Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1877)
- Date
- 1877-01-23
- Page
- Seite 55 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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55 an der Donau gelegenen Städtchen, wurde der Cantineur des zweiten Rosciori- (Husiaren-)Regiments in grausamster Weise von den hierzu durch die Officiere aufgereizten Cavalleristen erschlagen, und zwar zu einer Zeit, wo der Commandant der vierten Militärdivision, General Bucinsky, persönlich in Calaraß verweilte und der blutende Leichnam vor seinem Fenster von der berauschten Soldateska im Koche vorübergezerrt; ähnliche, wenn auch nicht so tragisch endende Excefse wiederholen sich im ganzen Lande, was Wunder, wenn die armen Juden, alles im Stich lastend, sich eiligst aus dem Bereich des Truppenkörpers, dem sie engagirt sind, flüchten, wobei ihnen allerdings das Fatale passirt, daß sie dem eingangs erwähnten Contract zufolge als Deserteure betrachtet werden und unerbittlich auf sie Jagd gemacht wird, und da die Prügelstrafe in Rumänien abgeschafft ist, mit dem Steigbügelriemen halbtodt geprügelt und dann von einem Gefängniß in's andere geschleppt werden. Der empörendste Auftritt fand aber dieser Tage in dem wenige Stunden von hier entfernten Krajova statt. Am Christabend waren sechs Compagnien Infanterie, welche zur Division des Generals Lupu nach Cetate nächst Celafet bestimmt waren, zum Abmärsche bereit und schickten sich eben an, die Stadt, in welcher sie einige Wochen in Garnison gelegen und bei den dortigen Juden zahlreiche Schulden contrahirt halten, zu verlosten, als der commandirende Officier ohne jeglichen Grund seine Mannschaft haranguirte, zuvor den Juden die Fenster einzuschlagen. Kaum war dies Commaudo den Lippen des Edlen entflohen, als die Abthellungen sich lösten und unter wüstem Gejohle die ohnehin stark illuminirten Krieger in die Behausung der jüdischen Bevölkerung drangen, dort Alles zerstörend und demolirend, nachdem sie zuvor alle Fenster durch Steinwürfe zertrümmert, alle Bictualiengewölbe geplündert. Sämmtliche Inwohner, die sich zur Wehre setzen wollten, wurden gröblich insultirt, selbst mißhandelt, desgleichen friedliche Passanten, wenn dieselben wagten, den Unholden ein scheeles Gesicht zu zeigen. Diese Mißhandlungen werden zur Stunde in ungeschwächtem Maße fortgesetzt und nehmen die Excedenten weder auf Alter noch Geschlecht die mindeste Rücksicht; die Regierung verhält sich in diesen skandalösen Fällen den militärischen Excedenten gegenüber nicht nur passiv, sondern bestraft oft noch die Klageführenden, wenn selbe der mosaischen Religion angehören. Es sind keine Gründe vorhanden, diesen detaillirten Bericht irgendwie in Zweifel zu ziehen. Er erinnert an den früher bisweilen mißbräuchlich angewandten Ausdruck von einer „verthierten Soldateska", bei welcher jedoch die niederträchtigste Rolle auf die höheren Officiere fällt. Uebrigens haben die rumänischen Truppen ihren Heldenmuth bis jetzt allein gegen arme jüdische Marketender und ftiedfertige Einwohner erwiesen. Die Stunde des Gerichtes wird für sie schlagen, wenn sie vor den Feind gestellt werden. Bukarest, 8. Januar. In Folge der Intervention des ungarischen Ministeriums, hat das Ministerium den Präfecten Lupasku zur Verantwortung hierher berufen und den ehemaligen Bukarester Polizeipräfecten Protopesiu zur Untersuchung der Judenverfolgung nach Baslui entsendet. Wir wollen hoffen, daß dieses nicht blos eine der beliebten „Abwiegelungen" ist, sondern das rumänische Ministerium der Gerechtigkeit wirklich genügt. Jedenfalls liegt darin eine Bestätigung der Berichte über die stattgefundenen Gewaltthätigkeiten. (Die „Köln. Ztg." brachte über die ganze Angelegenheit nichts weiter als die dementirende Depesche aus Bukarest, welche, da gar keine vorgängige Miltheilung stattgefunden hatte, den Lesern nichts weiter beibrachte, als daß — hier einmal wieder erfunden oder übertrieben worden sei!) Ueber die Greuel, welche der Bericht aus Kalafat meldete, erfährt man noch nichts, und doch waren diese ärger als in Marokko und Persien! Ueber die neuen Judenverfolgungen in Rumänien berichtet der Secretär der anglo-jüdischen Gesellschaft in London, A. Löwy, auf Grund directer Miltheilungen: In Baslui wurden über 300 Personen verschiedenen Alters und Geschlechts auf Befehl des Präfecten von Galatz mir nichts dir nichts aus Haus und Hof getrieben und aus dem Orte verbannt, weil das rumänische Gesetz Juden eo ipso als Fremde und Herumtreiber betrachtet. Manchen der Vertriebenen wurde nicht einmal Zeit zur Bereitung ihres letzten Mahles gelassen, viele mußten sich ohne Lebensmittel in den Schnee hinauswenden. Jetzt werden sie durch die Mildthätigkeit ihrer Glaubensgenossen unterhalten. Ein anderer Fall wird aus Rimnik Sarat gemeldet. Hier ist ein Jude, welcher sieben Jahre in der rumänischen Armee gebient hat, nach seiner Rückkehr in die Heimath, vom Orte ausgeschlossen worden, ebenfalls nur weil er Jude und „Fremder" ist. Die Türkei undie Juden. Das düstere Bild, welches sich soeben für die Juden in Rumänien wieder einmal aufrollt, und welchem die türkische Verfassung, mit deren Ausführung in diesen Tagen begonnen wird, ein so glänzendes Gegenbild darbietet, erinnert uns lebhaft an frühere Zeiten, wo nicht minder die Behandlung der Juden in den christlichen Staaten mit der im osmanischen Reiche einen vollen Gegensatz bildete. Freilich beschränkt sich gegenwärtig die Ausschließung und Verfolgung der Juden aus den christlichen Osten, während in Mittel- und Westeuropa, in Amerika und Australien das Princip voller Gleichheit zur Herrschaft gelangt ist. Aber es ist doch anzuerkennen, daß eine humane Behandlung der Juden mit dem Beginne des türkischen Reiches anhob und zu einer gewissen Consequenz desselben gehörte. Der Geschichtskundige konnte daher mit Bestimmtheit voraussetzen, daß die Türkei niemals den Juden verweigern würde, was sie ihren christlichen Unterthanen bewilligte. Mit Recht sehen wir daher in dem