Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1877)
- Date
- 1877-01-30
- Page
- Seite 75 (sequence 9)
- Language
- German
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75 Sonnabends sind die jüdischen Kinder vom Schulbesuche befreit und hat dafür der jüdische Lehrer am Sonntage zwei Stunden Religionsunterricht zu geben. An jüdischen Feiertagen sind dieselben ebenfalls vom Unterrichte dispensirt. In den Schulvorstand, der aus Mitgliedern aller Confessionen zusammengesetzt ist, befindet sich auch ein Jude. Der Gemeinde wurde es in den letzten Jahren sehr schwer, ihre Schule selbst zu unterhalten, da die Mitglieder gering an Zahl und notorisch arm sind. Die Königliche Regierung wurde daher alljährlich um eine Slaatsunterstützung angegangen unv bewilligte bereitwilligst 126 Thaler jährlich aber nur — widerruflich. Die Gemeinde hatte alljährlich zu befürchten, daß die Unterstützung zurückgezogen würde und die unausbleibliche Folge wäre, daß die Schule eingehen müßte. Das Gehalt des jüdischen Lehrers ist auch angemeffen erhöht worden und bezieht derselbe jetzt insgesamml 1060 Mark. Ein Gleiches ist von der einclassigen jüdischen Schule in Gollantsch zu berichten. Dieselbe ist ebenfalls mit der evangel. und kathol. Schule zu einer siebenclassigen „paritätischen Schule" vereinigt worden. Die jüdische Gemeinde war nicht länger im Stande, die Unterhaltungskosten für ihre Schule selbst aufzubringen und ist dieselbe der Königl. Regierung sehr dankbar, daß sie durch die Bereinigung einer großen Last enthoben worden ist. Auch in anderen Städten, wo einclassige jüdische Schulen noch bestehen, wird die Simultanschule von der Regierung angestrebt. Es ist nicht zu läugnen, daß durch die Bereinigung der vielen Lehrkräfte die Gesammtleistung eine viel größere sein kann, nur dürfen die Gemeinden sich nicht in ihren Rechten schmälern lassen. 8p ... . Aus dem Elsaß, im Januar. (Privatmitth.) Mehrere elsäsier Blätter enthalten Artikel über die Schulangelegenheiten der elsäsier Juden, aus welchen wir die Hauptpunkte hervorheben wollen. Die besonderste Erscheinung ist, daß sich in der aufwachsenden Jugend durchaus keine Neigung vorfinver, sich dem Schulfache zu widmen, so daß in diesem Augenblicke an der Präparanden-Anstalt zu Colmar nur ein israelitischer Jüngling vorhanden ist. Hierzu soll besonders die Aussicht beitragen, daß in nicht ferner Zukunft alle 'confessionellen Schulen zu Paritätsschulen umgewandelt werden. An solchen Schulen werden nun zwar, wie dies schon der Fall ist, jüdische Lehrer angestellt, aber da diese, dem Schulplan gemäß, am Sabbath nicht dispensirt werden können, so macht dies innerhalb einer so strenggläubigen Bevölkerung, wie unsere Glaubensgenoffen im Elsaß sind, in den meisten Fällen den jüdischen Lehrern unmöglich, solche Lehrerstellen anzunehmen. In Niederelsaß bestehen in den meisten Gemeinden jüdische Elementarschulen, und man hilft sich für vorkommende Bacanzen bei dem Mangel elsässischer Lehrer mit deutschen Lehrern aus, so daß man hier noch nicht in Verlegenheit gekommen ist. In Oberelsaß hingegen giebl es wenige Gemeindeschulen, und man. ist genörhigt, die Knaben, wenn sie den von Lehrerinnen geleiteten Kinderschulen entwachsen sind, in eine protestantische oder katholische Schule zu schicken. Um so mehr kommt aber Dann die Frage herein, auf welche Weise dem Religionsunterrichte zu genügen sei? In Deutschland, namentlich in Baden, haben die Gemeinden zweiten Ranges Männer angestellt, welche Borbeter unv Religionslehrer zugleich sind. In Oberelsaß sind hierzu nur wenige Borbeter geeignet, da sie keine pädagogische Vorbildung genosien haben. Auch hier würde das einzige Hülfsmittel sein, ein Seminar zu errichten, an welchem sowohl Rabbiner als auch Vorbeter und Religionslehrer, diese beiden Functionen vereinigt, ausgebildet würden. Frankreich. Paris, 3. Januar. Die „Israelitische Allianz" hat von Decazes > Minister des Auswärtigen) folgenden Brief erhalten: Versailles, 19. Dec. Herr Senator Crömieux! Ich empfing das Exemplar der Adresie, welche die „Alliance israölite universelle" der Conferenz in Konstantinopel zuzustellen beschloß, eine Schrift, betitelt: „Lage der Israeliten in Serbien und Rumänien", welche Sie mir die Ehre erwiesen mitzutheilen, und den Brief, durch welchen Sie mich ersuchen, bei der Conferenz durch Vermittelung des Botschafters Frankreichs an der ottomanischen Pforte zu interveniren. Ich beeilte mich, dem Herrn Grafen de Bourgoing Ihrem Wunsche gemäß zu schreiben, um Herrn "Netter, den die Alliance israölite universelle beauftragte, in ihrem Namen zu handeln, seiner wohlwollenden Aufnahme zu empfehlen. Die Gefühle der französischen Regierung betreffs der Fragen, die Sie beschäftigen, sind zu bekannt, so daß ich nicht hinzuzufügen brauche, daß die Unterstützung unserer Bevollmächtigten schon im Voraus den Israeliten im Orient bei den Besprechungen, deren Gegenstand Ihre Jntereffen und Rechte sein können, gesichert ist. Empfangen Sie u. s. w. Decazes. Ueber diesen Brief des Herzogs Decazes äußert das Organ des päpstlichen Nuntius, die Union: „Wir denken die französische Diplomatie wird die Rolle, welche die orientalischen Israeliten, meistens Unterthanen oder Schützlinge Deutschlands, seit mehreren Jahren spielten, nicht außer Acht lasien. Den Absichten des Herrn v. Bismarck, der ihr natürlicher Beschützer ist, dienen sie mit zu viel Ausdauer und Thätigkeit; es liegt folglich den Vertretern Deutschlands ob, wenn sie es für zweckmäßig halten, bei der Pforte im Jntereffe dieser unermüdlichen Pioniere der deutschen Idee zu interveniren." Sicher ist diese Auslasiung des ultramontanen Blattes intereffant, weil sie abermals und in recht craffer Weise zeigt, welcher Mittel sich diese Partei für ihre Zwecke bedient: lügenhafter Erfindung und der Schlauheit, welche letztere jedoch oft recht plump ist. Daß die orientalischen Juden die Vorkämpfer des Deutschthums und die unermüdlichen Sendlings Bismarcks