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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-01-23 · Heft 4 (23.1.1877) · p. Seite 59

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 4 (23.1.1877)
Date
1877-01-23
Page
Seite 59 (sequence 9)
Language
German
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Volk gegen die Juden aufzuhetzen, haben im verflossenen Jahre zwar nicht nachgelassen, doch ebenso Fiasco gemacht, wie im vorhergehenden. Und doch hatten diese Wühlereien viel mehr zu bedeuten, als die früher« der Kreuzzeitungspartei und die gleichzeitigen der Agrarier und ihrer Genoffen. Denn die Einwirkung der ultramontaneu Preffe auf die unteren Volksschichten ist sehr bedeutend, wahrend die protestantisch-reactionare Partei am meisten in der höheren Claffe, und auch hier nur einen beschrankten Boden besitzt. Aber auch jene kann sich eines factischen Erfolges nicht rühmen, nicht der kleinsten Hetze, nicht der geringsten Plünderung und Mißhandlung; auf die Gesetzgebung hat sie selbstverständlich keinen Einfluß. Da sie nun sieht, daß alle Heldenthaten der „Germania" und ihrer publicistischen Schleppträger, alle Heldenthaten der Rohling's. Rebbert's, Martin's, Rittler's, Frantz's u. s. w. nichts helfen und nur Schläge in die Luft sind, sucht sie endlich den Papst Pius IX. selbst in's Gefecht zu führen. Wir folgen ihr dahin ungern. Nicht als ob wir irgend welche der hochtönenden Lobpreisungen, welche dem gegenwärtigen Papste in überschwenglicher Fülle dargebracht werden, mit anstimmen möchten; wir theilen durchaus nicht die guten Meinungen, welche man über seinen Verstand und sein Herz zu verbreiten sucht. Aber wir achten die Gefühle so zahlreicher Mitmenschen, welche ihn verehren, und er ist im Unglück, wenigstens im vermeintlichen Unglück, und dies muß von jedem herberen Tadel zurückhalten. Schon früher verbreitete man eifrigst Aussprüche des Papstes, welche die Theilnahme der Juden für die gegenwärtige Gestaltung Italiens verdammten und nach bekannter Weise alle italienischen Nattoualbestrebungen „den Juden und Judengenoffen" zuschrieben. Ja, man infinuirte dem Greise, daß die Juden es wären, welche hauptsächlich die Kirchengüter, die der Staat säcularifirt, an sich kauften, während notorisch unter den Hunderten von Käufern nur ein Jude ein kleines Grundstück an sich gebracht hat. Auch dies ist verhallt, und nun versucht man es auf andere Weise. Bekanntlich liebt es Pius IX. sich mit der Person des Stifters der christlichen Religion zu vergleichen. Wir wollen das Unzutreffende dieser Vergleichung nicht detailliren. Ist doch die Hauptklage des Papstes der Verlust seiner weltlichen Herrschaft, während Jesus nachdrücklich predigte, daß sein Reich nicht von dieser Welt sei. Ein Gleiches that er jüngst in einer Ansprache an eine Deputation des römischen Adels, welche der „Offervatore romano" wörtlich mittheilt. Darin heißt es, nachdem er von seinen früheren Besuchen in den Gesellschaften des Adels gesprochen: „Doch jetzt bin ich gezwungen in dem Palaste zu bleiben, worin ich mich befinde; ich kann jene Kreise nicht mehr besuchen, sowohl weil ich Papst bin, als weil die äußeren Berhältniffe mich daran hindern. Als Jesus Christus einst während seines Aufenthaltes in dem Gebiete von Galiläa von seinen Jüngern aufgefordert wurde, sich nach Judäa und Jerusalem zu begeben, antwortete er, das könne er nicht. Komm, sagen jene, komm zeige dort deine Wunderthaten, dort sind zahlreichere Schaaren, laß sie auch deine Werke anstaunen und bewundern; aber Jesus Christus antwortete ihnen: Tempus meuw nondum Sllvevit, meine Zeit ist noch nicht gekommen, sie wird aber kommen, wie der Vater sie angeordnet hat; und zwar, so sögt die heilige Schrift hinzu, sagte er dies: Propier metum Judaeorum, aus Furcht vor den Juden, die von den ersten Tagen seines Auftretens auf seinen Tod sannen. Ncm enim volebat in Judaeam ambulare, quia quaerebant eum Judaei interficere. Auch zu mir spricht die Welt ähnlich, und noch in diesen Tagen ist mir gesagt worden: warum verläßt du den Vatican nicht? Auch ich muß antworten: Meine Zeit ist noch nicht gekommen; jetzt kann ich nicht ausgehen propter metum Judaeorum, aus Furcht vor den Juden. Der Vatican ist für mich das kleine Galiläa, deffen Grenze ich nicht überschreiten darf, über deffen Schwelle ich meinen Fuß nicht setzen darf aus Furcht vor den Juden." — Hiermit bricht dieser Theil der Rede ab und es werden nur noch vom Papste einige Phrasen über Armuth (!) und Demuth (!) hinzugefügt. Also steht es in vielen deutschen ultramontanen Blättern, und zwar mit dem Gedankenstrich hinter den Worten „aus Furcht vor den Juden". Wer diese Redeweise versteht, weiß, daß der Papst mit den „Juden" die von ihm „Piemontesen" genannten Italiener versteht. Nun ist es nicht unsere Sache, die päpstliche Anschuldigung, daß die Italiener ihm nach dem Leben trachten und er deshalb den Vatikan nicht verlaffen dürfe, zu charakterisiren. Aber der große Haufe unter den Lesern der ultramontanen Blätter muß die Worte so verstehen, als ob die Juden dem Papste nach dem Leben trachten!!! Die Art, wie diese Stelle, ohne irgend welche zum Berständniß gereichende Erklärung, citirt wird, läßt es nicht bezweifeln, daß die ultramontanen Blätter eine solche Verdächtigung der Juden, die der Papst gar nicht beabsichtigt hat, so ungeheuerlich sie ist, in dem Geiste ihrer Leser Hervorrufen wollen. Thkricht wäre es, zeigen zu wollen, daß es den Juden hierzu an jedweder Triebfeder fehlt, ein solcher Gedanke wie jedes Motiv dazu ihnen unendlich fern liegt. Das wiffen diese Skribenten so gut wie wir. Aber da es ihnen nur darauf ankommt, das Volk gegen die Juden zu erbittern, und ihnen jedes Mittel, das hierzu dienen soll, gleich ist, so scheuen sie sich auch nicht, den Papst hierzu zu mißbrauchen. Uebrigens können wir die Bemerkung nicht unterlrffen, daß der Ausspruch selbst, der hier Jesus in den Mund gelegt wird, uns sehr unwahrscheinlich vorkommt. Denn wer wohnte denn in Galiläa? nicht auch die Juden? und zwar sehr eifrige Juden, wie uns die Geschichte lehrt? Doch auch dieses Manöver wird erfolglos bleiben, und es dauert uns nur der greise Papst, daß er sich vor dem Dolche des Mörders oder dem Schwerte der Piemontesen fürchtet, während sicherlich keine Seele auf dem Erdboden einen solchen Gedanken hegt. Mainz, im Januar. (Privatmitth.) Der hiesige Uz (durchaus nicht gleichbedeutend, wenn auch verwandt mit Ulk, vergl.

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