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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-01-30 · Heft 5 (30.1.1877) · p. Seite 71

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 5 (30.1.1877)
Date
1877-01-30
Page
Seite 71 (sequence 5)
Language
German
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71 in die Donau werfen ließ — alle Hebel in Bewegung, um als Depulirter in die Kammer zu kommen. Er setzte es auch durch, daß er hier im zweiten Wahlkörper gewählt wurde. Aber bald gelangte Herr Lupasku zu der Ueberzeugung, daß die Kammer nicht das Feld sei, wo er sich bei seiner Partei einen Namen erwerben könnte. Um dies zu erreichen, sah er ein, müsie er Juden verfolgen. Er wußte es beim Minister des Innern, Herrn Vernesku — dem der damalige Prafect Pancpulu durch seine Mäßigkeit und wahren Liberalismus ohnehin mißfiel — durchzusetzen, daß er zum hiesigen Präfecten ernannt wurde. Nun schritt er an's Werk. Gleich bei seinem Amtsantritte ließ er sich von einem hier erscheinenden Winkelblättchen Namens Vocca Racovci, das von einem gewiffen Paul Gorgos — einem seiner Getreuen — redigirt wird, auf alle bis nun im hiesigen Districte vorgekommenen Gesetzwidrigkeiten aufmerksam machen, mit der Aufforderung, denselben zu steuern. Daß den Juden der erste Platz in der schwarzen Liste eingeräumt wurde, ist selbstverständlich. Herr Lupasku suchte und fand in jedem Dorfe einen Nichtswürdigen, der gegen die dort ansässigen Juden mit der Klage auftrat, daß diese unter einem erborgten christlichen Namen Spirituosen verkaufen. In Folge dieser Anklage ließ Lupasku alle bei den Juden Vorgefundenen Getränke confisciren und die Schanklocale sperren. Die Getränke wurden nach einigen Tagen im Licitationswege verkauft, die Juden aber aufgefordert, eine gewiffe Strafe zu erlegen, widrigenfalls sie eingesperrt würden. Herr Lupasku glaubte mit diesem Vergehen die Juden zu zwingen, die Dörfer zu verlaffen. Diese aber, von denen ein großer Theil in demselben Dorfe geboren. Andere 20 bis 30 Jahre in demselben wohnen, konnten sich nicht so leicht entschließen, ihren Heimathsort zu verlaffen. Dieses paßte aber unserem Herrn Präfecten nicht. Er wollte die Juden nicht blos ihres Nahrunzszweiges berauben, sondern auch obdachlos machen. Er erließ daher Circulare an alle Primäre, in denen er ihnen Vorwürfe macht, daß sie die ansteckende Krankheit «die Juden) — im Dorfe duldeten. Von einem solchen Circulär, gezeichnet vom Sub- Präfecten Lascar Zion, besitze ich eine wortgetreue Abschrift. Detaillirte Instructionen wurden jedem Primäre mündlich gegeben. Nun erhielt jeder Jude von seiner Primarie die Weisung, das Dorf binnen 12 Stunden zu verlaffen. Da die Juden nicht gutwillig gingen, wurde Gewalt angewendet. Der Herr Prafect, zu dem sie um Hülfe schrien, stieß sie mit Hohn von sich. Die Juden wurden förmlich aus den Dörfern mit Stöcken hinausgehetzt. Es wurden ihnen, trotzdem daß damals eine starke Kälte herrschte, Fenster und Thüren eingeschlagen, ihre Habseligkeilen entweder zertrümmert oder auf einen Ochsenwagen geladen und zum Dorfe hinausgeschafft. Aus das Gewimmer der vor Kälte zitternden Kinder und Greise wurde mit Gelächter und Stockschlägen geantwortet. Von den vielen vorgekommenen Barbareien will ich Ihnen nur diejenigen anführen, deren Wahrheit ich verbürgen kann. In Birasca Plasa Mislocu wurde ein fünfzigjähriger Schneider, Namens Uvram Jasif — trotz seiner Bitte, man möge ihm eine kurze Frist gewähren — Nachts in der grimmigsten Kälte auf einen Wagen geladen und zum Dorfe hinausgejagt. Derselbe starb auch gleich nach seiner Ankunft im Städtchen Kodesci in Folge der Schläge und der Kälte. Aus der Commune Dulen Plasa Racova wurde der Jude Zalman Davids mit feiner Familie des Nachts hinausgejagt. Der Schlitten, auf dem man sie fortführte, wurde umgeworfen und sein einjähriges Kind dadurch erschlagen. In der Commune Brosten Plasa Racova wurde eine Wittwe, Namens Hefe, mit ihren fünf Kindern überfallen, geschlagen, ihre Vorgefundenen Habseligkeiten dem Hauseigenthümer geschenkt, die Wittwe nebst ihren Kindern aber eine Meile weit vor den Pferden zu Fuße gejagt, so daß sie in Folge dessen gefährlich erkrankte. Ihr jetziger Zustand ist mir nicht bekannt. In der Commune Lipova kam man zum Juden Fraike Sin Avram. Dieser hatte die Thür verschloffen, weil seine Frau im Bette lag, ihre Entbindung erwartend. Trotzdem erbrach man die Thür und wollte die Frau in diesem Zustande aus dem Torfe schaffen. Nur dem energischen Einschreiten des Gutsbesitzers gelang es, die Elenden von ihrem Vorhaben abzubringen. Die Frau aber ist in Folge des ausgcstandenen Schreckens gefährlich erkrankt, ihr Zustand ist momentan hoffnungslos. Ich könnte Ihnen noch viele solcher Fälle aufzählen, fürchte aber, Sie zu ermüden. Alles Protestiren war vergebens. Wenn man zum Präfecten mit einem Gesuche kam, nahm er die an dem Gesuche klebende Marke ab und gab sie dem Bittsteller mit dem Bemerken, es sei schade um's Geld, denn er würde doch nichts ausrichten. Für einige der Juden, die österreichisch-ungarische Unterthanen sind, protestirle der Jaffyer Consul; aber Herr Lupasku rechtfertigte seine Greuelthaten durch ein „Gesetz", in welchem es heißt: „Fremde Individuen, die ohne jeden Erwerbszweig sind, sollen in Len Dörfern nicht ausgenommen werden." 'Nun wohnen aber diese Juden auch schon jahrelang in denselben Dörfern, und jeder von ihnen ernährte sich redlich. Auch das Appelliren an das Ministerium blieb Anfangs erfolglos. Endlich vorige Woche fing dieses an, einigermaßen einzuschreiten. Es wurde ein Delegat ernannt, der den Sachverhalt untersuchen soll. Aber Herr Lupasku erwartete denselben in Bacau, fuhr mit ihm über Jaffy nach einem Dorfe, wo es den Juden gelungen ist, den Primär durch Bestechung zu bewegen, daß er sie dort wohnen ließ, und der Herr Telegirte, überzeugt, daß Juden in den Dörfern wohnen, kehrte so heimlich, wie er gekommen, wieder zurück. Die 150 Familien, welche obdachlos umherirren, kümmerten ihn nicht. Die Juden, welche davon hörten, protestirten abermals bei dem Ministerium, und dieses versprach eine andere Commission zu schicken. Bis zur Stunde ist dieselbe noch nicht angekommen. Bei denjenigen Juden, die noch hier und da in den Dörfern

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