „Christ", sondern „Nichtmuselmann" also die Juden nicht ausgeschlossen sind. Sonst wurde die Regierung in der ersten Ausführung der Verfaffung schon dieselbe gröblich verletzen, da sie die völlige Gleichheit aller Culte feierlich aus- ' gesprochen hat. In Konstantinopel wohnen an 70,000 Juden, die nach dortiger Sitte ebenso wie die Christen in großen Vierteln zusammenwohnen. Wie wollte man nun diesen, die doch, wie das neue Gesetz selbst bestimmt, als Urwähler fungiren, zumuthen, nur christliche und muselmännische Namen in ihren eigenen Quartieren als Wahlmänner und Abgeordnete aufzustellen?! Es liegt hier ein absichtsloser oder absichtlicher Jrrthum des Corresponden der „K. Z." zu Grunde, der bald rectificirt werden wird. Peru, 18. Jan. Der heutige große Nationalrath, dem 20 O Mitglieder, Exgroßvezire, Cabinetsminister, Generäle, Paschas, Ulemas, die Patriarchen der Griechen, Armenier, Bulgaren, Katholiken und der Oberrabbiner beiwohnten, verwarf nach einer dreistündigen Berathung einstimmig die zwei hauptsächlichen Forderungen der Conferenz: Ernennung der Provinzial-Gouverneure und Einsetzung der Central-Commission. Es sprachen für die Verwerfung der Exgroßvezir, welcher die Annahme der Conferenzbeschlüffe für den Grabstein der Türkei erklärte. Sowas Pascha, Mahmud Pascha, der katholisch-armenische Bischof, besonders aber der Rabbinatsvertreter, der versicherte, Laß die Juden Gut und Blut für die Türkei einsetzen würden. Häufiges Hurrahrufen erscholl, die Türken vergossen Thränen der Begeisterung. Aus Ungarn, im Januar. Der türkische Consul in Temesvar, Herr Simon Schwimmer, welcher bereits früher mit dem Medschidje - Orden decorirt war, wurde nun aus Anlaß seiner Verdienste um die Handelsbeziehungen der Türkei zu Oesterreich- Ungarn und wegen seiner Wohlrhätigkeit vom Sultan durch Verleihung des Osmanli-Ordens ausgezeichnet, der erste Fall, daß ein österreichisch-ungarischer Unterthan dieser Ehre theilhaftig geworden. Die türkische Toleranz in Glaubenssachen wird hierdurch gleichfalls documentirt, da Herr Schwimmer Israelit ist. Serbien. Pest, 20. Januar. Die „Budapester Correspondenz" enthält folgenden Bericht, welcher beweist, daß die siegreichen Serben die heldenmüthigen Rumänen um ihre Lorbeeren beneiden. „In Semendria hat die dortige Stadtvertretung noch im Juni des vergangenen Jahres auf Grund veralteter Gesetze die Ausweisung aller dort domicilirenden Juden ohne Unterschied der Staatsangehörigkeit mit dreißigtägigem Termin vom Zustellungstage des Edictes an, bei Geldstrafe und Transportirung auf Kosten der Ausgewiesenen, beschlossen. Als der Krieg ausbrach und man die Juden serbischen Unlerthanenverbandes zum Ausmarsche verhielt, eilten diese zum Nacalnik «Bürgermeister) und remonstrirten, daß sie nicht gezwungen werden könnten, für jenes Land ihr Blut zu vergießen, welches sie hinausjagr. Der Nacalnik beruhigte sie dahin, daß der Beschluß bereits wieder aufgehoben sei, und die Juden zogen mit in den Kampf. Vor einigen Tagen wurde nun der erwähnte Beschluß aber plötzlich reactivirt und den Juden ohne Unterschied, ob sie Serben oder österreichisch-ungarische Unterthanen sind, zugestellt. — Am 12. d. M. überreichten die auf diese Weise arg bedrohten ungarischen Juden beim Generalconsul Fürsten Wrede ein Gesuch, um schleunige Abhilfe bittend. Bis heute wurde keinerlei Verfügung getroffen, und läuft die gegebene : Frist in kürzester Zeit ab. Auch in den übrigen Städten, namentlich in Schabatz und Pozarevac, werden ähnliche Beschlüsse - vorbereitet. (Man kann nicht verkennen, daß die Conferenz der « Großmächte in Konstantinopel durch ihre beständige einseitige Be- : tonung der Confession den Rumänen und Serben Wuth gemacht - hat, ihre Grausamkeiten gegen die Juden zu wiederholen und - auszudehnen. Das letzte Aclenstück jener, die sg. gemilderten; Vorschläge giebt dafür noch Beweis. Red. d. A. Z. d. I.) I e u i l Lunstnoth. Potsdam, den 20. Januar. Von den Darbietungen, die das neue Jahr dem Kunstfreunde bringt, dürfte die Leser dieser Zeitung besonders die Herausgabe der sechs biblischen Landschaften von Wilhelm Schirmer interessirrn, welche die photographische Gesellschaft in Berlin veranstaltete. W. Schirmer gehört mit Preller und Rottmann zu derjenigen Gruppe von Malern, welche in der Landschaft den Ausdruck geistiger Stimmungen gesucht und in großartig stilisirter Weise dargestellt haben. Während in den Werken, an die sie sich anlehnen, Homer und Bibel, kaum hier und da etwas wie eine Schilderung anl e t o n. klingt, aber mit wenigen großen Zügen doch der umgebenden Natur Erwähnung geschieht, ihrer Schrecknisse und ihrer verführerischen Reize *), so haben die Meister diese kargen Mittheilungen großgezogen und das innere seelische Leben ihrer Personen in deren Umgebung ausgeprägt. Preller's Odyssee-Landschaften führen uns in herrlichen Bildern dies schöne Mährchen der wandernden Menschheit voll jugendlicher Frische und männlichem Ernst vor. Wilhelm Schirmer, der uns hier am meisten interessirt, hat sechs biblische Landschaften geschaffen, die sich an die Geschichte Abrahams anlehnen. Durch dte Aufstellung in der sogenannten 1) Bergt, den Aufsatz über diesen Gegenstand S. 666 des vorigen Jahrgangs. Redaclion.