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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-01-30 · Heft 5 (30.1.1877) · p. Seite 72

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 5 (30.1.1877)
Date
1877-01-30
Page
Seite 72 (sequence 6)
Language
German
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72 geblieben sind, unterhalt die Primarie eine Wache, die sie nicht Heizen, Waffer Helen u. dgl. m. läßt. Zum Schluffe will ich Ihnen noch eine Heldenthat unseres Herrn PrLfecten erzählen. In den ersten Tagen seines Amtes ging er eines Abends in den Gaffen spazieren. Als er vor dem Schanklocale eines Juden vorbeikam, trat er bei ihm ein und fragte ihn, warum er das Local noch offenhalle, da 9 Uhr schon vorüber sei. Als der Jude ihm antworten wollte, versetzte ihm der Herr Prafect mit höchsteigener Hand einige derbe Ohrfeigen. (Es war noch nicht 9 Uhr und überhaupt keine Gäste im Locale.) Einige Tage darauf tractirte der Herr Prafect die alte Mutter dieses Juden aus offener Straße auf dieselbe Weise. Herr Lupasku soll die Aeußerung gethan haben, wenn es auch sein ganzes Vermögen kosten solle, so müffe er Prafect bleiben, und wenn der Lärm über die Austreibung der Juden aus den Dörfern ein bischen gestillt sei, würde die Reihe an die Stadtjuden kommen. NB. Soeben kommen wieder zwei Juden in die Stadt, die erst gestern weggejagt wurden. Des einen Frau ist erst vor drei Tagen entbunden. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 28. November. Von dem „Neuhebräischen und chaldäischen Wörterbuch über die Talmubim und Midraschim von Rabb. Prof. Bo. I. Levy." (Leipzig, Brockhaus, 1876), ist die sechste Lieferung, d. i. die erste des II. Bandes erschienen. Sie enthält den Buchstaben r: bis Din. Wir sehen mit Befriedigung dieses bedeutende Werk rüstig vorwartsschreiten. — Ueber den jüdischen Jargon, vulgo Kauderwalsch genannt, von Pros. Moritz Grünwald. Budapest, Schwarz, 1876. Mit Dank nehmen wir jeden Beitrag zur Bearbeitung eines bis dahin vernachlässigten literarisch oder culturhistorisch wichtigen Gegenstandes an, und vernachlässigt, obschon von geschichtlicher Wichtigkeit, war der jüdisch-deutsche Jargon lange Zeit, so daß er eine wiffenschaftliche Behandlung nicht erfuhr. Die modernen Juden setzten ihre Bemühung darein, diesen Jargon aus ihrem eigenen Munde, und möglichst aus dem der jüdischen Volksmaffe zu verdrängen, und dachten nicht daran, ihn als eine Volksschöpfung früherer Jahrhunderte geschichtlich und in seinen Eigenthümlichkeiten wiffenschaftlich zu bearbeiten. Dennoch verdiente er dies in vollem Maße. Denn wie er ein Zeugniß von der Lebenskraft in der jüdischen Maffe ist und eine umfängliche Literatur sich schuf, so zeugt er auch für die Zähigkeit und Liebe, mit welcher ein großer Teil cer jüdischen Maffe an ihrem Deutschthum hing. Denn es ist schon eine ältere Bemerkung von Chrysancer „Unterricht vom Nutzen des Juden - Tutschen, Wolfenbüttel, 1750, S. 5", daß eine solche eigenthümliche Sprachbildung von den Juden nur mit der deutschen Sprache, mit keiner anderen neueren vorgenommen worden. Wir nahmen daher die vorliegende Brochüre mit Erwartung in die Hand, und sahen uns ungern getauscht. Abgeehn davon, daß schon auf dem Titelblatte „Kauderwälsch" eine irrige Bezeichnung für den jüdisch-deutschen Jargon ist, und vielmehr die eigentliche Gaunersprache bezeichnet, wie auch „Rothwälsch", und nur uneigentlich aus alle sprachentstellende Mundarten übertragen wird — meint der Verfasser, daß der jüdischdeutsche Jargon noch gar nicht bearbeitet sei, kennt also nicht die umfängliche wiffenschaftliche Bearbeitung vom historischen, grammatikalischen und lexikographischen Standpunkte, welche vr. Avo-Lallemant über denselben gelieferr hat. Freilich ist diese im dritten und vierten Theile des verdienstvollen Werkes: „Das deutsche Gaunerthum" (Leipzig, Brockhaus 1862) enthalten, wobei Herr Avö-Lallemant nachweist, daß die Gaunersprache zwar viele Ausdrücke dem jüdisch-deutschen Jargon entlehnt, durchaus aber einen besonderen Ursprung und in ihrer mannichfaltigen Sprachmischung mit diesem nichts gemein hat. Wir aber unsrerseits haben die Arbeit Avö-Lallemants wiederholt in dieser Zeitung gewürdigt1), so daß also jüdische Gelehrte, welche diesem Gegenstände ihre Aufmerksamkeit zuwenden, nicht entschuldigt sind, jene wiffenschaftliche Arbeit nicht zu kennen. Ein Blick auf jene hätte Herrn Grünwalv wahrscheinlich bewogen, seine Arbeit nicht zu veröffentlichen. Er will Nachweisen, daß Lautveränderungen, sowohl mit Vocalen als Consonanten in jedem Dialect einer Sprache und in den Sprachen unter einander Vorkommen. Dies ist freilich ein Beweis, der gar nicht geführt zu werden braucht, noch dazu, La solche Lautveränderungen innerhalb des jüdisch-deutschen Jargons selbst sehr zahlreich bestehen und der Jude in Elsaß und Süddeutschland mit ganz anderen Bocalen und Consonanten spricht als der norddeutsche, böhmische, ungarische oder gar polnische Jude. Am wenigsten beweist der Berfaffer jedoch hierdurch, daß der jüdisch-deutsche Jargon den gleichen Werth mit jedem Dialect eines deutschen Stammes besitze. Dies ist der unparteiischen Wahrheit nach gänzlich falsch. Der jüdisch-deutsche Jargon konnte und durfte kein wirklicher deutscher Stammdialect werden, denn die Juden konnten und durften ihr Hebräisch nicht vergeffen und ein Amalgam von deutscher und.hebräischer Sprache ist der deutsch-jüdische Jargon, abgesehen davon, daß er, wie der Vers. S. 10 selbst bemerkt, auch französische, englische, italienische, polnische, böhmische und ungarische Wörter — des Hebräischen gedenkt er gar nicht — in sich ausgenommen hat. Ein solches Gemisch, ganz abgesehen von seinem geschichtlichen und sprachlichen Werthe, kann aber kein Dialect einer bestimmten Sprache genannt werden. Denn es handelt sich hier nicht allein um die Annahme fremdsprachlicher Wörter, sondern auch um die grammatikalische Gestaltung. Wir wollen nur einige wenige Beispiele ansühren. Man fügt die deutsche Berbalendung an ein hebräisches Wort und flectirt es deutsch, z. B. halchenen, er halchent u. s. w. I) S. Jahrgang 1862, S. 734. Jahrgang 1863, S. 4. 17. 240. 253.

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