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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-01-23 · Heft 4 (23.1.1877) · p. Seite 56

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 4 (23.1.1877)
Date
1877-01-23
Page
Seite 56 (sequence 6)
Language
German
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56 Pariser Memoire (f. oben) nur sehr wenig von den türkischen Juden die Rede, vielmehr das ganze Gewicht auf Rumänien gelegt. Es wird deshalb für viele Leser interessant sein, einen Ueberblick über die Geschichte der Juden in der Türkei an dieser Stelle zu erhallen. Wir nehmen hierbei besonders auf die europäische Türkei Rücksicht. Zur Zeit, als die Türken durch die Eroberung Konstantinopels dem griechischen Kaiserthum ein Ende machten, befanden sich die Juden in den meisten christlichen Staaten, besonders auch in Deutschland in der traurigsten Lage. Ueberall verfolgt, verjagt, mit Feuer und Schwert mißhandelt, erlitten sie bald darauf (1492) die vollständige Vertreibung aus der pyrenäischen Halbinsel und das Martyrium, durch welches die Inquisition auch die, durch die Gewaltmaßregeln zur Taufe bewogenen Juden und ihre Nachkommen zu zahlreicher Flucht nöthigte. Ganz anders in der Türkei. Gleichzeitige jüdische Schriftsteller wissen die Lage der Juden in diesem Reiche nicht genug zu rühmen, so daß ihnen daselbst „nichts zu wünschen übrig bliebe". Ihre Niederlassung ward durch Nichts erschwert; Handel, Handwerk und Kunst durften sie nach Belieben und freier Wahl betreiben; sie konnten über ihr Eigenthum frei verfügen und waren nur mit geringen Abgaben belastet. Isaak Zarphati erließ eine Aufforderung an die deutschen Juden um 1480, nach der Türkei auszuwandern. Als die beiden spanischen Herrscher die Juden verjagten, verspottete jene der Sultan Bajazet II., indem er sagte: „Ihr nennt Fernando einen klugen König, er, der sein Land arm, und das unsrige reich gemacht!" Er erließ den Befehl, die vertriebenen Juden nirgends von den Grenzen seines Reiches zurückzuweisen, sondern ihnen eine bereite und milde Aufnahme zu gewähren. Sie zu bedrücken verbot er bei Todesstrafe. Es versteht sich, daß diese providentielle Gunst den unglücklichen Flüchtlingen, welche in so vielen Ländern der grausamsten Behandlung ausgesetzt waren, zusagte und von vielen Tausenden benutzt wurde. Nach und nach langte die Mehrzahl der spanischen Auswanderer in der europäischen Türkei an, wo die Nachfolger Bajazets, Selim I. und Sulaiman I. sie in gleicher Weise willkommen hießen. Es war ausdrücklich befohlen, den Juden kein Recht vorzuenthalten, welches anderen Völkerschaften, z. B. Armeniern, Griechen zugestanden war. Ja, in Wirklichkeit mußte sich ihr Schicksal noch besser gestalten. Denn die Türken konnten den christlichen Völkern, welche sie mit dem Schwerte unterworfen, naturgemäß nur mißtrauen und voraussetzen, daß sie jede Gelegenheit wahrnehmen würden, das schwere Joch wieder abzuwälzen und bis dahin den türkischen Machthabern wenigstens so viel wie möglich zu schaden. Bei den, in der Christenheit verfolgten und von ihnen wohlaufgenommeven und milde behandelten Juden brauchten sie solche Motive nicht anzunehmen und durften auf ihre Treue rechnen. Da nun die Osmanen nur Krieger waren, konnten sie ihrerseits der Handel- und Gewerbe-Treibenden nicht entbehren und ihnen so die Juden die nützlichsten Unterthanen werden. Selbst Waffen, Kanonen, Pulver verfertigten die aus Spanien und Portugal verbannten Juden für die Türken. Besonders kamen auch die jüdischen Aerzte in Aufnahme und die Familie Hamon, die aus Granada stammte, gab lange Zeit den Sultanen ihre Leibärzte. Als Dolmetscher leisteten sie viele Dienste. So schwollen die Gemeinden in Konstantinopel, Salonichi (wo die Juden die Mehrzahl der Bewohner bildeten), Adrianopel, Nikopel u. a. schnell an. — Als der Papst Paul IV. die Juden in Italien, namentlich in Ancona aufs Härteste verfolgte, richtete der Sultan Sulaiman am 9. März 1556 ein Schreiben an den Papst, in welchem er sich beklagte, daß durch das Verfahren des Papstes viele seiner jüdischen Unterthanen hart betroffen worden und er selbst dadurch Einbuße an seinen Einkünften habe. Er drohte, wenn der Papst die zur Türkei gehörigen Juden in Ancona nicht freiließe, an den Christen in der Türkei Repressalien zu nehmen. Der Papst mußte sich fügen. Damals war es, wo Joseph Naßi bei dem Sultan sich die höchste Gunst erwarb und selbst zum Range eines Herzogs von Naxos von Selim II. erhoben wurde. Er übte einen großen Einfluß, besonders auf die auswärtigen Angelegenheiten, wußte die Jntriguen seiner erbitterten Feinde wiederholt, z. B. 1569, zu vereiteln, und oft mußten christliche Mächte, z. B. Venedig, ihre Beschlüsse gegen die Juden zurücknehmen, um die Feindschaft der türkischen Juden nicht zu erfahren. Es ist dies geschichtlich documentirt. Ihm folgte in feinem Einflüsse Salomon Aschkanasi, welcher sogar in der polnischen Königswahl einen entscheidenden Einfluß übte, und wenn die christlichen Staatsmänner bei der Pforte etwas ausrichten wollten, suchten sie einen jüdischen Vertreter ihrer Interessen in Stambul zu gewinnen. So kam es, daß die Stellung der Juden außerordentlich günstig war, und sie Großhandel und Schifffahrt in ausgedehntem Maße betrieben. Wurden sie bisweilen in den Provinzen von der griechischen Bevölkerung geplagt, so erreichten sie in Konstantinopel bald Abhülfe und Bestrafung der Schuldigen. Daß unter solchen Verhältnissen sich auch der jüdische Geist enffaltete, und nicht unbedeutende schriftstellerische Leistungen in verschiedenen Zweigen hervorbrachte, ist einsichtlich. Die Geschichte der Türken ist vorzugsweise die Geschichte der Sultane und ihrer Günstlinge, ihrer Siege und ihrer Niederlagen. Mit dem Niedergange der türkischen Macht ging der innere Verfall, die wachsende Verkommenheit aller Claffen Hand in Hand, und hieran nahmen die türkischen Juden den vollen Antheil. In allen größeren Städten der Türkei wohnen zahlreiche Juden, die meist keine Gesammtgemeinden bilden, sondern in mehrere Gemeinden nebeneinander zerfallen. Eine gemeinsame Organisation besteht nicht unter ihnen, wenn auch der Chacham- Baschi eine gewisse Autorität ausübt. An einigen Orten bestehen noch jüdische Gerichtshöfe, und die Rabbiner lassen noch die Bastonade vollstrecken. Die Monogamie ist überall vorherrschend, indem jeder Bräutigam am Tage der Hochzeit feierlich geloben muß,

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